Taglichtpflicht für Pkw und Lkw (Archivversion) Das ewige Licht

Von wegen in Deutschland gehen die Lichter aus. Immerdar sollen sie leuchten.Demnächst. Sogar bei schönstem Sonnenschein. Steht so zumindest in einer neuen Studie.

Dass Manager der Automobilindustrie sich ab und an aufs Motorrad setzen, das kennt man schon. Weil auch sie ein Fahrerlebnis genießen wollen, wie es die sportlichste Schüssel aus eigener Produktion niemals bieten kann.
Was man noch nicht so kennt: dass Ingenieure in leitender Funktion sich schon bei der Entwicklung neuer Techniken Gedanken darüber machen, wie diese sich vom Vier- aufs Zweirädrige übertragen lassen. Dr. Wolfgang Huhn, Leiter Lichttechnik der Audi AG, ist so einer. Und stellt seine Aprilia RSV 1000 in den hauseigenen Lichtkanal, eine Luxuskarosse namens
A8 daneben, lässt Leuchtstärken messen. Er tut’s, weil er weiß, was andere Motorradfahrer noch befürchten: dass demnächst eine allgemeine Lichtpflicht für alle
Kraftfahrzeuge auch tagsüber gelten soll
(MOTORRAD 17/2005). Und darauf vorbereitet zu sein, technische Lösungen zu präsentieren, das ist sein Job.
Im September nämlich hat die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) eine Studie veröffentlicht. Die heißt »Abschätzung möglicher Auswirkungen von Fahren mit Licht am Tag (Tagfahrleuchten/Abblendlicht) in Deutschland – Abschlussbericht« (www.bast.de), und in der steht, dass diese »möglichen Auswirkungen« als positiv eingeschätzt werden müssen. Positiv, was die »Abschätzung« des Unfallrisikos angeht. Weswegen die Autoren der Studie dann auch die Einführung einer Taglichtpflicht empfehlen, wie sie für Motorräder bereits seit 1988 besteht. Scheinwerfern sollen Autos und Lkw dann aber am besten nicht mit ihrem Abblendlicht, sondern mit speziellen Tagfahrleuchten. Und am effektivsten seien jene mit Leuchtdiodentechnik, wie sie Audi – und da schließt sich der Kreis – in seinen Topmodellen verwendet. Diese LED, meint Huhn, stünden auch Motorrädern gut zu Gesicht, zumal sie herrlich klein und kinderleicht nachzurüsten seien. Technisch sei das überhaupt kein Problem.
Das Problem liegt in der Tat woanders. So haben es in Frankreich die Motorradfahrer unlängst geschafft, einen Modellversuch zur Taglichtpflicht zu stoppen. Ihre Begründung: Wenn alle scheinen, werden Motorräder noch leichter übersehen, als es jetzt schon der Fall ist.
Mit dieser Argumentation musste sich natürlich auch die Studie der BASt auseinandersetzen. Man könnte ihren Inhalt, ihre Tendenz wie folgt zusammenfassen. Einige Länder in Europa haben eine Taglichtpflicht eingeführt und geben an, damit eine Senkung der Unfallzahlen erreicht zu haben. Stimmt das überhaupt, und wenn
ja, wäre dies in Deutschland ebenfalls möglich? Sinn und Zweck des Tagfahrlichts sei es, das Fahrzeug leichter erkennbar zu machen. Dies funktioniere laut BASt am besten mit »zwei nach vorn gerichte-ten Scheinwerfern, die ein gebündeltes Licht nach vorn abstrahlen«. Weswegen das Abblendlicht dafür zwar prinzipiell geeignet sei, aber nicht optimal, weil es
ja hauptsächlich die Straße und den rechten Fahrbahnrand ins Licht zu setzen habe (siehe Grafik). Völlig ungeeignet sei das Fernlicht, das den entgegenkommenden Fahrer blende, folglich kontraproduktiv wirke. Ein Manko, das durch ein spezielles Licht aufgehoben werden könne. Ein Licht, das hell leuchtet, allerdings nicht blendet, obwohl es auf die Augen des
entgegenkommenden oder einbiegenden Fahrers zielt.
Um zu demonstrieren, dass ihre Tagfahrleuchte zwar scheint, grell scheint und kaum ausleuchtet, haben die Audi-Leute auf einer Automobilmesse ihre Lounge ausschließlich von solchen Lampen bestrahlen lassen. »Die Leute haben sich beschwert«, sagt Huhn, »dass sie gar nicht mehr sehen, was sie auf ihre Teller geladen haben.« Beim Entwickler kommt da Freude auf.
