Szene: Menschen und ihre Motorräder (Archivversion) Schlüssel-Erlebnis

Der TÜV hat einen Hazet-Maulschlüssel als Bremsankerstrebe an einer Kawasaki eingetragen. Was steckt dahinter?

Es ist ein sonniger Nachmittag in Südfrankreich, irgendwo in den Kurven der Côte d‘Azur im Frühjahr 1998. Mathias Penzler, Elektronik-Ingenieur aus Bremen, ist zusammen mit seiner Freundin Susanne auf dem Rückweg nach Deutschland. Der Urlaub ist beendet, zirka 1600 Kilometer sind‘s noch bis zur Haustür. Penzler fährt eine Kawasaki Z 1000, Typ MKII, Baujahr 1980. Gebraucht gekauft, im Jahr 1990, mit rund 24000 Kilometern. „Ich hab‘ dem Verkäufer damals 37 Hunderter auf sein Motorrad gestreut, opulent ausgebreitet über Tank und Sitzbank“, erinnert sich Penzler, der dieses Bild nie vergisst. Die Kawa ist optisch und technisch aufgewertet: Acront-Räder, Spiegler-Bremsleitung, KS-Gabelstabilisator, LSL-Lenker, Billet-Vierkolben-Sättel. Giuliari-Sitzbank, Eagle-Classic-Endschalldämpfer, ARC-Kastenschwinge – ein Blickfang.

In einer Bergabpassage springt plötzlich eine Katze auf die Fahrbahn. Mathias legt eine Notbremsung hin. Die Bremsen müssen rund 430 Kilogramm aus 100 km/h verzögern. Es tut einen Schlag, ein schleifendes Geräusch kommt von hinten. Mathias rollt an den Seitenstreifen und stellt mit Schrecken fest, dass sich die Ankerstrebe der Hinterradbremse völlig verbogen hat und jetzt gegen das Rad drückt. Er baut die Strebe an Ort und Stelle aus, biegt sie gerade, montiert sie erneut. Doch das miese Stück, ein Zubehörteil, das zusammen mit der ARC-Schwinge geliefert wurde, verbiegt sich ab sofort bei jeder Betätigung der hinteren Bremse. Es ist wie verhext, praktisch so, als bestünde die Strebe fortan nicht mehr aus verchromten Stahl, sondern aus Gummi.

Am Abend steht Mathias auf einem Campingplatz vor seinem Motorrad, begutachtet das Bauteil und beide Befestigungspunkte. Spontan kommt ihm eine Idee: Das vermaledeite Ding hat in etwa die Länge eines Schraubenschlüssels. Ein Harley-Fahrer, der neben ihm zeltet, hat Werkzeug en masse dabei. Von Fühlerlehre über Feile und Polradabzieher bis zu einem besonderen Schätzchen: ein beidseitig leicht gekröpfter Doppel-Maulschlüssel, SW 18/19, 270 Grad geschlossen. Ein Spezialwerkzeug, das eigentlich Heizungsbauer verwenden. Gemeinsam tauschen sie Strebe gegen Schlüssel – er passt wie dafür gemacht. Amüsanter Zufall.

18 Monate später beim TÜV Nord in Bremen: TÜV-Ingenieur Rainer Novak, ein rothaariger Riese mit Adleraugen, wälzt sich um die Kawasaki und schaut in jede Ritze. Beim Speichenabklopfen erspäht er den Hazet-Schlüssel, holt tief Luft und möchte am liebsten explodieren. Mathias erklärt ihm, was passiert ist. Dass sich die Notlösung von damals mittlerweile 26000 Kilometer bewährt hat. Und dass Hazet-Schlüssel doch wohl mindestens so stabil seien wie die Strebe aus dem Zubehör, die, so vermutet er, lediglich aus billigem Baustahl Typ ST37 gefertigt war. Der rote Riese wankt zwischen Freude und Frust. Knirscht mit den Zähnen, kräuselt die Stirn und meint: „Na gut. Bringen Sie mir ein Materialgutachten, das bescheinigt, dass dieser Schlüssel den auftretenden Scherkräften gewachsen ist. Dann trage ich Ihnen den als Sonderzubehör ein.“

Penzler überlegt, der Ingenieur in ihm erwacht. Es wäre ein Leichtes, bei ARC anzurufen und sich eine neue Strebe auf Kulanz kommen zu lassen. Individueller ist natürlich diese verrückte Eintragung. Also schickt er ein paar Fotos plus der exakten Schilderung des Vorfalls an die Firma Hazet. Die denkt zuerst an einen Schildbürgerstreich und reagiert nicht. Mathias hakt nach und bietet eine Begutachtung vor Ort an. Doch der Werkzeughersteller zeigt sich kooperativ, schließlich ist der verwendete Schlüssel geschmiedet und normalem Baustahl sowohl in Scher- als auch Biegekräften überlegen. Hazet übersendet das geforderte Materialgutachten, mit dem Mathias ein paar Wochen später wieder auf dem Hof des TÜV Nord aufkreuzt.

Wieder ist es Prüfer Rainer Novak, der sich um Mathias kümmert. Novak strahlt übers ganze Gesicht: „Ganz im Vertrauen“, brummt er fast kumpelhaft und haut Penzler auf die Schulter ,„ich fand die Lösung vom ersten Augenblick an originell. Aber schließlich muss man sich ja absichern, oder?“ Als Mathias Penzler den Hof verlässt, hat er neben einem frischen TÜV-Stempel auch eine wahrscheinlich bundesweit einzigartige Eintragung im Brief: Gleich nach dem Vermerk „Kastenschwinge Kennzeichnung 763400“ steht „Bremsmomentabstützung Hazet-Ringschlüssel“. Und die garantiert fortan für eine nette Lagerfeuer-Anekdote.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote