Szene: Modellversuch mit Elektrobikes Stuttgarter Strombikes

Ausgerechnet in der Heimat von Daimler und Porsche starten zwei Pionier-Projekte mit Europas größten Flotten von Elektro-Fahrzeugen. Hunderte von E-Bikes gehören in Stuttgart bald zum Straßenbild.

Foto: EnBW
Man schrieb den 10. November 1885, als der Reitwagen, das weltweit erste Motorrad, auf Jungfernfahrt ging: drei Kilometer von Cannstatt nach Untertürkheim. Die erste Ausfahrt eines Kraftfahrzeugs fand somit zwischen heutigen Stuttgarter Stadtteilen statt. Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach hatten einen kompakten, schnell laufenden Verbrennungsmotor entwickelt, konstruiert und patentiert. Aus Kostengründen steckten die beiden Visionäre ihren neuartigen 0,5-PS-Motor in ein hölzernes Zweirad mit Stützrädern. Heute, 125 Jahre später, zählt Stuttgart 600000 Einwohner, ist die sechstgrößte Stadt Deutschlands und dank Daimler-Benz eine der führenden Autostädte der Welt. Nun beginnt ein neues Kapitel Mobilität, wieder in der baden-württembergischen Landeshauptstadt - und wieder zweirädrig: Gleich zwei leise Testflotten von Elektrorollern bilden den Auftakt zur "Modellregion Elektromobilität" Stuttgart. Diesel-E-Hybridbusse der Stuttgarter Nahverkehrsbetriebe und batteriebetriebene E-Transporter von Mercedes werden folgen.
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Das Bundesverkehrsministerium fördert acht "Modellregionen Elektromobilität" mit insgesamt 115 Millionen Euro: Berlin/Potsdam, Hamburg, München, Rhein-Ruhr (mit Schwerpunkten Aachen und Münster), Rhein-Main, Sachsen (mit Schwerpunkten Dresden und Leipzig) sowie Bremen/Oldenburg. Doch in und um Stuttgart rollt bereits in wenigen Wochen Europas größte Flotte elektrisch betriebener Zweiräder.

500 Tester fahren ab Juli 2010 Elmoto, eine 47 Kilogramm leichte Mischung aus Mountainbike und Motorrad. Diese von der Stuttgarter Firma ID-Bike entwickelten E-Bikes werden auf der Schwäbischen Alb gebaut - Wertschöpfung daheim. EnBW, eines der vier großen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland, stellt die Fahrzeuge für ein Jahr gratis zur Verfügung, samt Öko-Strom aus 13 firmeneigenen Ladestationen in der City. Rund 100 weitere Ladesäulen sind geplant. Auftanken an der Steckdose: 24 Prozent des EnBW-Strommix stammen von erneuerbaren Energieträgern, bundesweit sind es erst 16 Prozent. Allerdings stellt Kernenergie bei EnBW 45 Prozent der Stromerzeugung. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt sind 25 Prozent der Gesamtmenge Atomstrom.

Einerlei welche Stromquelle, vor Ort fahren die Elektroroller CO2-frei. So wie es bereits städtische Ämter in Stuttgart zu Forschungszwecken praktizieren. Etwa die Kontrolleure der Lebensmittelüberwachung. Sie erledigen nun einen Teil ihrer Fahrten auf italienischen Lastenrollern des Typs Oxygen Cargoscooter. Diese stemmen bis zu 90 Kilogramm auf den beiden Gepäckträgern an Front und Heck. Postboten in einem runden Dutzend europäischer Länder liefern seit Jahren Briefe damit aus.

Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster knüpft an den Feldversuch Umwelt- wie Wirtschaftsinteressen: "Um unsere Führungsrolle in der Automobil- und Zulieferindustrie zu erhalten, müssen wir auch ein Zentrum der Elektromobilität werden. Steigende Mobilitätsanforderungen sowie der wachsende Verkehr in unseren Städten erfordern neue Antworten, auch aus ökologischen Gründen." Innovativ und zukunftsweisend war die schwäbischurbane Fortbewegung ja schon 1885. Nun soll also abgasfrei auch noch dazu kommen.
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Foto: Enbw