Und bei den Autoren der Studie der BASt zunächst mal Bedenken: Rechnet sich das? Auftraggeber ihrer Arbeit ist schließlich das Bundesministerium für Verkehr; und in Berlin werden bekanntermaßen »Reformen« bevorzugt, die sich auszahlen. Ergo macht die BASt gleich mehrere Rechnungen auf: Wie viel Benzin mehr braucht’s für die Helligkeit am Tag? Abblendlicht 1,3 Prozent, LED 0,1. Könnte sich also lohnen, auf moderne Technik umzusteigen. Kostet freilich um die 130 Euro plus Arbeitskosten pro Fahrzeug. Indem sie so addieren, extrapolieren und spekulieren, kommen die BAStler auf Summen zwischen 650 und 150 Millionen Euro. Diese Investitionen, die des Bürgers Geldbeutel unmittelbar belasten, seien indes welche, die sich lohnen. Weil damit die Unfallkosten gesenkt werden könnten. Und zwar um eine Milliarde Euro. Vorausgesetzt, die Unfallzahlen gehen mit Einführung der Taglichtpflicht um drei Prozent zurück.
Diese drei Prozent hält die BASt für realistisch, und zu diesen drei Prozent kommt sie aufgrund einer Analyse der deutschen Unfallstatistik sowie einer komplexen Übertragung der Ergebnisse ausländischer Untersuchungen auf hiesige Verhältnisse. Dabei fällt auf, dass dieser hypothetische Rückgang sich ungleich auf die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer verteilt. Signifikant ist er ausgerechnet bei den Fußgängern und Radfahrern (bis zu zehn Prozent), bei Autos kaum spürbar und bei Motorrädern gar nicht existent. Deren Fahrer hätten, folgt man der BASt-Studie, von der Einführung einer Taglichtpflicht weder Vor- noch Nachteile zu erwarten. Der Nachteil, nicht mehr exklusiv zu leuchten, also leichter übersehen zu werden, würde durch den Vorteil, andere Verkehrsteilnehmer selbst besser und früher zu sehen, damit auch besser und früher reagieren zu können, gleichsam aufgehoben. Wobei diese Vermutung sich nicht beweisen lässt, da die BASt eben nur Daten und Studien ausgewertet sowie im Lichtkanal getestet, auf Beobachtungen
im tatsächlich existierenden Verkehr aber verzichtet hat.
Allerdings ist sich die BASt sehr genau darüber klar, was es bedeutet, den Motorradfahrern ihr »Alleinstellungsmerkmal« zu nehmen. Weswegen sie darüber nachdenkt, wie man es ihnen wieder zurückgeben könnte. Indem man nämlich spezielle Beleuchtungsvorschriften für Motorräder entwickelt. Offiziell ist noch nichts bekannt, doch deutet vieles darauf hin, dass Motorräder in Zukunft mit einem hellgelben Tagfahrlicht unterwegs sein werden, sich so farblich von den vierrädrigen Gefährten unterscheiden.
In drei Jahren spätestens soll die Taglichtpflicht eingeführt werden. Zunächst müssen alle neuen Kfz mit Tagfahrleuchten ausgestattet werden, ältere Fahrzeuge mit Abblendlicht fahren oder die neue Technik nachrüsten. Von Vorschlägen, wie sie unlängst ein Minister a. D. äußerte, dass man doch jetzt schon sein Abblendlicht aktivieren solle, weil’s sicherer sei, hält die BASt gar nichts. Weil Vehikel ohne Licht dann noch weniger auffallen. Entweder scheinen alle tagsüber oder gar keiner. Oder nach wie vor nur Motorräder.
Eine Entscheidung, die Motorradfah-rer nolens volens vor ein grundsätzliches Problem stellt, eins der Ethik, der Moral. Denn gesetzt den Fall, Motorradfahrern drohte eine erhöhte Unfallwahrscheinlichkeit (was die Studie freilich verneint), muss man sich dennoch fragen, ob dieses Faktum allein schon ausreicht, um strikt gegen eine Taglichtpflicht zu sein. Ist man das, ignoriert man de facto das Sicherheitsbedürfnis anderer Verkehrsteilnehmer, etwa der Fußgänger und Radfahrer. So etwa könnte jemand argumentieren. Eine Antwort darauf muss letztlich jeder Motorradfahrer selber finden.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel