Test Hyosung GV 650 Aquila (Archivversion) Aquila<br /><br /> Sunrise

Ein gutes Produkt ist stets mehr als nur die Summe seiner Zutaten. Das Zusammenschütten etwa von Tequila, Orangen- und Zitronensaft sowie Grenadine und Eiswürfeln ergibt nicht zwingend einen guten Tequila Sunrise, das Mischungsverhältnis ist entscheidend. Aufgrund dieser Tatsache darf man auf die Qualitäten des Korea-Cruisers gespannt sein. Die Aquila wirkt, als ob die Entwickler die Top-Cruiser von Harley und den vier Japanern zerlegt, deren Einzelteile wild gemischt und dann blind wieder zusammengebaut hätten.
So erinnern Instrumentenverkleidung und Rahmen schwer an die Harley V-Rod, Scheinwerfer und Upside-down-Gabel könnte Hondas VTX 1800 gespendet
haben, die Kuhglocken zwischen den
Zylindern sind von Kawasakis VN 2000
bekannt. Sitzbank und Heck wurden von Suzukis Intruder M 1600 übernommen, und zu guter Letzt inspirierte Yamahas Road Star Warrior zum Zahnriemenantrieb sowie dem Auspuff im Haubitzen-Format.
Beim Antrieb gehen die Koreaner
eigene Wege. Zwar sorgt genretypisch ein V2 für Vortrieb, allerdings mit bescheidenen 650 cm3 Gesamtarbeitsvolumen. Die reißen in einer Welt von Einzelhubräumen bis zu einem Liter keine Begeisterungsstürme hervor. Das macht eher der Preis, der mit 6995 Euro bei der Hälfte oder gar nur einem Drittel der Design-Spender liegt. Und damit im Bereich von Yamaha Drag Star 650 und Kawasaki VN 800.
Für das Geld erhält man einen mit reichlich verchromtem Plastik bestückten Vertreter des »Long and low«-Konzepts. Low ist die Sitzhöhe von 69 Zentimetern, während die Arme des Piloten long aus-
fallen sollten, da der Lenker weit vom
Fahrer entfernt und zudem sehr breit
ist. Wendemanöver scheitern deshalb mit-
unter schlicht an zu geringer Armlänge. Was die Fahreigenschaften angeht, ist
die Aquila eine würdige Vertreterin ihrer Gattung. Nur mit Mühe lässt sie sich in Kurven einlenken, von Agilität kann keine Rede sein, dazu passt die minimale
Bodenfreiheit. Der Geradeauslauf hingegen ist – Ehrensache – tadellos.
Der vergasergespeiste 90-Grad-V2 wirkt in diesem Umfeld leicht deplatziert: Er will gedreht werden, bietet im unteren Drehzahlbereich wenig Dampf, produziert dafür reichlich Vibrationen. Ab etwa 6000/min kehrt sich das Verhältnis um. Schade nur, dass bisweilen ein Schaltvorgang im Spiel der Umlenkung hängen bleibt. Wie flott man unterwegs ist, lässt sich bei Sonnenschein lediglich erahnen, das Display ist dann kaum ablesbar.
Das Fahrwerk spielt mit, solange es über einigermaßen ebenen Untergrund geht. Die Gabel spricht recht unsensibel an, und die Dämpfung der hinteren Federbeine geriet
zu weich. Die Bremsen
indes sind ohne Tadel, die vordere Dop-
pelscheibe geht kräftig und mit geringer Handkraft zu Werke. Die Verarbeitung ist ordentlich, wo-
bei man etlichen Bauteilen ansieht, dass sie nicht viel kosten dürfen. Den Koreanern steht noch einige Feinarbeit ins Haus. Dann könnte aus den Zutaten ein schmackhafter Cocktail werden. sgl

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote