Szene: Motorräder und Beruf (Archivversion) Gelernt ist gelernt

Donnerstag ist Motorradtag an der TU München. In einer speziellen Vorlesung während des Sommersemesters lernen die Maschinenbau-Studenten alles über den Beruf des Zweiradingenieurs – so wie Georg Kötzinger.

Dass es so groß sein würde, hatten Professor Bernd Heißing und Frank Diermeyer nicht erwartet, als sie vor fünf Jahren die Vorlesung Motorradtechnik an der Technischen Universität der bayrischen Landeshauptstadt ins Leben riefen, die es in ähnlicher Form so nur noch an der TU Darmstadt gibt. „Wir waren der Meinung, dass zur Fahrzeugtechnik auch die Motorradtechnik gehört“, erklären die beiden. Seitdem wird die Veranstaltung jedes Sommersemester als eines von zirka 80 Wahlfächern – das sind Vorlesungen und Seminare, die die Studenten des Hauptstudiums besuchen können, aber nicht müssen – angeboten. Regelmäßig lauschen zwischen 60 und 80 Zuhörer den Ausführungen der Dozenten, mehr als in jeder anderen Wahl-Vorlesung. Darunter befinden sich auch Kandidaten ohne Zweiradführerschein. Frank Diermeyer schätzt die Zahl auf etwa 30 Prozent und führt die Beliebtheit des Fachs auf die simple Erkenntnis zurück, dass das Motorrad viel technischer als ein Auto sei, „insofern ist es für Ingenieure ein schönes Gebiet, weil sie an nahezu jedem Bauteil beteiligt sind“.

In der eineinhalbstündigen Vorlesung liegt das Hauptaugenmerk auf dem Produktentstehungsprozess und der Frage: Wie werden Motorräder überhaupt entwickelt? „Wir wollen den Studierenden die Theorie vermitteln, ihnen aktuelle Werkzeuge, Methoden und Computerprogramme vorstellen, die in der Industrie eingesetzt werden, damit sie in die Firmen reingehen und sofort anfangen können zu arbeiten“, so Frank Diermeyer. Neben der Technik wie Motor, Elektronik, Rahmen oder Fahrwerkskomponenten geht es noch um weitere Gebiete, die für einen Zweiradingenieur wichtig sind. „Wir geben außerdem einen Überblick über den Motorradmarkt, das Design der Maschinen, den Motorsport und die Sicherheit“, skizziert er das Gesamtkonzept. Dazu laden die Verantwortlichen immer wieder externe Experten als Gastdozenten ein, etwa den Unfallforscher Alexander Sporner, den ehemaligen Supersport-Rennfahrer Bernhard Schick oder David Robb, Chefdesigner von BMW Motorrad. Von dem Erfahrungsaustausch profitieren letztlich nicht nur die Studierenden, sondern auch die Motorradindustrie, weil sie auf angehende Ingenieure zurückgreifen kann, die bereits spezielle Kenntnisse übers Zweirad besitzen, von der bestehenden Technik jedoch noch nicht so beeinflusst sind. Ist die Motorradtechnik-Vorlesung an der TUM also ein Sprungbrett für die Ingenieure in spe?

Einer, der es so gut wie geschafft hat, ist Georg Kötzinger. Der 30-Jährige studiert Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Fahr-zeug- und Motorentechnik und ist begeisterter Motocross- und Endurofahrer. Vor seinem Studium hat er bereits eine Lehre zum Maschinenbaumechaniker absolviert. Schon damals stand für ihn fest, dass er später im Motorradbereich arbeiten möchte. Dieses Ziel hat er konsequent verfolgt. Mittlerweile schreibt Georg seine Diplomarbeit bei KTM im österreichischen Mattighofen und darf sich berechtigte Hoffnungen auf eine Anstellung als Ingenieur machen. Er ist überzeugt, dass er das auch der Motorradtechnik-Vorlesung zu verdanken hat. „So etwas ist für den Arbeitgeber nicht unwesentlich. Die sehen natürlich, der hat schon mal was davon gehört, der kennt alle Fachausdrücke.“

Obwohl Georg durch seine jahrelange Erfahrung im Motorsport – immerhin fährt er seit knapp sieben Jahren in der deutschen Enduromeisterschaft und hat 2008 einen 24-Stunden-Teamwettbewerb gewonnen – schon viel über die Technik von Motorrädern wusste, hat er noch eine Menge gelernt, zum Beispiel in puncto Nachlauf und Einlenkverhalten des Motorrads. „Nachdem wir das in der Vorlesung durchgenommen hatten, habe ich das Thema noch mit einem Buch aus der Bibliothek vertieft und dann mit dem Gabel-Offset und der Federvorspannung meiner Maschine herumexperimentiert. So habe ich endlich den idealen Einstellwert zwischen Stabilität und Handlichkeit gefunden“, berichtet er.

Geht es nach Professor Heißing und Frank Diermeyer, kann das Beispiel von Georg Kötzinger ruhig Schule machen und die TUM in den nächsten Jahren noch mehr Zweiradingenieure hervorbringen. „Klar, die meisten Studenten, die wir hier ausbilden, gehen in die Automobilindustrie. Dennoch wollen wir die Motorradtechnik-Vorlesung weiter verbessern“, gibt Diermeyer einen Ausblick. Der K 1200 RS stehen also noch einige Nagelproben bevor.

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