Szene: Menschen und ihre Motorräder (Archivversion) Staubige Brüder

Vier reiselustige Leser, ihre angestaubten Grobstöller und eine neue BMW F 800 GS. MOTORRAD wollte wissen, was die Zunft teils eisern an ihren Alt-Enduros festhalten lässt.

Sie zählen zu den anspruchsvollsten Kunden überhaupt. Wollen ihre Maschinen meterhoch bepacken, über Autobahnen kacheln, Gebirge und Wüsten durchqueren. Sie wollen Handlichkeit, Stabilität, Reichweite, Komfort. Kurz: Sie fordern von einem Motorrad alles, außer – vielleicht, dass es schwimmen kann: Reise-Enduristen. Grob eingeteilt gibt es zwei Sorten davon: Die eine fährt eine bayerische Entenschnabel-GS, die andere bleibt ewig an ihren mitunter derb ramponierten Honda Africa Twin, Transalp oder Zweiventil-Boxern hängen. Von modernen BMW-Geessen so unberührt wie von Hondas Varadero, Suzukis V-Strom oder groß angelegten KTM.

Weil sie als naturverbundene Abenteurer nix mit modischem Style am Hut haben? Weil ihnen die Neuzeit zu kleine Vorderräder und zu viel Leistung serviert? Oder herrscht eventuell die Angst, irgendwann mitten im Nichts, vorm elektronischen Super-GAU zu stehen? Fürchtet man, dass sensible CAN-Bus-Leitungen verrückt spielen und mysteriöse schwarze Boxen lebenswichtige Signale verschlucken?

MOTORRAD wollte es genau wissen, stöberte in einschlägigen Internet-Foren und lud vier Überzeugungstäter samt ihrer "Alteisen" zum Stelldichein mit der BMW F 800 GS. Eine Neue, die von den Eckdaten her glasklar auf die vermeintlich Ewiggestrigen zielt: 21-Zoll-Vorderrad, 85 PS, 222 Kilogramm vollgetankt. Aber – Kette! Worauf sich die Partei in weitere Fraktionen teilt: Die, die vorm Geschmiere besagten Endantriebs zurückschreckt und jene, die beim Kardan den Zahnausfall fürchtet. Denn während sich eine gerissene Kette in jeder Buschwerkstatt wieder zusammenpuzzeln lässt, wird ein kariöser Wellenantrieb in der weiten Welt zum Fall für UPS.

Noch sind wir aber auf der sicheren Seite. Raststätte Schönbuch, 8.00 Uhr. Ein klebrig-süßer Espresso an der Tanke, dann volle Suppe über die Autobahn und rauf auf die Schwäbische Alb. In fliegendem Wechsel die Täler und Höhen der MOTORRAD-Testrunde gequert. Entlang verschlungener Schotterpassagen die Pistenqua-litäten geklärt, und dann zum Top-Test-Parcours, um letzte Zweifel bezüglich der Handlichkeit auszuräumen. Bei dieser Ausfahrt ist alles drin. Auch ein gemütlicher Abend im wilden Donautal, um das Erlebte zu verdauen und die gesammelten Testerfahrungen in Worte zu fassen.

Die sind von Rolf knapp und bündig formuliert. "Als Enduro taugt die F nicht", wettert er. "Eine minimale Bewegung am Gasgriff und das Teil geht ab. Auf losem Untergrund und bei Trial-Einlagen im Ersten kannst du so ein zickig-aggressives Ansprechverhalten vergessen: Die Fuhre hebt sich, senkt sich, da kriegst du keine Ruhe rein." Womit das Thema F 800 GS für den Informatiker abgehakt ist, weil die Schwarz-Gelbe seinem "grünen Laubfrosch" ja auch in anderen Belangen nichts vormache.

In Rolfs Fall spielt allerdings die Gewöhnung eine signifikante Rolle. So wild, wie der Mittfünfziger seine 1981er-BMW R 80 G/S auf den dürren Stollenreifen durch den Handling-Parcours drischt, ist hier eben zusammengewachsen, was zusammengehört. Obwohl der Ritt wegen des historischen Fahrstuhleffekts eher den Eindruck einer Schunkelattacke auf dem Oktoberfest erweckt, belegen stocknüchterne Zahlen, dass Rolf auf der stabileren F kaum schneller um die Pylonen saust. Bei insgesamt verschärftem Tempo: 32,6 zu 31,8 Sekunden. Profi-Tester sind mit der F 800 GS vielleicht noch drei, vier Sekunden früher fertig, trauen sich ans Zeitfahren mit dem antiken Schätzchen aber erst gar nicht ran.

