Technik: Calleja-Dreirad (Archivversion) Extra 3

Zwei Räder sind dem Tüftler Carlos Calleja im Stadtverkehr eines zu wenig. Von dreien verspricht er sich Vorteile beim Stop- and go-Verkehr.

Die Fahrt zur Arbeit, hauptberuflich ist Carlos Calleja Finanzbeamter in Granada, gestaltete sich immer zäher. Und so begann der Spanier bereits 1993 nach einem Stadtfahrzeug der Zukunft zu sinnen. Ein Fortbewegungsmittel für eine Person, das den Platzbedarf und die Wendigkeit eines Motorrads mit dem Fahrkomfort eines Pkw verbinden soll, schien ihm das ideale Konzept für den täglichen Kampf im Großstadtdschungel. Im Stand sollte das Motocicleta, wie er es nennt, ohne Zuhilfenahme der Beine in der Vertikalen verharren, sich bei höheren Geschwindigkeiten aber wie ein Zweirad verhalten. Zwangsläufig gipfelten seine Überlegungen in einem Dreirad, das sich in die Kurve neigt. Zusammen mit seinem Sohn, Student des Maschinenbaus, machte er sich ans Werk, die Idee in die Tat umzusetzen. Um nur die wesentlichen Teile neu anfertigen zu müssen, bot sich der Umbau eines Motorrads, in diesem Fall einer Aprilia RS 125 an. Doch der Aufwand war erheblich größer als ursprünglich geplant. Die Originalschwinge mußte zwei spiegelsymmetrischen Einarmkonstruktionen weichen. Die bewegen sich in Verstärkungsplatten im Bereich der ursprünglichen Schwingenlagerung. Eine konstruktive Herausforderung stellte die Anlenkung des Zentralfederbeins dar. Beide Schwingen sind über Zugstreben gelenkig mit einem Waagebalken verbunden, an dem sich das Original-Federbein abstützt. Eine in den Waagebalken integrierte Trommelbremse blockiert das Fahrzeug bei Betätigung des Fußbremshebels gegen Seitenneigung. Für die Zukunft plant Calleja eine geschwindigkeitsabhängige Steuerung mittels Stellmotor. Bei geringer Geschwindigkeit bleibt das Dreirad in der Vertikalen, erst nach der Stabilisierungsphase löst die Bremse, und das Fahrzeug kann sich in Schräglage neigen. Die entsprechende Mechanik meldete Carlos Calleja in den USA und den wichtigsten europäischen Ländern zum Patent an. Eine weitere technische Hürde stellte der Antrieb der beiden Hinterräder dar. Hinter dem Getriebe plazierten die Konstrukteure eine Welle, die vom Ritzel am Getriebeausgang über eine kurze Kette angetrieben wird. Auf der Welle sitzen die beiden Ritzel, die über zwei Sekundärketten die beiden Hinterräder in Rotation versetzen. Die unterschiedlichen Raddrehzahlen bei Kurvenfahrt erforderten ein Differential zwischen den Antriebsritzeln. Nach den umfangreichen Umbauarbeiten harrten die Erbauer sicher ebenso gespannt dem Zusammenspiel der neuen Komponenten wie MOTORRAD bei der ersten Testfahrt. Doch die anfängliche Skepsis weicht schnell einer überraschenden Erkenntnis: Nach dem Lösen der Bremse verhält sich das Motocicleta wie ein ganz normales Motorrad. Bereits die ersten Meter im Schritttempo lassen die beiden Hinterräder vergessen. Ungehindert fällt das Dreirad nach einem leichten Zug am Lenker wie gewohnt in Schräglagen, und selbst einem durchschnittlichen Motorradfahrer kommt da bald nichts mehr spanisch vor. Auch in stramm gefahrenen Kurven bleibt der Eindruck eines durch und durch normalen Zweirads erhalten. Gleichwohl läßt der Prototyp noch genügend Spielraum für Verbesserungen. Das serienmäßige Federbein ist mit der Dämpfung der beiden Schwingen und Räder überfordert. Nach einer Anregung durch Bodenwellen beginnt meist eines der Räder heftig zu springen, was der Fahrer in Form von ausgeprägten Vibrationen zu spüren bekommt. Ein Federbein mit deutlich stärkerer Druckstufendämpfung kann dieses Problem einfach lösen. An den konzeptionellen Vorteilen gibts hingegen nichts zu rütteln: Schlechtwegstrecken verlieren durch den ausgleichenden Effekt zweier Hinterräder ihre Schärfe. Und selbst in spitzem Winkel überfahrene Teerstufen lassen das Dreirad im Gegensatz zum Motorrad völlig unbeeindruckt. Die modifizierte Aprilia zeigt die Möglichkeiten des Konzepts deutlich auf. Das Motocicleta hat Konstruktionen wie BMWs C1, dem als neue Fahrzeugkategorie für das nächste Jahrtausend propagierten City-Roller eines klar voraus: Bei vergleichbaren Abmessungen und somit ähnlicher Manövrierbarkeit bietet das Motocicleta den Komfort einer Kabine, bei der im Stop- and go- Betrieb die Beine locker an ihrem Platz verweilen können. Vater und Sohn Calleja hoffen, daß auch die Industrie diesen Vorteil erkennt, obschon bisherige Angebote an verschiedene Hersteller ohne jegliche Resonanz blieben.

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