Szene: MOTORRAD action team Testride (Archivversion) Jeder mit Jedem

Alle mit allen in flottem Wechsel, von der Dicken auf die Drahtige, von der Biestigen auf die Geile. Was sich nach Orgie anhört, beschreibt das Prinzip einer MOTORRAD-action-team-Reise. Beim Testride fahren zehn Leser plus Tourguide elf Motorräder im Tausch.

Jochen will nicht. Er weigert sich zu tauschen. "Nein", sagt er, und mit einem Funken Hoffnung hält er sich an der Aprilia fest.

Er wird sie loslassen, aber die Shiver wird ihn nicht mehr loslassen. Er hat seine Entscheidung getroffen. Noch wahrscheinlicher aber ist, dass irgendwo zwischen Bschlabs und Imst der Zweizylinder mit Elektrogas ihn getroffen hat.

Damit hat der humorvolle Herr Schulze nicht nur eine Guzzi Mille GT neben einer V11 Scura in der Garage, sondern auch den Salat. Die neue Begehrlichkeit wird ihn im Hinterkopf kitzeln, vielleicht kontroverse Gespräche mit der Partnerin provozieren. V2 und Italien, da ist Jochen anfällig. "Die Aprilia ist es. Ich fahre jede Kurve aus, es nervt mich nicht, sie auf Drehzahl zu halten, im Gegenteil. Und 200 Kilometer Autobahn am Stück kann ich mir damit ebenfalls gut vorstellen."

Der Mann ist angefixt. Und muss gleich wieder auf Entzug. Das heißt in diesem ­Fall auf eine BMW F 800 GS. So nämlich sind die Regeln bei dieser MOTORRAD-action-team-Ausfahrt, die jedermann die Möglichkeit bietet, einen interessanten Mix aktueller Motorräder zu testen.

Etwa alle 50 Kilometer wechseln die zehn Teilnehmer nach hinten auf die nächste Maschine. Deren Reihenfolge hinter dem Tourguide bleibt stets dieselbe: Honda Transalp, KTM 690 Duke, Buell Ulysses XB12X, Kawasaki Versys, Suzuki V-Strom, Ducati Hypermotard, Aprilia SL 750 Shiver, BMW F 800 GS, Triumph Street Triple, Kawasaki Z 1000, BMW R 1200 R. Wenn die Truppe nach vier Tagen so um die 1200 Kilometer Schwäbische Alb, ­Allgäu und Alpen hinter sich gebracht hat, wird jeder mindestens zwei Mal mit jeder gefahren sein.

Jochen also soll wechseln auf die BMW F 800 GS. Das ist die Maschine, über die ­sich am Vortag Matthias und Andreas vielsagend ausgetauscht hatten. Matthias: "Da ist ja nichts wirklich schlecht dran, das nicht." Andreas: "Doch wieso soll ich damit fahren wollen?" Stille. Eine ganze Weile. Matthias: "Hm." Stille.

Thomas zweifelt an dem Umstand, dass für den Paralleltwin viele gute Argumente sprächen, es aber dennoch keinen guten Grund gebe, ihn zu fahren. Für ihn ist die 800er die Maschine, mit der er am schnellsten zurechtkam. Das ist nicht verwunderlich. Auch privat hat Thomas Reutter eine BMW, die R 1150 RT, gewählt, um sich bewegen zu lassen. So findet er auch die GS bewegend und noch mehr die R 1200 R, denn die biete das, worauf es ihm beim Motorradfahren vornehmlich ankommt: "Leistung und Sicherheit." Trotzdem favo­ri­siert der Mann ein anderes Motorrad: Kawasaki Z 1000. "Souveräne Leistung, gut kalkulierbar. Der Motor läuft optimal, lässt sich sehr leicht fahren, und die Sitz­position passt auch für so einen Langen wie mich. Stark und unauffällig, fast perfekt."

Daran mag es liegen, warum auf die Frage, mit welchem der Motorräder man am schnellsten zurechtkomme, die Z 1000 am häufigsten genannt wird, vier Mal. ­Vielen gefällt die Maschine mit dem auf­gesetzten bösen Blick, eben weil sie "ganz anders ist, als sie aussieht", wie Thomas Rieger sagt. Er fuhr die Kawasaki über die Silvretta-Hochalpenstraße und entdeckte sie dabei als "kreuzbrav", den Vierzylinder als "samtig". Beides ist als Lob zu verstehen. Doch so gut ihm die Kawasaki gefällt, dieser Thomas zweifelt nicht. An BMW. Als Eigner von K 1200 GT und F 800 ST nicht frei von Vorbelastung, erliegt er am ehesten der R 1200 R, weil sie "alles kann, wenig Schwächen hat, unspektakulär, solide und berechenbar ist".

