Test Honda CRF 450 X (Archivversion) Red nose Day

Big Red und Enduros – seit jeher ein schwieriges Verhältnis. Doch endlich stellt Honda dem erfolgreichen Crosser eine Hardenduro zur Seite.

Bodenständigkeit statt Showbusiness – Enduro-Pfade im Unterholz haben ihre eigenen Gesetze. Anscheinend liebäugelt man bei Honda jedoch eher mit der hippen Glitzerwelt der Stadion-Crosser als mit der mitunter im Verborgenen kämpfenden Enduro-Fraktion. Nur so ist zu erklären, dass seit der Präsentation des inno-
vativen Crossers CRF 450 R mächtig viel Zeit verging, ehe nun endlich die Enduro-Variante an die Startlinie rollt. Immerhin wusste man in Japan die Zeit zu nutzen. Trotz verblüffender äußerlicher Ähnlichkeit unterscheidet sich die Enduro CRF 450 X gravierend vom Crosser CRF 450 R.
Der in groben Zügen übernommene Vierventil-Motor besitzt weiterhin den Kurbeltrieb sowie separate Ölkreisläufe für Getriebe und Kupplung. Er erhielt jedoch unter anderem einen E-Starter und eine kräfti-
gere Lichtmaschine. Auch stimmte Honda den Motor für den Enduro-Einsatz eigens ab, um die Fahrbarkeit in schwierigen
Streckenabschnitten durch eine weichere Gasannahme zu verbessern. Auf dem Weg ins Enduro-Chassis verlor der Single satte acht Pferdestärken, mit seinen gemessenen 47 PS bei 7600/min liegt er dennoch auf konkurrenzfähigem Niveau. Und das nach wie vor sehr agile Temperament
verrät unmissverständlich die Nähe zum Crosser – Segen und Fluch zugleich. Auf griffigen Böden und besonders auf der Cross-Piste freut man sich über den forschen Antritt und genießt die Spritzigkeit des Unicam-Charakterkopfs. Auf verregne-
ten, glitschigen Waldpfaden wünscht man sich dagegen zuweilen eine sanftere Leistungsentfaltung. Vor allem Offroad-Novizen tun sich unter traktionsarmen Bedingungen mit dieser Motorauslegung schwer.
In die gleiche Kerbe schlägt das ebenfalls von der Cross-Schwester abgeleitete Fahrwerk. Zwar wurden Gabel und Federbein eigens für den Enduro-Einsatz ab-
gestimmt, doch das Set-up orientiert sich ganz klar an den Wünschen der Hardliner und Wettbewerbsfahrer. Wer die Honda mit festem Griff am serienmäßigen Renthal-Lenker über den Trail prügelt, wird die tendenziell straffe Auslegung lieben. Schließlich verzeiht sie selbst gröbste Schläge, ohne dass sich die Fuhre unruhig aufschaukelt. Das Chassis fordert geradezu auf, das Tempo weiter zu forcieren.
Gleichwohl kann das Honda-Fahrwerk auch anders: Genüsslich über Single-Trails zu swingen macht genauso Spaß, allerdings wirkt die Honda dabei nicht ganz
so ruhig und komfortabel wie die teilweise spürbar softer abgestimmte Konkurrenz. Und bei allzu langsamen, trialartigen Ein-
lagen funkt dem Fahrer gelegentlich das hitzige Motor-Temperament dazwischen: Wegen seiner geringen Schwungmasse will der Vierventiler mit gefühlvoll dosierter Kupplung bei Laune gehalten werden, um nicht abrupt mit einem dumpfen Plopp den Dienst zu quittieren. Dank präzise arbeitender, leichtgängiger Kupplung ist das für versierte Piloten jedoch kein Problem.
Beim Handling profitiert die X ganz klar von ihren Crosser-Genen. Die Leichtigkeit und Präzision, mit der die Rote um enge wie weite Bögen zirkelt, begeistert und schafft schnell Vertrauen. Dabei profitiert die Enduro von der deutlich zum Lenkkopf hin orientierten Sitzposition. Der imposante Alurahmen bringt übrigens im Vergleich
zur Konkurrenz keine nennenswerten Gewichtsvorteile, mit 117 Kilogramm übertrifft die CRF die KTM-Konkurrenz um zwei Kilo, wobei die Österreicherin sogar die vollständige Wettbewerbselektrik an Bord hat.
Und was fiel sonst noch auf? Zum
Beispiel der perfekt funktionierende Kickstarter. Man lernt ihn spätestens dann schätzen, wenn die lieben Kollegen die E-Starter-Batterie beim Tiefgaragen-Trockentest leergeorgelt haben. Überhaupt sind Startschwierigkeiten – egal ob kalt, warm oder brühend heiß – kein Thema. Das
für den Enduro-Einsatz weiter gespreizte Fünfganggetriebe glänzt durch unauffällige Präzision. Eine sechste Schaltstufe vermisst man allenfalls als Schongang bei gelegentlichen Asphaltetappen. Leider taugt die US-typische Ausstattung nicht für klassische Enduro-Wettbewerbe hier zu Lande. Da ist Basteltalent und ein engagierter Händler gefragt. Denn von Honda direkt gibt’s die X nur ohne Fahrzeugbrief, ohne TÜV-Teile und ohne Garantie. So viel zum Engagement im Enduro-Sport.

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