Technische Daten Elmoto

Bürstenloser Elektro-Nabenmotor, Spitzenleistung 2 kW (2,7 PS) bei 440/min, max. Drehmoment 50 Nm am Hinterrad, Höchstgeschwindigkeit 45 km/h, Nennspannung 48 Volt, Lithium-Ionen-Akkus, Batteriekapazität 25 Ah, Reichweite maximal 65 Kilometer, Batterieladezeit 2-5 Stunden (je nach Ladegerät), Rahmen und Schwinge aus Aluminium, Reifen 24 x 2,4 Zoll, je eine Scheibenbremse vorn und hinten, Gewicht 47 kg, Zuladung 148 kg, Preis: zirka 4000 Euro, Infos: www.elmoto.com
Foto: EnBW

Technische Daten Cargoscooter

Bürstenloser Elektromotor mit Direktantrieb, Spitzenleistung 4 kW (5,5 PS) bei 200/min, max. Drehmoment 150 Nm am Hinterrad, Höchstgeschwindigkeit 45 km/h, Nennspannung 36 Volt, Lithium-Ionen-Akkus, Batteriekapazität 100 Ah, Reichweite maximal 90 Kilometer (Modell „Extended Range“), Batterieladezeit 1,5-4 Stunden (je nach Ladegerät), Rahmen aus Stahl, Trommelbremsen vorn und hinten, Reifen 100/80-10 und 120/70-12, Gewicht 136 kg, Zuladung 165 kg, Preis: zirka 8200 Euro
Foto: EnBW

Interview

"500 Testfahrer erhalten die Elmotos für ein Jahr kostenlos"

? Was waren die Beweggründe für EnBW, ein so großes Modellprojekt zum Thema Elektro-Mobilität ausgerechnet mit Zweirädern zu starten?
! Die EnBW als Energieversorger kümmert sich um die Energielogistik der neuen Antriebstechnologie. Bislang gibt es auch wegen der geringen Stückzahlen noch wenig belastbares Wissen um die Akzeptanz elektrischer Fahrzeuge im Alltag. Da Elektroautos bisher nur in geringer Stückzahl verfügbar sind, entschieden wir uns für Zweiräder. So können Hunderte von Menschen aus der Region dieses Zukunftsthema mitentwickeln.

? Ab Juli fahren 500 Testfahrer mit dem Elmoto. Wie lief dazu das Auswahlverfahren?
! Die Resonanz war enorm. Auf die 500 E-Roller bewarben sich fast 3000 Menschen. Voraussetzungen waren, dass der Bewerber in der Region Stuttgart wohnt, eine Fahrerlaubnis der Klassen M, A, A1, B oder T und einen überdachten Stellplatz mit eigener Steckdose (230 V) hat.

? Und die Nutzungsbedingungen?
! Den Roller stellen wir den Testfahrern für die einjährige Dauer des Forschungsprojekts kostenlos zur Verfügung. Der Hersteller des Elmoto produziert in Baden-Württemberg und bietet den Testteilnehmern Herstellergarantie und Wartungsservice vor Ort. Kosten für Verschleißteile und Reparaturen, die nicht von Garantie oder den durch EnBW abgeschlossenen Wartungsvertrag gedeckt werden, tragen die Testfahrer. Außerdem selbst verschuldete Schäden zum Beispiel bei einem Unfall bis zur Höhe des Selbstbehalts von 300 Euro.

? Ein Ziel des Pilot-Projekts ist das Erfassen des Nutzungsverhaltens in Sachen E-Mobilität?
! Wir wollen möglichst repräsentative Forschungsergebnisse liefern. Die 500 Rollerpioniere messen ein Jahr lang ihr Mobilitätsverhalten, unter anderem Fahr- und Verbrauchsdaten sowie Ladezeiten. Dazu sind die E-Roller mit einem GPS-Datenlogger als "rollende Labors" umgerüstet. Von der anonymisierten Auswertung dieser Daten erhofft man sich Erkenntnisse zur Entwicklung einer stabilen und europaweit standardisierten Ladeinfrastruktur. Die EnBW hat an zentralen Standorten in Stuttgart seit vorigem Herbst 13 Ladestationen installiert. Die Teilnehmer der Modellregion Stuttgart können dort bis Ende Juni 2011 ihre Elektrofahrzeuge kostenlos mit dem Ökostrom-Produkt "NaturEnergie" aufladen.

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