Am zweiten Tag des Testride regnet es in Strömen, einzelne Tropfen, die Biergläser füllen können, ein Vorhang aus Wasser. Klaus indes bleibt trocken. Das ist seine Art. Auf der KTM tauchte er am Plansee vorbei und spülte über den Ammersattel. Als er absteigt, bringt er gleichzeitig sein Befinden und seine Einschätzung des Einzylinders auf den Punkt: "Auf der Rappelkiste schläft dir ja der Beutel ein." Auf der R 1200 R ­passiert ihm das sicher nicht. Der Grund allerdings, weshalb er sich am ehesten die R 1200 R zulegen würde, ist ein anderer. "Weil man Kompromisse machen muss." Wenn es allein um Spaß geht, sieht er die Ducati ganz vorn. Und ist damit nicht allein.

Axel grinst. Aus dem Grinsen im Helm kommt ein Satz, der großenteils unverständlich bleibt, jedoch unmissverständlich endet: "...geil!" Michael, der seit sieben Jahren seiner VFR 800 die Treue hält, lässt sich wortreicher aus. Die Hypermotard gelte ja als giftig. Weshalb er sich gewundert habe, über sich und über die Maschine: "Nie hatte ich das Gefühl, sie sei schwer zu beherrschen, du musst dich eher selbst beherrschen. Sie ist mit Vorsicht, aber zu genießen." Seine Einschätzung konzentriert er in einem Satz. "Die ist geil!" Uli, privat mit 200-PS-R1 ausgestattet, muss etwas hinzufügen. Die Hypermotard bezeichnet der 47-Jährige, der sich "fürs BMW-Fahren noch zu jung" findet, als "geil, geil, geil. Direkt am Gas, Druck von unten, gutes Fahrwerk, super Design".

Viele erliegen der Präsenz der Zwangsgesteuerten und lassen sich von ihr steuern, und genau das ist das Geheimnis der Hypermotard. Sie ist nicht geil, doch macht sie einen geil. Man könnte sie als Blender in Verruf bringen, aber das tut keiner. Man lässt sich zu gerne von ihr blenden.

Axel lässt sich nicht blenden, am Ende doch nicht. Da ist die Street Triple seine erste Wahl. Sie "geht wie Hulle, sieht gut aus, hat einen irren Sound. Sie wäre ein gutes Kontrastprogramm zu meiner Versys".

Marc dagegen verwundert. Im Herzen seiner Triumph Speed Triple treu, lässt er sich nicht von der Street Triple, sondern von der BMW R 1200 R in Versuchung führen, "weil sie bequem ist, der Motor Charakter und Bums hat". Er findet außerdem das "Design klasse". Spricht vom Preis-Leistungs-Verhältnis und davon, dass die BMW für ihn über die nächsten Jahre am besten wäre. "Ein toller Allrounder."

Matthias hat einen Hang zum Beson­deren. Olle Ford Scorpio in Champagner-Metallic zählen dazu. Wenn mit Sechszylinder. Das zeigt auch: Der junge Mensch, zum Testride mit altem Achtzylinder-BMW angereist, ist sensibel genug, den Reiz im Profanen zu entdecken. "Der V-Strom fehlen Image und Design. Jedoch brauchst du dich nicht zu plagen, setzt dich drauf, fährst los und kannst nicht anders als entspannt ankommen. Großer Gang rein, und du surfst um die Kurven, egal, ob es regnet." Ähnlich wohlwollend beschreibt er die Eigenschaften der Trans­alp, die im schlimmen Wetter einfach ideal sei, weil sie "alles für dich macht, ein Muli". Aber, und es ist ein entscheidendes Aber: "Sie ist einfach nur hässlich."

Dass die Multifunktionswerkzeuge im Feld nicht wirklich herausragen, entspricht ihrem Konzept: unauffällige Funktion. Und dass Versys, Transalp, V-Strom und F 800 GS nicht viel Aufmerksamkeit bekommen, liegt wohl daran, dass die Testrider dieses Konzept genau so verstanden haben.

Andreas tanzt aus der Reihe. Früher mal Transalp-Eigner, hatte er das Privileg, die KTM während üblem Guss durch das Namlos-Tal zu reiten. Es kam ihm vor, als habe der Einzylinder in jeder Kurve quergestanden. "Gut kalkulierbar. Sie rutscht ein bisschen. Klar ist das Arbeit, mit ihr zu fahren, deshalb ist es befriedigend und unterhaltsam." Großen Spaß machte Andreas deshalb auch die Buell. Er ist dem rumpeligen Charme der amerikanischen Andersartigkeit er­legen: "Toll, wie der Motor lebt und sich bewegt." Bei den japanischen Motor­rädern sei es ja manchmal so, dass sie die Vibra­tionen nicht rausbekommen. "Hier habe ich den Eindruck, die haben diese Vibrationen extra reinkonstruiert. Das fühlt sich an, als ob es genau so sein sollte. Das hätte ich vorher nie gedacht, doch die Buell macht mich an." Er hat Glück: Als das nächste Mal die Motorräder gewechselt werden, ist es Andreas, der die Buell anmacht.

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