Technik: neuer Piaggio-Zweitakter (Archivversion) Druck von oben

Beim neuen Zweitakter von Piaggio drückt eine Kolbenpumpe im Zylinderkopf das Gemisch in den Brennraum und die Abgaswerte in den Keller.

Zum Fünfzigsten spendierte Piaggio der in den letzten Jahren stark vernachlässigten Vespa-Baureihe zwei neue Modelle, die den neuesten Stand der Technik repräsentieren sollen. Daß dabei die Italiener besonderen Wert auf einen zeitgemäß niedrigen Schadstoffausstoß legen, überrascht und erfreut zugleich. So kam für die neue 125er Vespa ET 4 nur ein Viertaktmotor mit seinen bekannt niedrigen Abgaswerten in Frage. Um bei der kleineren ET 2 mit nur 50 cm³ Hubraum nicht auf die Spritzigkeit eines Zweitakters verzichten zu müssen - ein 50er Viertakter hätte das Temperament eines Schalterbeamten -, entwickelte Piaggio den sogenannten FAST(Fully Atomized Stratified Turbulence)-Motor: einen aufgeladenen Zweitakter, bei dem eine Kolbenpumpe das Kraftstoff-/Luftgemisch in den Zylinder preßt. Anstatt Frischgas aus dem Vergaser wird nur noch Frischluft aus dem Luftfilterkasten in das Kurbelgehäuse mit vorgeschaltetem Membranventil angesaugt.Die Kolbenpumpe ist im Zylinderkopf untergebracht. Die dazugehörige Kurbelwelle lagert ebenfalls im Zylinderkopf und wird über einen Zahnriemen angetrieben, genau wie die Nockenwellen vieler Viertakter. Sie dreht allerdings nicht mit halber, sondern mit voller Motordrehzahl. Geht der Kolben im Zylinderkopf nach oben, gibt er den Einlaßschlitz in der Zylinderwand frei, und das Kraftstoff-/Luftgemisch kann aus dem Vergaser in den Zylinder der Kolbenpumpe strömen. Bei seiner Abwärtsbewegung verdichtet der Kolben das fette Gemisch, bis sich ab einem bestimmten Überdruck das mit einer Tellerfeder vorgespannte Einlaßventil öffnet und das Gemisch in den Brennraum gedrückt wird.Inzwischen hat die Frischluft aus dem Kurbelgehäuse das verbrannte Abgas aus dem eigentlichen Arbeitszylinder gespült und der Arbeitskolben hat die Auslaßkanäle längst verschlossen. Somit werden die Frischgasverluste, die beim Spülvorgang herkömmlicher Zweitakter entstehen, vermieden: Unverbrannter Kraftstoff kann nicht mehr in den Auspuff und anschließend in die Umwelt gelangen. Dies senkt zum einen den Spritkonsum und zum anderen die Kohlenwasserstoff-Emissionen (HC) im Abgas beträchtlich - Piaggio spricht von 30 beziehungsweise 70 Prozent.Nun ist die Aufladung von Zweitaktern mittels Kolbenpumpe nicht mehr ganz neu, schon vor dem Zweiten Weltkrieg liefen DKW-Rennmotoren mit einem ähnlichen Prinzip - allerdings zum Zwecke der Leistungssteigerung und nicht, um Schadstoffe zu minimieren. Trotzdem muß man den Piaggio-Mannen ein großes Kompliment für ihre Experimentierfreude machen, die den großen japanischen Herstellern auch gut zu Gesichte stehen würde.Die ersten Fahreindrücke auf dem revolutionären Roller haben allerdings gezeigt, daß Piaggio noch ein wenig an der Abstimmung feilen muß, bevor die ET 2 im Frühjahr 1997 nach Deutschland kommt: Der Motor springt nur unwillig an und ruckelt heftig im Schiebebetrieb.

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