Test Harley-Davidson Sportster 1200 R (Archivversion) willkommen Im Schwinger-Club

Good Vibrations. Der Ausdruck ist so abgenutzt wie ein Hinterreifen zur Saisonmitte. Hinzu kommt: Sie sind nur subjektiv zu definieren, und was dem einen sein Glück, ist dem andern sein Grusel. Harley hat sich nach 47 Jahren nun auch bei den Sportster-Modellen mit 883 sowie 1202 cm3 vom Vibrations-Dogma befreit. Die überarbeiteten Evolution-Motoren sind ab 2004 über Silentblöcke und Schubstangen mit dem Rahmen verbunden. Nervige Lebensäußerungen des luftgekühlten V2-Big Blocks sollen so vom Fahrer fern gehalten werden. Das Harley-typische Gefühl, jenes traditionelle massierende Pulsieren und Schwingen der gewaltigen Kurbelwelle, garantieren die Jungs aus Milwaukee jedoch weiterhin.Kein leeres Versprechen. Easy per Choke gestartet, hüpft der 1202-cm³-Antrieb der Roadster schon im Leerlauf freudig auf und ab und wirkt vom neu konstruierten Rahmen irgendwie entkoppelt, sozusagen freischwebend im Stahlkäfig. Schon auf den ersten Kilometern wird klar: Hier ist kaum eine Schraube an gleicher Stelle geblieben. Die Kupplung arbeitet überraschend leicht, die Gänge rasten exakt und sanft. Erfrischend vital reagiert der Antrieb auf Gasbefehle, spurtet in nur fünf Sekunden auf 100 km/h, dreht agil bis 5500/min und surft schon ab 2500/min auffallend besinnlich auf einer üppigen Drehmomentwoge um 90 Nm. Der Langhuber gleicht einer gigantischen Schwungmasse. Die, einmal in Rotation versetzt, den Eindruck eines Perpetuum mobile vermittelt. Jede Umdrehung scheint spürbar, wirkt massierend, belebend. Die feinen, hochfrequenten Vibrationen sind verschwunden. Bis 4500/min, entsprechen 160 km/h, macht der 1200er mit niederfrequentem Wummern auf sich aufmerksam. Erst darüber wird’s nervig vibrierend. Egal, denn in diesem Bereich ist der geneigte Cruiserfahrer ohnehin selten unterwegs.67 PS drückt die Roadster auf den MOTORRAD-Prüfstand. Diese Leis-tungssteigerung von rund 16 Prozent gegenüber den älteren Antrieben kommt nicht von ungefähr. Nahezu das gesamte Innenleben des Motors ist neu konstruiert. Zylinderköpfe, Ventile, Nockenwellen, Kurbelwelle, Zündung und Getriebe. Die Verdichtung wurde von ehemals 9:1 auf 10:1 angehoben, Kolben und Pleuel sind abgespeckt. Um die thermische Mehrbelastung zu kompensieren, hat man die Kühlrippenfläche vergrößert. Zusätzlich wurde der Ölkreislauf optimiert. Durch Ölspritzdüsen wird kühlender Schmierstoff wie bei den Twin-Cam-Motoren direkt unter die Kolbenböden gejagt. Kurzum: Seit der Geburtsstunde im Jahre 1957 hat sich noch keine Sportster so lebendig, freundlich und kraftvoll angefühlt.Dennoch bricht die Neue optisch nicht mit den Traditionen. Und ist auch fahrdynamisch ein Meilenstein der Sportster-Historie. Die Roadster ist stabiler und präziser als ihre älteren Schwestern. Und das trotz Wechsel von 130er- auf 150er-Hinterreifen und gar 30 Kilogramm Mehrgewicht gegenüber einer 237 Kilogramm leichten 2003er-Custom. Das Geheimnis? Ein wesentlich verwindungssteiferer Rahmen, neue Federbeine und ein um zwei Millimeter kürzerer Nachlauf. War’s das schon? Nein. Die neuen Doppelkolbensättel liegen in Verzögerung und Dosierung ebenfalls weit über dem Niveau der letzten Generation. Zusammengenommen ist die Roadster ein gelungener Wurf. Die Mannschaft um Willie G. Davidson hat es ausgezeichnet verstanden, ein stampfendes, vibrierendes Raubein in einen fast leichtfüßigen, schwingenden Charmeur zu verwandeln. Und zwar ohne das urwüchsige Harley-Feeling einfach wegzubessern.

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