Szene: Messe Dortmund (Archivversion) Ein Kessel Buntes

Dortmund. Westfalenhalle. Halle drei bis Halle sieben. Jedes Frühjahr. Jede Menge Motorräder. Es darf gekauft, gegrapscht, gegessen, getrunken, geraucht und vor allem geschaut werden. »Kommse rüber, kommse ran!“

Es geht nicht anders. Wer kann dazu schon nein sagen! Der da drüben kauft auch welche. Wie die Dinger im Fett schwimmen. Eine Minute im Mund, ein Leben lang auf den Hüften. Pommes! An Pommes kommt man im Ruhrpott einfach nicht vorbei. Und so ein Tag in der Westfalenhalle, das macht hungrig. Der BVB vollführt zeitgleich seinen samstäglichen Grottenkick. Das macht traurig. Dann kilometerlang Klamotten-Buden und die neuesten, schniekesten Motorräder. Das macht mutig. Also, hömma Kollege, her mit den lecker Pommes! Ist ja auch so, dass frittierte Kartoffelstangen, Messebesuche und Motorräder im Grunde genommen in ein und derselben »Anti-Magerquark-Liga« spielen. Braucht kein Mensch, herrlich maßlos, aber prinzipiell einfach der Bringer. Na dann: Mahlzeit!
Der Ranzen spannt – auf in den Kampf! Kaum um die Ecke gebogen, hört man klassische Messe-Dortmund-Gesänge: »Und weil du mich so nett anlächelst, gebe ich dir noch einen Gutschein extra.« Der Mann mit Headset beherrscht sein Mundwerk. Rainer Krippner, eine Mischung aus Türsteher, Meister Proper und Aal-Dieter, verhökert quasi im Alleingang mehrere Lkw-Ladungen eines Düsseldorfer Zubehörfilialisten. Für zehn Euro gibt es den Messe-weg-wie-warme-Semmel-Kracher: »Und dieses Angebot gibt es morgen auch nicht im Shop: Rucksack, Bürstenset, Kettenspray und Universalreiniger. Das Ganze für nur zehn Euro!«

Rainer macht Pause, sofort bröckelt der Bürstenabsatz. Der Marktprofi, der mitunter auch als Feuerschluck und -spucker arbeitet, besitzt Hände wie eine Hydraulikpresse, setzt gezielt an und hat einen Blick für die Menschen. »Die Ossis sind immer höflich, am Sachsenring gibt es die besten Bullenreiter, die Münchner sind leider ein bisschen hochnäsig, und hier in Dortmund ist alles locker.« Das ist doch mal ’ne Ansage! Die nehmen wir gerne mit und donnern locker bei BMW vorbei. Ein riesiges Wortungetüm ziert den Bayernstand. »Unstoppable« kann man da holprig im Vorbeigalopp erkennen, graphisch willenlos mit Reifenprofil verziert. So, so, der einstige ABS-Pio-nier offensichtlich nicht mehr zu bremsen.

Hoppela, und schon sind wir bei Grün gelandet. Zwei freundliche, noch als jugendlich zu deklarierende Burschen prüfen eingehend die neue Kawasaki ZX-10R. Wollen wir mal Volkes Stimme hören? Jaaa! Andreas Luckstein und Martin Radecke checken laut eigener Aussage eigentlich jedes Jahr die Messe in Dortmund, um live und in Farbe auf den neuesten Motorrädern einem persönlich zertifizierten Gesäßtest nachzugehen. Mikro auf, Spot an. »Also die neue Kawa-Zehner ist wirklich super«, meint der markenideologisch etwas eingefärbte Z 750-Pilot Luckstein. Kumpel Martin, mit einer älteren Einzylinder-Suzuki LS 650 gerüstet, ist dagegen klarer Chopper-Kenner. »Von der neuen Suzuki Intruder war ich enttäuscht, aber das Schlimmste war das Kunststoff-Gelumpe bei der Harley XR 1200. Das geht ja gar nicht!«

