Szene Motorradindustrie in Europa

Unternehmen, die motorisierte Zweiräder herstellen, reparieren oder vertreiben, setzen in Europa jährlich 34 Milliarden Euro um. Die Motorradindustrie als Wirtschaftsfaktor - wie sieht das aus?

Foto: Archiv
Der europäische Motorradherstellerverband ACEM hat der Europäischen Union etwas voraus: Die nationale türkische Vereinigung der Motorradimporteure MOTED ist bereits Mitglied des ACEM. Immerhin sind 2008 am Bosporus 189572 motorisierte Zweiräder verkauft worden. Das ist Rang fünf der Länder in der Region hinter Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland.

Europa und Asien sind in diesem europäischen Markt, der Gegensätze vereint, sowieso schwer zu trennen. Drei der vier japanischen Hersteller besitzen Werke in Europa, nur Kawasaki begnügt sich mit einer Europa-Zentrale in den Niederlanden. Yamaha produziert MBK-Roller sowie YZF-R 125, XT 660 und Ténéré in Frankreich, X-Max-Scooter in Spanien und betreibt ein Entwicklungszentrum in Italien. Honda baut rund 160000 CBF 500, 600 und 1000 sowie diverse Roller pro Jahr im italienischen Atessa. Suzuki hat ein Werk in Spanien, in dem 125- bis 500-cm³-Maschinen entstehen.

Die Japaner zeigen in den drei größten Märkten Europas Präsenz. Unangefochten an der Spitze liegt seit Jahren Italien, egal ob es um Produktion oder Zulassungen geht. Noch in der Krise, die 2009 für einen Rückgang der Verkäufe in Europa um rund 21 Prozent oder fast 550000 motorisierte Zweiräder auf knapp zwei Millionen Stück sorgte, brachte es Italien auf 504528 Einheiten. Rund 40 Prozent aller europäischen Motorradhersteller produzieren dort 58 Prozent des Umsatzes in diesem Sektor.

Dazu trägt ein Konzernriese wie Piaggio bei, der mit den Marken Aprilia, Derbi, Gilera, Moto Guzzi und Vespa europaweit 2009 noch 355100 motorisierte Zweiräder verkaufte, die meisten davon Roller, und 921 Millionen Euro damit umsetzte.

Neben den zwölf Großen der Branche existieren über 850 kleinere Motorradschmieden, darunter zum Beispiel die Spanier Beta und GasGas, Blata und Jawa aus Tschechien oder auch die französischen Marken Sherco und Scorpa. Diese Fragmentierung des Marktes in kleine und kleinste Einheiten zeigt sich im gesamten Zweiradbereich: Gegen Ende 2009 konkurrierten in Europa 818 Marken miteinander, die 12221 unterschiedliche Modelle von Mopeds über Roller bis zu Tourern, Sportlern oder Naked Bikes anbieten.

Rund 37000 Verkaufs- und Reparaturbetriebe schaffen mit 24,7 Milliarden Euro rund 72 Prozent des gesamten Umsatzes der Branche und stellen mit knapp 105000 Jobs zwei Drittel der Arbeitsplätze. Statistisch betrachtet, hat der durchschnittliche Verkaufs- und Reparaturbetrieb jedoch lediglich drei Angestellte.

Die haben in der Saison einiges zu tun. Der Bestand an motorisierten Zweirädern in Europa betrug 2008 rund 33,7 Millionen Stück, davon in Italien 9,2 Millionen, in Deutschland 5,6 Millionen. Aber auch in der Türkei, die sich hinter Spanien und Frankreich platziert, knattern noch 2,2 Millionen Zweiräder durch die Straßen, die gewartet und gepflegt werden wollen.

Auch was den Absatz angeht, standen die Unternehmen vor der Krise nicht schlecht da: Die Verkäufe motorisierter Zweiräder kulminierten 2007 bei 2,7 Millionen Stück. Davon waren rund 38 Prozent Roller und Mopeds bis 50 cm³, 21 Prozent hatten zwischen 51 und 125 cm³, und die umsatzstarken restlichen 41 Prozent machen Motorräder und Roller über 125 cm³ aus. Nur sieben Prozent der motorisierten Zweiräder protzen mit mehr als 1000 cm³. Europaweit werden Roller beliebter, so dass deren Anteil 2009 bereits auf 57 Prozent aller Zweiräder anwuchs.

Während die EU-Länder mit wachsendem Erfolg Motorräder über 250 cm³ vor allem in die USA und nach Japan exportieren, stagniert der Import dieser Bikes in die EU, allerdings auf hohem Niveau. Insgesamt ist die Handelsbilanz der Europäer negativ. Wer gewinnt, sind Länder wie Japan, China, Taiwan und Thailand. Auf der anderen Seite beklagen sich europäische Unternehmen über unfaire Handelsschranken. Indien beispielsweise erhebt 100 Prozent Zoll auf eingeführte Motorräder, Vietnam 90 Prozent und Thailand 60 Prozent. Noch etwas stinkt gewaltig: Während sich die europäischen Hersteller an die EU-Typzulassung samt Emissionswerten halten, exportiert China munter Zweiräder, welche die Limits weit überschreiten. Jedenfalls laut ACEM. Deshalb streben die Europäer weltweit einheitliche Regeln und den Abbau der Handelsbeschränkungen an.

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