Test Honda F 6 C (Archivversion) That´s it

Vergessen Sie alles, was Sie jemals über Cruiser gehört haben.

Es nimmt kein Ende: kleine Cruiser, große Cruiser, gute Cruiser, schlechte Crusier, schöne Cruiser, wüste Cruiser. Cruiser, die gar keine sind, Cruiser, die die Welt nicht braucht. Seit Monaten wird der Markt vom Cruiser-Fieber geschüttelt, die Zeitungen sind voll von Cruiser-Geschichten, die Hersteller gierig nach Cruiser-Konzepten: Eat Cruiser, sleep Cruiser, think Cruiser, drive Cruiser.Inzwischen kann man das Wort kaum noch hören, und gerade glaubten wir denn auch, alles über diese Art Motorräder gesagt zu haben, alles begriffen, alles erklärt. Doch just in dem Moment kommt DER Cruiser überhaupt: Honda F 6 C. Ober-Cruiser, Über-Cruiser, Cruiser-Cruiser ... hier versagt das Vokabular endgültig. Erstaunlich, wie schnell sich moderne Begriffe abnützen.Sechs Zylinder, 1520 Kubik, in der getesteten offenen Version 106 PS stark. Schon die Eckdaten des Motors muten wie ein Absatz aus dem Buch der Rekorde an. Weiter geht«s in ähnlichem Stil: 207 km/h Höchstgeschwindigkeit, 3,6 Sekunden von null auf hundert, und Durchzug gibt«s, Durchzug - Leute - ooohne Ende. Ab 1600/min liegen über 100 Newtonmeter an, das höchste Drehmoment grüßt bei 4200 Touren mit 141 Nm.Wer einmal bei knapp 1500 Umdrehungen - im letzten Gang wohlgemerkt - am Gaszug gezupft und den Schub des Sechszylinders verspürt hat, dürfte der sanften Gewalt dieses Triebwerks verfallen sein. Da stimmt einfach alles: prächtiger Antritt, enorme Elastizität, geschmeidiger Lauf, einprägsamer Sound. Vom ungestümen Wilden, der in Null Komma nichts auf Hochtouren läuft, bis zum abgebrühten Souverän, der die Welt an sich vorbeiziehen läßt - egal, welche Rolle er spielen muß, der Boxer-Motor beherrscht sie.Galt der Flat Six schon in der Honda Gold Wing, aus der er stammt, als wahrer Wunderknabe, hier, im Rahmen der F 6, gedeiht er zum Königstiger. Was freilich weniger am Chrom liegt, das - ohne jede Bescheidenheit - gleich eimerweise übers Triebwerk verteilt wurde, sondern viel mehr auf diverse technische Modifikationen zurückzuführen ist. So kommen statt einem Paar 33er ein halbes Dutzend 27er Vergaser zum Einsatz, schärfere Nockenwellen steuern zwölf Ventile, nunmehr ohne hydraulischen Ventilspielausgleich, außerdem wurde das Auspuffsystem optimiert. Erfreuliche Begleiterscheinung letztgenannter Maßnahme: Die F 6 klingt 17mal besser als die Gold Wing und spielt ihrer Konkurrenz höllisch eins auf.Wie sich die neue Honda nun fährt, wollen Sie wissen? Tja, wenn man das in Worte fassen könnte - das wär schon was. Sind Sie vielleicht mal gesegelt? Mit einem Boot, versteht sich. Nein. Ich auch nicht. Aber das muß sich ähnlich anfühlen. Majestätisch. Erhaben. Mit dieser gewissen Trägheit, der so viel Eleganz innewohnt. Außerdem - ein 335 Kilogramm schwerer Sechszylinder fährt nicht einfach so: Er schwingt. Er schiebt und dampft und kreuzt durch die Gegend.Sieben Zentner Motorrad sind kein Pappenstiel. Die Valkyrie macht ihrem Namen Ehre. Bei der Gelegenheit: Walküre wird die F 6 in Deutschland nicht heißen. Das Bild vom überirdischen weiblichen Wesen, das - einem altnordischen Mythos zufolge - über Schlachtfelder zog, um irgendwelche toten Helden einzusammeln, ist dem deutschen Importeur dann doch ein bißchen zu heavy. In Ami-Land hingegen, wo der Sixpack zusammengebaut wird, mag man solche Geschichten - oder man kennt sie nicht.Ob nun aber Walküre oder nicht: Die F 6 ist ein Trumm von Motorrad, das zumindest beim Rangieren und im Klein-Klein-Betrieb etwas Muskelschmalz verlangt. Einen Rückwärtsgang à la Gold Wing gibt«s hier nicht, doch erleichtert die geringe Sitzhöhe den Umgang mit dem Brummer enorm: 750 Millimeter, da freuen sich die lieben Kleinen auch mal wieder. Überhaupt nimmt der Riesen-Cruiser, trotz seines ausladenden Gefüges, kurze Leute ebenso freundlich auf wie lange. Die ergonomischen Gegebenheiten fallen fast perfekt aus. Selbst in der zweiten Reihe. Die Rückenlehne muß allerdings sein, da personelle Verluste beim Beschleunigen ansonsten nicht auszuschließen sind.Fern innerstädtischen Rumgegurkes läßt sich die Honda ohne Kraftaufwand am breiten Lenker führen. Zwar reagiert sie langsam, doch darauf stellt man sich eben ein. Dann läuft«s. Und wie. Überraschend leicht. Schon wird die Fuhre ernsthaft umgelegt - auch das funktioniert. Keine Ungereimtheiten, keine Gemeinheiten. Lediglich ein paar Kardanreaktionen beim Lastwechsel und - natürlich - das Aufstellmoment des 150er Vorderreifens beim Bremsen in Schräglage. Ansonsten: alles easy.Kein Zweifel also: Das Fahrwerk hat ebenfalls Stil. Drum darf auch die Härte der Federelemente nicht fehlen. Man stelle sich vor, diese Fuhre geriete wegen zu weicher Stoßdämpfer ins Wanken. Kann bei dem Gewicht schnell passieren. Und dann: Wohin mit den vielen Pferden und Newtons? Ne, ne, lieber etwas straffer, dafür aber stabil. Und zwar in allen Lebenslagen. Sowohl in langen Kurven als auch bei Topspeed über vergammelte Autobahnen.Falls es Sie interessiert: Bremsen kann die Valkyrie auch. Für Cruiser-Verhältnisse sogar ziemlich gut. Gemessen an sportlichen Anlagen, zerbrechen die drei F 6-Scheiben allerdings. Ja, und dann gibt«s da noch eine eher unerfreuliche Nachricht: Honda Deutschland wird den Supercruiser leider erst ab November anbieten. Wieviel er kosten soll, darüber ist man sich in Offenbach derzeit noch nicht einig. Jedesmal, wenn die Preisfrage anklingt, setzt dort so eine Art babylonischer Sprachverwirrung ein. Einzig verwertbare Info: Man will deutlich unter 30 000 Mark bleiben. That«s it.

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