Team Tech 3 (Archivversion) Französische Evolution

Das Team Tech 3 war zunächst vor allem durch das Ferienambiente seiner Basis an der französischen Riviera berühmt. Mit Topfahrern und der 250er-Werks-Yamaha steht es nun auch sportlich an der Spitze.

Bormes-les-Mimosas ist ein kleines Dorf in den Bergen der französischen Riviera, in dessen mittelalterlichen Gässchen Kitsch und Kunst feilgeboten wird und an dessen Fuß die Sportbootfirma Jeanneau die Cote d´Azur-Touristen mit einem prunkvollen Ausstellungssraum zum Träumen einlädt.Die unscheinbare Werkhalle mit den großen, blauen Schiebetüren, die sich irgendwo hinter dem Dorf zwischen Lavendelfeldern verbirgt, braucht keine Werbung. In der Basis des Teams »Tech 3”, 1991 auf einem ehemaligen Weinfeld errichtet, bogen sich jahrelang die Wände unter dem Ansturm japanischer Rennsportvagabunden, die für das Abenteuer Grand Prix eine Bleibe suchten. Kazuto Sakata war der Erste, der sich häuslich einrichtete, wenig später folgten Nobby Ueda, Akira Saito und Noboyuki Wakai. Und weil an freien Wochenenden auch noch deren Freunde mit ihren Wohnmobilen anrückten, glich die Teambasis bald einem Ferienlager. Der Ansturm aus Fernost ebbte aus Platzmangel im Lauf der Zeit ab, doch einmalig ist das Ambiente der Teambasis auch heute noch. »Für gute Arbeit musst du glücklich sein. Morgens den Vorhang aufzuziehen und die Sonne zu sehen macht mich kreativ. Und wenn ich am Wochenende zum Schwimmen und Tauchen gehen oder mit dem Jet-Ski zur nächsten Insel brausen kann, komme ich montags voller Energie ins Büro zurück”, verdeutlicht Teamgründer Hervé Poncharral, warum er dort arbeitet, wo andere Ferien machen.Eigentlich hatte er selbst Rennfahrer werden wollen, biss aber bei seinen Eltern auf Granit. Poncharral fuhr nur gelegentliche Langstreckenrennen und dachte über eine Karriere als Steward bei der Air France, als Schafzüchter in Australien und als Journalist nach. Dass er als Helfer von Marc Fontan zu den Grand Prix zog, sorgte 1984 für die entscheidende Wende: Poncharral wurde von Honda France engagiert und stampfte das Rothmans-250er- Team mit Dominique Sarron aus dem Boden. 1989 überredete er seine besten Freunde, die Techniker Guy Coulon und Bernard Martignac, zum Sprung in die Selbständigkeit. Das Trio nannte sich Tech 3 und bewies neben technischer auch strategische Kompetenz. Poncharral sprang im Überlebenskampf des GP-Alltags sicher von Ast zu Ast und jonglierte sein Team von Hauptsponsor Rothmans clever zu Lucky Strike und schließlich Chesterfield weiter. Er entdeckte das Talent von Olivier Jacque und war mutig genug, Ende 1998 von Honda wegzugehen und das Comeback jener Werks-Yamaha YZR 250 zu betreiben, die Ende 1996 wegen Erfolglosigkeit aus dem GP-Sport zurückgezogen worden war.Poncharrals wichtigste Bedingung war ein Zwei-Mann-Team mit dem japanischen Wunderkind Shinya Nakano, der gleich im zweiten Rennen dieser Saison den ersten Sieg landete und dem Team über eine lange Verletzungspause von Olivier Jacque hinweghalf. »Nakano ist sehr aggressiv und schnell auf der Strecke sowie höflich und wohlerzogen, sobald er den Helm absetzt. Untypisch japanisch ist seine Offenheit: Er büffelt Französisch, ist vom europäischen Lebensstil begeistert und will bewusst keinen japanischen Mechaniker im Team”, schwärmt Poncharral von seinem Star aus Fernost, der die 250er-WM 1999 als Vierter abschloss.Gemeinsam mit Jacque, der als Happy-End einer verkorksten Saison das Finale von Buenos Aires gewann, gehört das Team zu den Top-Kandidaten für die Weltmeisterschaft im Jahr 2000. Denn der klassische Deltaboxrahmen der Yamaha zählt schon jetzt zum Besten, was die Klasse zu bieten hat. Fehlt nur noch ein Quäntchen Leistung des membrangesteuerten V2-Motors. Während nach Aprilia auch Honda die 250-cm3-Werksmaschinen mit zwei Kurbelwellen ausrüstete, blieb Yamaha dem klassischen Prinzip mit nur einer Kurbelwelle treu. Technische Nachteile hat das nicht, denn immerhin feierte Honda mit diesem Bauprinzip bis Ende 1997 zahllose Erfolge. Außerdem verwendet Yamaha viele Bauteile der 250er wie Kurbelwelle, Zylinder und Zündanlage auch im Halblitermodell, das in der vergangenen Saison fast durchweg mit konkurrenzfähigen Topspeed-Werten aufwarten konnte.Dass die 250er auf schnellen Strecken trotzdem hinterherhinkt, ist ein bislang ungelöstes Rätsel. »Manchmal ist es wie in der Alchemie, wo du trotz bester Zutaten am Ende immer noch kein Gold in der Hand hältst”, seufzt Hervé Poncharral. »Honda hatte im letzten Jahr das gleiche Problem, aber vor Saisonbeginn haben sie den Finger auf die Wunde gelegt und mindestens sieben PS gefunden. Ich kann nur hoffen, dass uns fürs nächste Jahr dasselbe gelingt.”

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