Szene Tokio (Archivversion) Glühwürmchen

Gern lässt man es glühen unter der Bucht von Tokio. Weil die Maut für einen Unterwassertunnel so teuer ist, dass Motorradfahrer mitunter freie Fahrt haben inmitten der Metropole. Und dann sind sie natürlich bei Weitem schneller als die maximal erlaubten Tempo 100.

Europäer haben so ihre Vorstellungen von Japan. Und liegen damit oft ziemlich daneben. Etwa wenn sie glauben, dass wir Japaner allen Ernstes humorlose Gesellen seien, diszipliniert und obrigkeitshörig. Nach außen hin, zugegeben, tun viele noch immer so. Aber die Fassade bröckelt, mit der Konsequenz, dass da so eine Art Doppelmoral entsteht, natürlich auch auf Seiten der Obrigkeit.

Ein bezeichnendes Beispiel dafür bietet der Tokyo Bay Aqua Line Highway. Die Hauptstadt Japans liegt am Meer, an einer großen, vielfach eingekerbten Bucht. Ein Angestellter, der im Stadteil Kisarazu wohnte, in der Industrieregion Kawasaki arbeitete und sich nicht allmorgendlich und abendlich in die übervolle U-Bahn pressen wollte, musste die gesamte Küste umkurven, und das dauerte in der Rushhour mitunter Stunden. Also hat man 1989 damit begonnen, einen vierspurigen Tunnel unter dem Meeresboden der Bucht von Tokio zu graben, der 1998 eingeweiht wurde. Etwas mehr als zehn Kilometer lang, spart man damit eine Menge Zeit. Und die ist bekanntlich Geld. Hier exakt 3000 Yen für Maut, macht so an die 20 Euro.

Die zahlt Kunihisa Soga gern. Allerdings nicht, um zu seinem Arbeitsplatz in der IT-Abteilung eines großen Handelshauses zu kommen. Das wäre sogar ihm, der gut verdient, zu teuer, 40 Euro allein für die Fahrten durch den Tunnel zu blechen. Kunihisa nutzt die Röhre erst nach Feierabend. Dann lohnt sich das, dann steigt er auf seine Kawasaki ZZR 1400 und lässt sie brennen. »Optimale Bedingungen«, sagt er. »Eine gerade Strecke und – was man hier am Meer selten hat – null Seitenwind.«

Kunihisa ist nicht allein im Tunnel mit seiner Maschine. Hier trifft sich die Vollgas-Szene. Zunächst in den Restaurants und Cafés der aufgeschütteten Insel am Tunneleingang von Kisarazu, die wegen ihrer Lichtskulptur (Foto Seite 108) jeder in Tokio nur unter dem Namen »Umi Hotaru«, Meeresglühwürmchen, kennt. Dort hängt immer einer rum, der weiß, wo die Polizei gerade ihre Kameras postiert hat. »Ist aber eigentlich egal«, meint Kunihisa, »die Dinger sind fest montiert, schwenken nicht, schießen nur von vorne, und schneller als die Polizei ist meine Kawasaki allemal.«

In Japan muss ein Verkehrssünder eindeutig identifiziert, in flagranti erwischt werden. Heißt für die Polizei: den Motorradfahrer stoppen. Ein Unterfangen, das ihr beileibe nicht immer gelingt. Nicht nur, weil ein Motorrad in der Regel schneller ist als ein Streifenwagen, die Polizeichefs kümmern sich, wie das ja wohl sein muss, um das gesundheitliche Wohlergehen ihrer Angestellten und verbieten ihnen deshalb, das Potenzial ihrer Dienstgefährte auch nur annähernd auszuloten. Das ist sehr wohl bekannt in der Highspeed-Szene, in der sich – im Dienst dürfen sie ja nicht richtig Gas geben – auch der eine oder andere Ordnungshüter bewegt.

Eigentlich eine kuriose Situation: Da sieht die Polizei auf ihren Bildschirmen in der Zentrale, dass im Tunnel Leute rasen, die sie subito in den Knast expedieren sollte. Denn streng sind sie schon, die Bestimmungen, eigentlich und prinzipiell: Wer die Höchstgeschwindigkeit ums Dreifache toppt – erlaubt sind maximal 100 km/h sogar auf »Schnellstraßen« –, wird nicht nur aus dem Verkehr, sondern auch aus dem öffentlichen Leben gezogen. Doch weil die Vorgabe nicht so einfach umzusetzen ist, existiert sie – man kann das Realismus nennen, Pragamatismus, vielleicht aber auch doppelte Moral – de facto nicht. Das führt zu einer recht entspannten Stimmung im Tunnel, und möglicherweise ist deshalb dort auch noch nie ein ernsthafter Unfall passiert. Zumindest keiner mit Motorrädern im Hochgeschwindigkeitsbereich.

«Es wäre ja noch schöner«, argumentiert Kunihisa, »wenn ausgerechnet wir Japaner nicht erfahren dürften, was japanische Motorräder zu den besten und stärksten der Welt macht.« Da stimmen ihm seine Freunde sofort zu, egal, ob sie Kawasaki ZZR 1400 oder Suzuki Hayabusa fahren. Und wenn man sie fragt, welches Land in Europa sie am liebsten besuchen würden, gibt es nur eine Antwort: »Deutschland natürlich, wegen Beethoven, Goethe, Olli Kahn und der Autobahn.“

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