Test Harley-Davidson V-Rod Muscle (Archivversion) Schluss mit frustig

Na endlich! Aus den USA kommt eine neue Wunderdroge gegen Langeweile und Depression. MOTORRAD hat sie ausprobiert.

Es lag auf der Hand, irgendwie musste einfach noch was hinterherkommen. Hinter der chromglänzenden V-Rod, der sportlichen Night Rod Special oder der mittlerweile eingestellten Street Rod. Harleys neueste Kreation nennt sich V-Rod Muscle und orientiert sich am Gesicht der legendären Viertelmeile. Verwegen wie keine andere der wassergekühlten Baureihe verkörpert sie das in Metall gegossene Selbstvertrauen aus Kraft, Dominanz und Dynamik. Und natürlich gibt es sie auch in vier verschiedenen Farben, doch die Testmaschine rollte in Vivid Black auf den Hof. Ein herrliches Schwarz, so dunkel, dass es selbst im Tunnel noch Schatten wirft. Danke dafür.

Was ist in den letzten Jahren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bloß passiert? Gut, Bush hat mächtig Staub aufgewirbelt, und ein österreichischer Kraftmeier ist Gouverneur geworden. Ganz im Gegensatz dazu haben die bei Harley ihre Liebe zum Detail noch weiter entwickelt. Denn ohne nur einen Meter gefahren zu sein, ist man bei der Muscle erst Mal baff. Steht vor diesem wie mit einer gigantischen Fliegenklatsche geplätteten, schwarzen Ungetüm und möchte die Augen nicht von Cockpit, Lampe oder auch den Spiegeln nehmen. Wahnsinn! Das dreiteilige Cockpit haben zwar alle Rods. Hier jedoch wirkt es massiver, wie aus dem Alu-Block gefräst und poliert. Ebenso die Lampenhalterung oder der Lenker – so formschön, strahlend und gleichsam solide hat noch kein Hersteller derartig technische Basics gestylt. Dieser Trend setzt sich am gesamten Bike fort. Besonders gelungen: die in den Spiegelhalter eingelassenen LED-Blinker – kleine Kunstwerke.

Doch lassen wir das Glotzen. Hinein ins hochwertige Lederimitat des vergleichsweise eckigen Sattels. Dieser verfügt im Gegensatz zu den Modellschwestern Night Rod und der in diesem Zusammenhang schon als klassisch zu bezeichnenden V-Rod über eine kleine Lehne, gegen die sich der Fahrer beim harten Beschleunigen abstützen kann. Das kennt man aus dem Drag-Racing. Die Sitzhöhe ist mit 700 Millimtern angenehm niedrig. Beim Starten des Triebwerks ist man überrascht. Befürchtet einen Gehörsturz oder nimmt den Helm noch mal ab, schaut nach, ob das Polster verrutscht ist. Denn aus den beiden flach nach hinten verlegten Schalldämpfern weht ein derart gedämpftes Lüftchen – dass der Motor läuft, ist am ehesten am leichten Vibrieren zu bemerken. Getriebe-räder verzahnen – schraack! Los geht’s.

Der kolossale Lenker spannt den Oberkörper gerade richtig über die Tankattrappe – nicht zu lässig, nicht zu sportlich. Und er ist auch nicht zu breit. Das geometrische Dreieck aus Fußrasten, Sitzbank und Lenker ermöglicht dem durchschnittlichen Mitteleuropäer eine sportlich-lässige Ich-bin-der-Boss-und-kann-hiermit-jede-Mauer-durchstoßen-Sitzhaltung.

Das könnte sie von allen Rods zweifelsfrei am besten: Zum einen ist sie einen Hauch kürzer übersetzt, zum anderen drückt sie mit gemessenen 124 PS fast so viel wie ihre Schwestern. Und noch was kommt hinzu: Die Abgasführung der neuen Auspuffanlage – pro Seite ein Rohr – fördert sowohl Leistungs- wie Drehmomentausbeute nahezu über den gesamten Drehzahlbereich. Vibrationen sind nur sehr fein spürbar und stören nicht. Der Motor läuft samtig und hat eine sehr lineare, sanft einsetzende Leistung. Vor allem in der Mitte, zwischen 4000 und 6000 Touren, pumpt die Muscle bis zu acht Newtonmeter und drei PS mehr ans Hinterrad und macht ihrem Namen damit alle Ehre. In Verbindung mit der kürzeren Übersetzung ...

Festhalten! Mit nur 3,6 Sekunden von null auf hundert markiert die V-Rod Muscle die schnellste jemals von MOTORRAD gemessene Beschleunigung einer Harley. Damit kann man an der Ampel auf dicken Max machen. Und den ein oder anderen schocken. Das bevorzugte Jagdrevier der Drag-Queen sind jedoch „open roads“ mit möglichst weiten Bögen und endlosen Horizonten. Die Maschine lenkt sehr lässig ein, doch der mächtige 240er-Hinterreifen entwickelt vor allem auf unebenem Terrain sein Eigenleben, das Motorrad möchte sich aufstellen und muss mit Gegenlenken auf die Ideallinie gezwungen werden. Auch in puncto Federung gibt sich die Muscle nicht gerade als Sänfte. Die hinteren Federbeine könnten sensibler ansprechen. Aber was soll man bei 74 Millimeter Federweg erwarten? Die Upside-down-Gabel hingegen erledigt ihren Job sehr gut. Und für ein Motorrad dieser Gattung setzt die Muscle spät auf. Wer die Kunst beherrscht, stets weite Radien zu fahren, ist mit ihr zweifelsfrei recht zügig unterwegs.

Doch das ist trotz des Beschleunigungsvermögens nicht die Bestimmung dieser Maschine. Viel wichtiger ist, was sie transportiert. Im Fall der Muscle ist das pure Energie und Lebensfreude – fast wie eine Wunderdroge gegen schlechte Laune. Hinzu kommt Besitzerstolz: Im Winter vor der Bar geparkt, lockt sie trotz Minusgraden selbst Nichtraucher ins Kühle, im Sommer verschwinden Gaffer wahrscheinlich erst, wenn man den schwarzen Straßen-Torpedo außer Sichtweite geschossen hat.

Und während eingefleischte Harley-Freaks mit Faible für Knuckle- und Shovelhead auf die Frage nach der Bremse: „What for?“ antworten, grinst der V-Rod-Muscle-Fahrer höchstens. Denn die verhältnismäßig brachiale Beschleunigung kann auch ebenso wirkungsvoll und gut dosierbar entschleunigt werden: ABS-unter-stützt steht der 307-Kilo-Brocken bei einer Vollbremsung aus 100 km/h nach rund 43 Metern. Ein guter Wert, er entspricht einer mittleren Verzögerung von 9,0 m/s?.

Mit der Muscle-Version haben die Amis alles richtig gemacht. Selten sah eine Harley ab Werk so edel und gleichzeitig dynamisch aus. Und nie hat sie dieses Versprechen auch so locker umgesetzt.

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