Test Aprilia RSV 1000 R (Archivversion) Der zweite Streich

Die Aprilia RSV 1000 R Factory, die neue »Edel-Mille« feierte bereits einen Einstand nach Maß, fuhr im Italo-Vergleichstest vor Ducati 999 S und MV Agusta F4 SPR (MOTORRAD 21/2003) auf Platz eins. In Gestalt der RSV 1000 R ohne den Beinamen Factory debütiert nun die die Mille fürs Volk, mit 215 Kilogramm vollgetankt drei Kilo schwerer und mit 13299 Euro inklusive Nebenkosten satte 3700 Euro günstiger als ihre edel aufgemachte Schwester. Beiden gemeinsam: der völlig überarbeitete 60-Grad-V2. Aprilia hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Unter anderem sorgt ein G-Kat für deutlich verringerte Schadstoffemissonen. Dazu vermelden die Italiener eine Höchstleistung inklusive Ram-Air-Effekt von stolzen 102 kW (139 PS) an der Kurbelwelle, der MOTORRAD-Prüfstand attestiert 132 PS an der Kupplung. Der Twin steht also gut im Futter, hat aber nichts von seinem speziellen Charakter verloren. Ein Heißsporn, der auf niedrige Drehzahlen nicht gerade mit Begeisterung reagiert und zu teils deftigen Lastwechselreaktionen neigt. Dennoch zeigte sich der R-Antrieb um 3000/min deutlich kraftvoller als der Factory-V2 im Top-Test (MOTORRAD 20/2003). Im Alltagsbetrieb störend: der Einbruch zwischen 5500 und 6200/min, einem Bereich, in dem der Testastretta-V2 einer Ducati 999 bereits kraftvoll schiebt. Erst nach dieser Marke drückt der drehzahlverliebte Aprilia-Antrieb machtvoll vorwärts. Ein dickes Lob kassiert das Fahrwerk der R. Es müssen nicht unbedingt die feinen Öhlins-Federelemente der Factory-Version sein. Denn auch die Kombination von Showa-Upside-down-Gabel und Sachs-Federbein, beide voll einstellbar, bieten einen sehr guten Standard mit weitem Einstellbereich. Der Lenkungsdämpfer fiel dem Rotstift zum Opfer, was zu verschmerzen ist, Lenkerschlagen trat während des Tests nicht auf. Selbst bei zügigem Umrunden des kleinen Kurses in Hockenheim blieb die Front ruhig. Erst bei der ambitionierten Zeitenjagd auf Rennreifen empfiehlt sich die Beruhigungsmaßnahme. Auf der Landstraße glänzt die RSV 1000 R mit einem verbesserten Handling, guter Lenkpräzision und einer durchdachten Ergonomie, die auch großgewachsenen Menschen gerecht wird. Es nerven lediglich Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die schlechten Sicht nach hinten. Ihr ganzes Können kommt jedoch, wie es sich für einen Supersportler gehört, erst auf der Rennstrecke zur Geltung. Dieser V2 birgt Suchtpotenzial. Die dicken Brembo-Vierkolbensättel mit vier Einzelbelägen ermöglichen sehr gut dosierbare, brachiale Verzögerung, ungeniert dürfen die Gänge des harzigen Getriebes beim Anbremsen heruntergesteppt werden, weil die hydraulisch betätigte Anti-Hopping-Kupplung lästiges Hinterradstempeln wirkungsvoll verhindert. Die Aprilia fährt präzise, handlich und stabil, sie fordert einen weichen, runden Fahrstil und verwöhnt Hobby-Rennfahrer auf Anhieb mit viel Transparenz. Genau für diese Klientel bietet sie eine hervorragende und zugleich preiswerte Ausgangsbasis für V2-Abenteuer auf und abseits der Rennpiste. Größere Investitionen erübrigen sich, sieht man einmal vom Lenkungsdämpfer ab.Zum Abschluss noch anzumerken: Während des Tests trat Ölverlust wegen einer gerissenen Schweißnaht am Öltank auf; außerdem gab es Funktionsprobleme bei der hydraulischen Kupplung. Aprilia wird nach Begutachtung dazu Stellung nehmen.

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