Tempo 80 (Archivversion) Im Schwitzkasten

Vor acht Jahren wurde beschlossen, jugendliche Motorradfahrer einzubremsen. In bester Absicht vielleicht. In der Praxis aber hat sich Tempo 80 nicht bewährt. Ein Fehler, der nach schneller Korrektur schreit.

Der Typ geht nicht vom Gas. Denkt nicht mal dran, könnte ja Schwung verlieren. Schwung, den du nicht hast, weshalb du ihm im Weg stehst. Dem Typen in seinem 40-Tonner. Nicht dem Roten, der zieht eh schon vorbei mit Tempo 90. Aber dem Gelben, der nicht überholen kann, weil sich dort ja noch der Rote lang macht. Der jedoch schleunigst nach links will, weil hinten bereits der Grüne drückt. Mit diesem Druck im Genick scherst du halt irgendwann selbst aus. Auf den Standstreifen, wo hinter einer Kuppe ein Pkw den Geist aufgegeben hat. Rein in die Eisen. Verdammt knapp. Nicht auszudenken, wenn du 20 Klamotten mehr drauf hättest.Andererseits: Mit 100 wäre es so weit gar nicht erst gekommen. Der Rote wäre nicht vorbeigezogen, der Gelbe hätte nicht gedrängelt, den Grünen hättest du nicht mal im Rückspiegel gesehen und den liegen gebliebenen Pkw schlicht ignoriert. En passant. Und du wärst nicht der Depp. Der Depp, der allen das Blut zum Kochen bringt. Sogar das eigene. Weil es zumeist nicht der eigene Übermut ist, der einen in Teufels Küche bringt (Kasten Seite 104), sondern just die fürsorgliche Absicht der Herren Poli-tiker, genauer der Verkehrsminister der Länder. Die haben 1996 Tempo 80 für 16- bis 17-jährige Leichtkraftradler durchgesetzt – übrigens gegen das Votum der Bundesregierung, die sich für Tempo 100 ausgesprochen hatte. Tempo 100? Unmöglich, wo doch jeder weiß – und die Politiker am allerbesten –, dass gestürzte Motorradfahrer stets zu schnelle Motorradfahrer sind, egal, wie alt. So steht »unangepasste Geschwindigkeit« fast immer in Polizeiprotokollen, wenn’s was zu protokollieren gibt. Aber was wäre unsere Gesellschaft ohne Vorurteile? Auf jeden Fall ein bisschen komplizierter. Bei der Novellierung des Führerscheingesetzes anno 1996 etwa hätte man schließlich einkalkulieren müssen, dass es – bis heute – keine wissenschaftliche Begründung gibt, die das Vorurteil, höheres Tempo führe zu mehr Unfällen, bestätigen kann. Stattdessen wird weiter munter mit Vermutungen jongliert. Jüngstes Beispiel: eine Studie der Bundesanstalt für das Straßenwesen (BASt). Da steht drin, dass »für die unter 18-jährigen Motorradfahrer sich im Zeitraum von 1994 bis 1999 ein Anstieg der Beteiligtenzahlen an Unfällen mit Personenschäden um 25 Prozent (Getötete 53 Prozent) ergab«. Woraus geschlossen wird: »Von einer Aufhebung der Höchstgeschwindigkeit für Leichtkrafträder... wird abge-raten.« Eine seltsame Logik. Wenn die Unfallhäufigkeit tatsächlich gestiegen wäre, hätte doch ungemein interessiert, wie sich die Zäsur 1. Januar 1996 – da trat die Führerscheinneuregelung in Kraft – in dieser Statistik ausgewirkt hat. »Überhaupt nicht«, sagt Kai Assing, Verfasser der BASt-Schrift. »Bestandsbezogen blieb die Unfallhäufigkeit zwar auf hohem Niveau, aber konstant.« Ach was. Eigentlich hätten die Unfallzahlen zurückgehen müssen, waren doch die offenen 80er oft schneller als die gedrosselten 125er. Könnte man daraus den Schluss ziehen, dass die Stärke der Maschine keine Rolle spielt, wenn’s um die Unfallhäufigkeit geht? »So ist es«, stimmt Assing zu. Ah ja. Warum er dennoch für Tempo 80 plädiere? Ab diesem Punkt tritt auto-matisch das Gesetz von der unbedingt einzubremsenden Risikobereitschaft des unreifen Adoleszenten in Kraft.Das Gesetz nämlich, das Jugendliche auf 80 entschleunigt und sie so erst riesigen Risiken aussetzt. Indem sie von einem ernst zu nehmenden Verkehrsteilnehmer zu einem Verkehrshindernis degradiert werden. Diesen Schluss legen nicht nur die eigenen Erfahrungen und die Horrorstorys der Jugendlichen nahe, sondern auch eine Pilotstudie des Instituts für Zweiradsicherheit e.V. (IfZ). Bereits 1993 erstellt, hätte sich hieraus schon in der damaligen Diskussion um die Höchstgeschwindigkeit der Unsinn des 80-km/h-Limits erkennen lassen. Das IfZ hatte 125er-Fahrer mit Tempo 80 und 100 auf die Straße geschickt, um die sich jeweils ergebenden Verkehrssituationen zu analysieren. Ergebnisse: Bei Tempo 100 unterschritten Pkw und Lkw auf einer Strecke von 100 Kilometern den zugrunde gelegten Sicherheitsabstand von 15 Metern nur fünfmal. Bei 80 nötigten gleich 38 Drängler durch viel zu dichtes Auffahren. Auf der Landstraße mussten sich die im Verkehrsfluss Mitschwimmenden lediglich 2,4-mal überholen lassen, während sich 52 Vehikel an den zugestopften 125ern vorbeipressten. Die Zahlen sind beredt, sagen aber nicht alles. Zur Häufigkeit der Überholvorgänge nämlich kommt die Art, wie sie sich abspielen. Fühlt sich doch eine Vielzahl von Auto- und Lastwagenfahrern durch die vermeintliche Behinderung infolge mutwilliger Tempoverschleppung provoziert und ergo zu riskanten Manövern mit Abstrafungscharakter hingerissen. So gestresst stellen viele die Mühle entweder komplett ins Eck, oder sie machen sie eben auf – und sich strafbar. Sonderbar, wo doch die Jugendlichen bereits in der Fahrschule auf offenen 125ern mit bis zu 15 PS unterwegs sind und zeigen müssen, dass sie mit den ungedrosselten Maschinen umgehen können. Auch wenn sie später nicht dürfen. »Da wir offen ausbilden, wäre es sehr sinnvoll, die Jugendlichen auf der offenen Version zu lassen«, räsoniert Fahrlehrer Uwe Tauterat aus Stuttgart. Auf den Regierungssitzen aber herrscht bisher eine andere Meinung. Allein auf deutschen Regierungssitzen freilich. Denn kein anderes Land der Europäischen Union hielt es bisher für angebracht oder nötig, dem leuchtenden Vorbild teutonischer Reglementierungswut nachzueifern. Die werden schon wissen, warum. Wissen könnten die deutschen Verkehrspolitiker das auch. Damit sie es aber nicht nur wissen, sondern mal am eigenen Leib erfahren können, erging kürzlich eine Einladung seitens MOTORRAD an die Mitglieder der Sportge-meinschaft des Deutschen Bundestags, Abteilung Motorsport. Wie wäre es mit einer gemeinsamen Ausfahrt von Politik, Jugend und Redaktion, rund um Berlin? Natürlich mit höchstens 80. Vielleicht kommen sich die Politiker dann mal wieder so richtig als Deppen vor.

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