Tagfahrlicht für Autos (Archivversion) Anscheinend

Demnächst sollen Autos tagsüber mit Licht fahren. Damit ginge ein Sicherheitsvorteil für Motorradfahrer verloren, sollte man meinen. Allerdings zeigen Tests, dass es dann anscheinend sogar weniger Kollisionen mit Motorrädern gibt. Wenn alle scheinen.

Als die französische Regierung mal ausprobieren wollte, wie es sich denn mache, wenn Pkw den lieben langen Tag über ihre Scheinwerfer aktivieren, bekam sie einen vor den Latz. Von den motards, den Motorradfahrern. Die zu Tausenden protestierten (MOTORRAD 14/2005). Ihr Argument: »Wenn jetzt Autos mit Licht fahren, heben wir uns gar nicht mehr ab, und unsere Unfallzahlen steigen mit Sicherheit.«
Auch hier zu Lande gab es Versuche mit Tagfahrlicht, nicht derart
bombastische wie in Frankreich. Die liefen eher dezent, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter Federführung der Bundesanstalt für das Straßenwesen (BASt). Mittlerweile sind diese Tests abgeschlossen. Darüber reden darf indes keiner der Spezialisten von der BASt. »Wir
haben Anweisung aus Berlin, kein Wort über die Ergebnisse zu verlieren.«

Berlin – das heißt Bundesverkehrsministerium, wo man diesen Maulkorb für angemessen hält. »Die Studie liegt jetzt unseren Fachleuten
vor, und wenn die eine Meinung haben, wird der Minister entscheiden.« Allerdings hat es den Anschein, als habe sich der Minister, Manfred
Stolpe, bereits entschieden. Und dabei bezieht er sich auf just jenen
Bericht der BASt, den er laut seiner Presseabteilung noch gar nicht
kennt. »Eine Änderung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung solle
im nächsten Jahr umgesetzt werden«, teilte Stolpe, so war bei Spiegel
online zu lesen, dem Bielefelder »Westfalen-Blatt« mit. Gemeint war das
Tagfahrlicht und geplant sei, dass Autos, gemäß den Vorschlägen der BASt, tagsüber mit Abblendlicht fahren und Neufahrzeuge mit speziellen, Energie sparenden Tagesfahrleuchten ausgerüstet werden.
Also hat der Herr Minister en passant ausgeplaudert, was offiziell noch als Verschlusssache gilt. Weshalb seine Presseabteilung dann auch strikt dementiert, dass der Minister gesagt habe, was er gesagt hat. »Nein, er hat sich nicht für eine Lichtpflicht ausgesprochen. Der Entscheidungsprozess ist noch nicht abgeschlossen.« Aha. Übrigens: Stolpe,
der neuerdings pro ist, war unlängst contra. Als nämlich die EU das Tag-
fahrlicht einführen wollte, stimmte er mit nein. Nicht der Motorradfahrer wegen, ihn irritierte damals der Mehrverbrauch an Benzin und Diesel –
0,1 bis 0,2 Liter auf 100 Kilometer bei eingeschaltetem Abblendlicht.
Was ökologisch und angesichts der Kraftstoffpreise doch höchst bedenklich sei. Aber das war einmal.
Dass die Beschlussfassung offiziell noch läuft, der Beschluss freilich letztlich schon feststeht, bestätigt auch Matthias Haasper, Forschungsleiter des Instituts für Zweiradsicherheit e.V. (IfZ), der im fahrzeugtechnischen Ausschuss des Deutschen Verkehrssicherheitsrats mitarbeitet. Und der dort darauf besteht, dass Motorräder auch in Zukunft sich einen
besonderen Anschein geben. Mit farbigem oder gar mit pulsierendem Licht. Da sei noch vieles in der Diskussion. »Als Interessenvertreter der Motorradfahrer sind wir natürlich gegen die Lichtpflicht für Autos, doch die wird sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht verhindern lassen.«
Nicht nur, weil deutsche Motorradfahrer, anders als die französischen, in etwa so schwer zu aktivieren sind wie ein Brocken Fels. Sondern
weil auch die Statistik dafür spricht, tagsüber alle schweinwerfern zu
lassen. Wobei das bekanntermaßen so eine Sache ist mit der Statistik. Gern genommen wird die aus Schweden, wo seit 1977 Lichtpflicht herrscht. Dort habe es seitdem immerhin 21 Prozent weniger Unfälle
zwischen Autos und Motorrädern gegeben (Zahlen für 1981). Allerdings sind die Lichtverhältnisse droben im Norden, wo es sommers nie so recht dunkelt und winters nicht so recht hellt, völlig anders als in unseren
Breiten. Von den Verkehrsverhältnissen ganz zu schweigen.

Nun zeigen aber Analysen aus anderen Ländern, wo des Tags geleuchtet wird – darunter Dänemark und Slowenien,
Italien außerorts (Österreich macht im Herbst die Lichter
an) –, dass dort außer den Unfällen zwischen Pkw auch die zwischen Autos und Motorrädern entscheidend zurückgegangen sind. Statistiker haben hochgerechnet, was das für die gesamte EU bedeuten würde: 5500 Tote, 155000 Verletzte und 1,9 Millionen Verkehrsunfälle mit Versicherungsschäden weniger. Zufall, dass diese Zahlen ausgerechnet von einer Versicherung, der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, in Flugblättern und Aushängen verbreitet werden? Sicher nicht.

Trotzdem machen diese Zahlen nachdenklich. Und vielleicht gibt
es sogar eine Erklärung für den Rückgang der Unfälle mit Motorrädern, obwohl der erste Augenschein – ihr Verschwinden in einem Lichtermeer – dagegen spricht. In diese Logik erscheint der Motorradfahrer indes primär als Opfer. Und unschuldiges, zum Abschuss frei gegebenes Opfer, das
ist er definitiv – in zwei Dritteln aller Kollisionen mit einem Auto.
Andererseits: Wenn mit Tagfahrlicht tatsächlich weniger Unfälle
passieren, dann allem Anschein nach allein deshalb, weil der Motorradfahrer die Chance hat, angesichts beleuchteter Objekte noch umsichtiger zu agieren. Er wird zwar weiterhin übersehen, vermutlich mehr als zuvor, aber er selbst erkennt die Situation deutlicher. Weil Motorradfahrer meist eh konzentrierter und aufmerksamer unterwegs sind als die Vertreter
der vierrädrigen Fraktion, können sie noch besser wettmachen, was andere verbocken. Doch auch dieser Argumentation, eher einer Spekulation, fehlt es bislang an einem empirischen und statistischen Fundament.
Deshalb sollte die Studie der BASt, die hier vielleicht Aufschluss
geben kann, schnellstmöglich veröffentlicht werden. In den Händen der
Berliner Bürokraten, die mal hü und mal hott sagen, wie’s politisch eben gerade opportun erscheint, ist sie jedenfalls nicht sonderlich gut aufge-hoben. Dafür ist das Thema einfach zu wichtig.

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