Teilemarkt für Japan-Klassiker in Gießen (Archivversion) Teil-Nehmer

Manches Ersatzteil für ältere Japaner ist weder für Geld noch für gute Worte zu bekommen. Anderes gibt es zwar noch neu, aber zu Apothekerpreisen. Deshalb kann sich trotz Internet-Handel und Online-Auktionen der Besuch eines Teilemarkts lohnen.

Ein paar Mal ist er schon auf die Nase gefallen im Netz. Da hatte er über Ebay Teile angeboten: »Zwischen 20 und 30 Euro hätten die auf jeden Fall brin-
gen sollen.« Gebracht haben sie Thomas »Wömbi« Stenger allerdings nicht mehr als einen Fünfer. Manchmal funktioniert Ebay eben wie eine Lotterie. »Außerdem«, sagt er, »macht so ein Teilemarkt auch mehr Spaß, als die Sachen anonym zu verticken.« Und weil das so ist, hat Thomas sich um einen Stand auf dem Teilemarkt der Interessengemeinschaft Nippon Classics bemüht.
Ein bisschen ist Thomas der Exot unter den Anbietern. Nicht weil er Dichtungskits, Kettensätze und Wälzlager aller Größen vor sich ausgebreitet hat. Sondern weil er als Einziger versucht, mit dem Verkauf solcher Teile seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Alle anderen, die mit Tapeziertischen und Plastikboxen in einem Gießener Gewerbepark angerückt sind, verticken, was sie nicht mehr brauchen, und checken ab, ob sie das, was andere nicht mehr brauchen, selbst brauchen könnten.
So kann es schon mal passieren, dass einer mehr Geld ausgibt, als er einge-
nommen hat. Moritz Kulmbach, ein Freund
japanischer Enduros, wollte eigentlich Teile für Yamaha XT verkaufen, konnte dann aber nicht widerstehen und legt sich
Dichtungen für seine beiden Honda XL zu.
Obwohl die noch dicht halten. Noch! Und wenn obendrein die passenden Rollen-
lager und ein Satz Übermaßkolben rum-
liegen – her damit! Wer weiß, wie lange
es die noch gibt? Außerdem kann er ja
ein bisschen Kohle verbraten. Einen Tank für die Honda XL hatte er mehrfach zu
einem Teilemarkt mitgeschleppt und für
einen Zehner angeboten – ohne Erfolg. »Bei Ebay«, wundert er sich, »war das Ding sofort weg, für 35 Euro.«
Ralf Rosner, ein Architekt, hat den Markt für japanische Klassiker in Gießen mitorganisiert und alles, was er verkau-
fen will, nett arrangiert. Tanks werden
inspiziert, Bücher gewälzt. »Schau her«, sagt er, »das sind fünf Stück. Fünf Tank-
embleme für Yamaha DS 7. Ich mach’ dir
einen Paketpreis, wenn du alle nimmst.« Der Interessent lässt sich nicht lang
bitten, und so wechseln die Plaketten für 50 Euro den Besitzer. »Vergaser für eine CB 450? Ja, da hinten in der Ecke solltest du die eigentlich finden«, wendet sich
Rosner zwischendurch an einen weiteren Suchenden. »Eine Sitzbank hätte ich auch noch da, aber die müsste neu bezogen werden.« Den CB-Fan stört das nicht. Im Gegenteil, er ist froh, das Ding quasi im Vorbeigehen mitnehmen zu können. Denn wie es oft so ist, sucht der Youngtimer-Freund an einem Tag dies, am nächsten
jenes, um am dritten festzustellen, dass ihm dies und jenes immer noch fehlt. Weshalb er, hierin dem Eichhörnchen gleich, hortet, wessen er habhaft werden kann.
Manchmal sind das schlicht Informationen. Ob er irgendwo ein Vorderrad für eine 500er-XT finden könne, will einer wissen und wird prompt an XT-Freund Moritz verwiesen. Man kennt sich eben unter-
einander, und ein derartiger Hinweis zahlt sich nicht nur finanziell aus. Er erspart
unter Umständen lange Sucherei im Internet oder auf Kleinanzeigenseiten. Außerdem bringt’s mehr, zu sehen, von wem man
seine Teile kauft, als sich auf blumige Beschreibungen oder obskure Bewertungen im Internet verlassen zu müssen. Tatsächlich hat Moritz so ein Rad, mehrere sogar. »Welches Baujahr denn, silbern oder gold lackiert? Ich habe beides.« Aber leider nicht dabei. Nicht so schlimm. »Ich brauch’s
in Silber, schick’s mir einfach zu.« 70 Euro will Moritz dafür. Was langes Handeln
erübrigt, der gewerbliche Gebrauchtteilehändler verlangt locker mal 30 Euro mehr für so ein Teil.
Wobei es dennoch passieren kann, dass Anbieter auf ihren »Schnäppchen« sitzen bleiben. Wie Kawasaki H1-Enthusiast Bernd auf einer Kurbelwelle für die 500er. »Die ist zwar überholungsbedürftig, aber sicher noch um die 70 Euro wert.« Doch anscheinend braucht die in Gießen wirklich keiner, nicht mal auf Vorrat.
Das Schöne an Märkten wie dem in Gießen rührt sicher auch daher, dass die abgezockten Profis, die Jungs, die richtig Kohle machen wollen, da außen vor bleiben. »Ich habe dem Käufer gesagt, dass die Kurbelwelle einen Schaden hat und ihm noch eine zweite mitgegeben«, sagt einer, der sich von einer goldfarbenen Honda CB 450 K3 getrennt hat. Für 1800 Euro. Selbst mehr oder weniger komplette Motorräder werden in Gießen angeboten. Damit man beim nächsten Teilemarkt noch mehr zu suchen und zu finden hat. Was letztlich ja den Reiz ausmacht, kein fabrikneues Modell zu besitzen, sondern einer Maschine, die die Aura einer bestimmten Zeit und damit eines besonderen Lebensgefühls vermittelt.
Leicht zu finden ist in Gießen so einiges für Freunde von Hondas CB-Modellen, Kawasaki-Zweitaktern und luftgekühlten Yamaha RD. Wer exotischere Maschinen besitzt, hat es mitunter schwer. Übrigens nicht nur in Gießen. Aber das wird sich
ändern, hofft Ralf Rosner. »Denn japanische Klassiker sind im Kommen, weil sie noch erschwinglich sind.“

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