Test Hyosung Naked 125 (Archivversion) Der Overdog

Vor rund zwanzig Jahren, als eine
Yamaha RD 80 auf den Schulhöfen höchste Abschleppquoten garantierte, wäre die Existenz der Hyosung Naked 125
so bombastisch eingeschlagen wie die Landung eines Ufos. Die Zeiten haben
sich geändert. Giftige 125er-WM-Replikas gehören mittlerweile zum Straßenbild, der Einsteigermarkt ist umkämpfter denn je. So kann nicht verwundern, dass die unverkleidete 125er-Hyosung sich auf den ersten Blick nicht von einem ausgewachsenen Motorrad unterscheidet. Der kühlgerippte, luftgekühlte V-Motor kommt
optisch stark daher und weckt Ducati-Fantasien, 790 Millimeter Sitzhöhe, 1445 Millimeter Radstand – zehn mehr als bei der 650er-Hyosung – und der bullige 17-
Liter-Tank zeigen an, dass die Achtellitermaschine ernst genommen werden will.
Nichts gegen erwachsene Abmaße. Wenn sie harmonieren. In puncto Ergonomie könnten die Koreaner jedoch Nachhilfe gebrauchen. Egal, wer darauf sitzt, kurz oder lang, der Kniewinkel ist zu eng, der Lenker zu weit weg, die Fußrasten einen Tick zu hoch und zu weit vorn, der Schalthebel zu nah am Fuß. Gottlob kann man sich an alles gewöhnen.
Zum Beispiel an die Leistungscharakteristik des 75-Grad-V-Motors. Zwei Zylinder, vier Nockenwellen, acht Ventile – 14,4 PS bei 11000/min. Wie fühlt sich so etwas an? Selbst für 125er-Maßstäbe geht unter 6000/min viel zu wenig. Kein Anfahren
an Ampeln, kein Gebummel durch die Landschaft. Danach zeigt das Triebwerk so
etwas wie verhaltene Euphorie. Wer sich aufs Gefühl verlässt, ist meist zwischen 9000 und 12000/min unterwegs. Ärgert sich bisweilen über die hakige Schaltung, freut sich über die leichtgängige Kupplung und orgelt fröhlich im roten Bereich herum,
der bei 11000/min beginnt, exakt hier steht die Nennleistung zur Verfügung.
Die Drehorgelei kann man auch positiv sehen. Denn der Motor arbeitet unglaublich sanft und nahezu vibrationsfrei
über den ganzen Bereich. Wer es wirklich
wissen will, erreicht irgendwann 110 km/h. 25,3 Sekunden vergehen, bis echte 100 km/h anstehen. Der gut ablesbare Tacho vermeldet dann 105. Bleibt die Frage:
Halten die Bremsen diesen Stürmen stand? Nicht ganz. Sowohl vorn als auch hinten kämpft ein Doppelkolben-Schwimmsattel um Geschwindigkeitsabbau. Dosierung und Wirkung hinten gefallen, vorn muss man ordentlich zupacken. Und wird dabei Zeuge, wie sich die Gabel mit ihren 35er-Standröhrchen verzieht. Doch sie kann auch mehr. Wegstecken nämlich.
Die Fahrwerksabstimmung geht insgesamt
als kommod durch. Fast zu kommod. Dämpfung ist praktisch kaum vorhanden, Federung überwiegt. Wenn’s richtig holprig wird, trampelt, springt und hüpft die 125er munter über den Asphalt. Bodenwellen in Kurven quittiert sie mit leichten Kipp- und Pendelbewegungen. Doch sowohl Einlenkverhalten als auch Handlichkeit liegen
auf hohem Niveau und resultieren aus
folgendem Mix: breiter Lenker, schmale Reifen, 172 Kilogramm.
Bleibt die Kernfrage: 3540 Euro – ist sie‘s wert? Nüchtern betrachtet schon. Das Zweiradfeeling stimmt, die Ausstattung ist prima. Verarbeitungsqualität und Lichtausbeute könnten jedoch besser sein. Zum Preis von 69 Euro ist ein Drosselkit
auf 80 km/h erhältlich – für 16-Jährige, um den Abschleppfaktor zu testen. rh

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