Test: BUELL LIGHTNING XB12S (Archivversion)

Motor: luftgekühlter Zweizylinder-45-Grad-V-Motor, 74,6 kW (101 PS) bei 6600/min; Fahrwerk: Brückenrahmen aus Aluminium;
Maße und Gewichte: Gewicht vollgetankt 209 kg, Tankinhalt 14 Liter; Preis: 11309 Euro inklusive Nebenkosten

Es wurde schon viel gemutmaßt über den angeblichen Harley-Mythos, und dem Vernehmen nach ist auch die sportlich angehauchte Tochter Buell davon befallen. Die Herbstausfahrt von MOTORRAD bot eine gute Gelegenheit, der Lightning XB12S aus dem Dauertest-Fuhrpark mythosmäßig und auch sonst auf den Zahn(riemen) zu fühlen.
Wer auf die Idee kommt, eine Buell als normales Motorrad zu betrachten, noch dazu als eines zum Schnellfahren, der wird fürchterlich enttäuscht werden. Das fängt beim Aufsitzen an, obenrum alles klar, der Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, die Hände fallen wie von selbst auf den
angenehm gekröpften Lenker.
Unten hingegen herrscht das blanke Chaos: Im Stand und beim Rangieren läuft der rechte Oberschenkel stets Gefahr, ein Brandmal abzubekommen, links wird bei Ampelstopps der Knöchel von den heißen Abgasen geföhnt. Während der Fahrt ist der Beugewinkel der Knie hart an der Grenze zum Wadenkrampf. Die Kupplung erfordert enorme Handkraft, das dazugehörige Getriebe arbeitet mit Schaltpausen, damit die Zahnradpaarungen geräuschfrei zueinander finden können.
Der einer Sportster entliehene und
heftig überarbeitete 1200er-V2 besitzt ein nutzbares Drehzahlband, das eines Zweitakters würdig wäre. Unter 2500 Touren will er nicht, über 6000 kann er nicht. Dazwischen entwickelt er zwar haufenweise Drehmoment, das leider in der ellenlangen Endübersetzung hängen bleibt. Abgerundet wird die Sache von einem Aufstellmoment beim Bremsen, das so groß ist wie der Bremsscheibendurchmesser. Zudem kostet der fast permanent laufende Lüfter, der den hinteren Zylinder vor dem Hitzekollaps bewahren soll, beim Vorfahren an der Eisdiele jede Menge Coolness-Punkte.
Durch die strenge Testbrille betrachtet sieht es also nicht gut aus für die Buell, doch bislang ist noch jeder mit einem
breiten Grinsen und einem überzeugten »So what?« von einer Probefahrt zurückgekommen.
In der Tat, dieses Motorrad strahlt mächtig Faszination aus. Mit einer Buell fährt man nicht, man erdbebt. Wer sie
verstanden hat, lässt den Bollermann von
Motor einfach laufen und beendet den Bremsvorgang eben vor der Kurve, um
sie dann unter Last und entsprechendem
Geschlürfe aus der Röhrbox zu umrunden. Gegen verkrampfte Waden hilft gelegentliches Ausschütteln, und den Grillhaxen begegnet man mit einer möglichst ampellosen Streckenwahl. Wenn Mythos also heißt, dass man Unzulänglichkeiten als Selbstverständlichkeit verkaufen kann, ohne dass sich jemand daran stört, dann sind die Buells ganz vorne mit dabei.

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