Tja, so ist es auf den Messen, liebe Aussteller. Da ist‘s rum mit der Tarnung. Haptik, Optik, Knieschluss und am Gasgriff drehen: Der ultimative Messetest. »Ach ja, aber völlig peinlich war der Yamaha-Stand«, melden sich die beiden wieder. »Die Motorräder total verpfuscht und Schrauben lose. Dann sagt man was und bekommt noch eine arrogante Antwort.« Ui, ui, ui. Ganz böses Foul bei der Yamaha-Mannschaft. Sicherlich hatte der verantwortliche Mann nur schlecht gefrühstückt, verträgt die Hallenluft nicht. Aber jetzt ist klar: schrauben, schrauben, schrauben und immer an den Käufer denken. Letzte Frage: »Wo geht es noch hin, was fehlt euch?« »Zur neuen Monster, und wir vermissen ­die Zubehörstände auf der Messe!«

Zubehör, Zubehör? Suchen wir Zubehör! Im Vorbeigehen noch der Quicktest beim Ledermann. »Wie gehen die Geschäfte?« »Ja, geht. Aber die Leute wollen die 2009er-Kollektion zum 2001er-Preis – puuuh.« Immer am Jammern, diese Händler. Oh, da steht ja die neue KTM RC8. Hören Sie nun aus der beliebten Hörfunkreihe »Menschen und Sensationen der Region« einen weiteren Livemitschnitt auf MRD4: »Hömma, dat Ding geht ja gar nicht von vorn – und der Preis... boah, ey.« Bösartiger Ausschnitt oder grenzenlose Wirklichkeit? Zehn Leute, zehn Fragen, zehn Antworten. Jetzt mal ganz unter uns: Kein Klischee auf dieser Messe, das sich nicht finden lässt, was den Ruhrpott so liebenswert macht. Da gibt es Stände und Attraktionen, die gibt es eigentlich gar nicht: Lederpflege samt emsigen Gratis-Schuhputzern, ein freundlicher, sehgeschwächter alter Mann, der eine Maico-Veteranen-Gemeinschaft betreut, zwischendrin Scherenschleifer und eine Dame in verwegenem Leder, die für klaren, beschlagfreien Visierblick sorgt. Ruhrpott-XT-IG, Tattoos, ein Motorradtreffen, das sich selbst mit diversen Alkoholika bewirbt – die Liste ließe sich endlos weiterführen.

Aber eigentlich waren wir ja auf der Zubehör-Fährte. Nicht, dass es hier nichts gäbe, gegenüber früheren Jahren muss man allerdings schon etwas stöbern. Halt, hier, das sieht doch mächtig nach Zubehör aus. Aufbockständer jeglicher Art, Abdeckplanen, alles zum Messepreis und alles ­in Pappverpackung nach oben gestapelt. Mike Schween mit 16 ureigen erfahrenen Messe-Dortmund-Jahren auf dem Buckel erklärt die Welt. »Ich als Händler gehe in Vorkasse, kaufe Ware ein, komme mit dem dicken Lkw und weiß trotzdem nicht, ob es klappt.« Dann lässt er ein Bierflasche ploppen. »Die Zeiten, als die Massen uns hier die Bude einrannten und die Polizei den Einlass regelte, sind wegen des Internets vorbei. Wer was braucht, sucht zuerst im Netz nach Schnäppchen.« Mike schaut erst ein bisschen traurig, aber dann lächelt er wieder. »Das ist meine letzte Messe, ich habe Haus und Laden schon verkauft, am Mittwoch wandere ich nach Neuseeland aus.«

Kaum den Satz beendet, wollen die Leute Aufbockständer. Ja, die Zukunft. Die haben Dennis Hammelstein und Alexander Schlüter, zwei 15-Jährige aus Düsseldorf, noch vor sich. Die beiden flitzen durch die Hallen und sprühen vor Tatendrang. Sie stehen kurz vor dem Führerschein und der ersten 125er, wollen unbedingt die neue Yamaha YZF-R 125 sehen. Die wär’s! »Uns interessieren nur Supersportler«, erklären beide ein­mü­tig. »Honda, Yamaha. Kawasaki nicht, ist zu fett.« »Yamaha aber vor allem wegen Valentino Rossi – der fährt so cool.« Genau. So schön einfach kann die Welt sein. Man muss sich ja nicht über alles das Hirn zermartern. Also: Noch ’ne Portion Pommes, bitte.

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