Genauso unerschrocken wie Rolf brettert Stefan durch den Hütchenwald, und das Urteil des Africa-Twin-Treibers fällt ähnlich schonungslos aus. "Beim Umstieg bin ich zwar erschrocken, wie ausgelutscht mein Hobel inzwischen ist. Echt, so extrem hab ich das noch nie empfunden. Aber eher würde ich in eine Fahrwerksrevision investieren als in eine F 800 GS."

Der Fortschritt erscheint Stefan nicht groß genug. "Wirklich besser kann die BMW eigentlich nix. Okay, ich komme damit einen Tick schneller durch Euren Parcours, aber darum geht‘s nicht." Wohler fühle er sich auf der Honda, weil sie harmonischer und in engerem Bogen schwingt. Vom Handling ist er nicht überzeugt, der digitale Einsatz des Einspritzmotors stört ihn ebenfalls. Lob erntet das breite nutzbare Leistungsband, doch traut der Schwarzwälder der angehäuften Elektronik nicht. "Wenn dann am Arsch der Welt – und der kann sonntags mitten in den Vogesen liegen – mal was hinüber ist, kann ich nichts reparieren."

Windschutz und Ergonomie sind Stefan prinzipiell recht, der Kniewinkel dürfte jedoch größer sein. Das Heck samt Schalldämpfer dafür filigraner. "Wie sollen da noch robuste Alu-Koffer dranpassen?", fragt der Zimmermeister, der auf seiner RD 07 sogar das Mountainbike transportiert.

Am gnädigsten kommt die F bei Ralf Bohlender weg. Ralf, für den die Zeit bei einer 1991er-R 100 GS Paris Dakar stehen geblieben ist. "Ich habe mich eigentlich nie um die neuen Reise-Enduros gekümmert. Für meine Art, die Welt zu entdecken, genügten Leistung und Reserven der dicken Dakar allemal." Und jetzt das: Ausgerechnet Ralf, der weitgereiste Am-Straßenrand-Schrauber, fängt mit der Neuen zu liebäugeln an: mit der Laufruhe des Parallel-Twins, dem spurstabilen Fahrwerk, der Gabel, die alles wegfiltert, dem fast perfekten Platzarrangement. "Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, die alten Boxer nicht kennen würde und eine positive Einstellung zu diesem CAN-Bus-Kram hätte, würde ich die F 800 GS wahrscheinlich kaufen. Trotz Kette, Wasserkühlung und relativ kleinem Tank."

Mit dem Motor kommt der Mannheimer Lehrer klar, er geht eben sensibler ans Gas, hätte allerdings im Vergleich zu den 60 PS seiner alten GS mehr Druck erwartet. Was ihn befremdet ist das Zündschloss auf der Tankattrappe – "da muss doch der Tankrucksack drauf. Und dieses hässliche Plastikgefummel, das Hightech-Design, in meinem Alter pack ich das nicht mehr."

Für Klaus Maier aus dem schwäbischen Dußlingen liegt der Fall sehr viel einfacher. Dem Transalp-Fahrer geht es darum, bequem durch die Landschaft zu gondeln. Ohne weitere Philosophie. Eine Tour in die Alpen darf‘s schon sein, gerne mit Sack und Pack und Sozia – aber derbe Pisten und Teilzerlegung im Saharasand: nein danke!

Weshalb Klaus auf die Frage nach seiner Traum-Reise-Enduro nur den Kopf schüttelt. "Ehrlich, darüber hab ich noch nie nachgedacht. Gäb‘s die Transalp nicht, käme die F vielleicht in Frage." Weil Komfort und Reisetauglichkeit stimmen. Der fahrerische Aufwand ist ihm allerdings zu hoch. "Wenn ich mich nicht voll konzentriere, verhagelt mir die komische Gasannahme jede Linie. Außerdem braucht die BMW in Kurven mehr Platz als meine." Erschwerend komme die ständig ins Kreuz rutschende Gattin dazu.

Andrea vermeldet indessen, man sitze in der zweiten Reihe nicht schlecht, nur seien die mager gummierten Rasten nicht perfekt positioniert. Und was da hinten rauskomme, "der sogenannte Sound, das hört sich doch nach kaputtem Auspuff an".
Kein guter Tag für BMW ... Reise-Enduristen zählen zu den anspruchsvollsten Kunden überhaupt.

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