Test KTM 640 LC4 Supermoto (Archivversion) Manege frei!

KTM 640 LC4 Supermoto: Das heißt auf Zuruf Männchen machen oder auf dem Kopf stehen, auf den Ohrläppchen ums Eck und immer wieder dieselbe Frage: Wie macht sie das bloß?

Die von abgeklärten Zeitgenossen gerne in die kleinkindliche Erfahrungswelt verwiesene Gefühlsregung des Staunens steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem des »Selber-können-wollens«. Wer einst in der Manege die Löwennummer sah, hatte seinen Berufswunsch definiert. Zirkusdirektor. Auch einmal so die Welt verblüffen! Im Erwachsenenalter geht man die Karriereplanung dann rationeller an. Umso erstaunlicher ist die kindliche Erregung, die selbst gestandene Biker angesichts der Darbietungen der Supermoto-Cracks befällt. Einmal so im Drift um die Ecken, das wär´s!Nur: Wie machen die das bloß? Eins scheint klar: Ohne eine geeignete Gerätschaft geht da nichts. Als Wunscherfüller hinsichtlich dieser pubertären Unvernunft tut sich seit Jahren KTM hervor. 640 LC4 Supermoto heißt das aktuelle Vehikel auf dem Weg zum provozierten instabilen Fahrzustand, der nach der jüngsten Überarbeitung noch einfacher erreichbar sein soll, weil die Österreicher für 180 Euro mehr ein Füllhorn von Modifikationen über den neuen Jahrgang ausschütteten.In erster Linie wird in dieser Liste traditionell die Leistung genannt, obgleich die dem hoffnungsvollen Nachwuchsdrifter eigentlich egal sein kann. »High Flow« heißt der neue, von der Dakar-Maschine abgeleitete Zylinderkopf mit größeren Auslassventilen, der dem LC4-Agregat in Kombination mit neuen Steuerzeiten, optimiertem Zündzeitpunkt und einem neuen Krümmer satte 54 statt der bisherigen 49 PS bescheren soll. Dass sich auf dem Prüfstand lediglich 53 PS einfinden, mag an der geringen Laufleistung der Testmaschine liegen. Trotzdem gibt es fast über das gesamte Drehzahlband mehr Power und Drehmoment (siehe Leistungskurve). Wichtiger für spektakuläre Quersteher sind jedoch ganz andere Faktoren. Die vordere Bremse zum Beispiel. »Vorne so stark bremsen, dass die Hinterhand leicht wird, aber noch Bodenkontakt hat«, lautet Tipp eins von Supermoto-DM-Spezialist Achim Trinkner. KTM hat ihn beherzigt. Statt der bisherigen Doppelkolbenzange kommt an der beachtlichen 320er-Scheibe nun ein zeitgemäßer Vierkolbenbeißer von Brembo zum Einsatz, der diesen Balanceakt dank eines exakteren Druckpunkts und der damit verbundenen besseren Dosierbarkeit deutlich leichter macht. »Hinten mitbremsen, die Gänge runterprügeln und mit gefühlvollem Kupplungseinsatz das Bremsmoment des Motors nützen«, rät Trinkner. KTM hat das berücksichtigt und die Supermoto mit einer hydraulisch betätigte Kupplung ausgerüstet, deren Hebel sich über ein kleines Handrad in Sachen Hebelweg und Einrückzeitpunkt auf die Befindlichkeiten des Piloten einstellen lässt. »Danach, ab dem Kurvenscheitel, ist es vorbei mit dem Driften. Dann zählt nur noch Traktion«, beendet Achim die kleine Querstehkunde. KTM hat auch hier das richtige Rezept, spendiert der neuen Supermoto neben einer neuen Gussschwinge und dem bewährten Pirelli MT 60 RS statt der bisher 4,25 Zoll breiten Felge eine 5,00-Zoll-Variante, welche die Reifenaufstandsfläche vergrößert. Und wenn das alles nicht reicht? Wenn schon beim kleinsten Rutscher die Vernunft über den Darstellungszwang siegt, der jugendliche Übermut dem Verantwortungsbewusstsein für Familie, Hund und Goldfisch weicht? Wenn Angst sich breit macht? Dann ist es Zeit, den tollkühnen Männern und ihren driftenden Kisten die Manege zu überlassen – und an der 640 LC4 Supermoto Qualitäten zu entdecken, die weniger der spektakulären Außenwirkung sondern mehr der inneren Freiheit zuträglich sind. Im Grund genommen ist die Botschaft nämlich simpel: ein strammer Einzylinder in einem straffen Fahrwerk, wenig Gewicht und viel Bewegungsfreiheit – mehr braucht es nicht zum Glücklichsein. Jedenfalls nicht, wenn der Aktionsradius überwiegend in urbanen Gefilden angesiedelt ist. Im Gegenteil: Die KTM versteht es wie kaum eine Zweite, dem Zweiradalltag das Alltägliche zu nehmen. Wer im Büro den Helm absetzt, hat schon gewonnen. Zumindest jene kleinen Rennen, die nicht das große Publikum, aber das eigene Ego befriedigen. An jeder Ampel, um jede Verkehrsinsel, über jede Straßenbahnschiene – es gibt nichts, was einer LC4 Supermoto hier das Wasser reichen könnte. Laserscharf lenkt sie ein, fährt immer innen und immer vorn, bremst bei einem beherzten Zug am Hebel gewaltig, ohne dass sich die neue, ebenso gewaltige 48er(in Worten: achtundvierziger!)- Upside-down-Gabel auch nur ansatzweise verwindet, drückt nicht gewaltig, dafür aber gut kontrollierbar vorwärts. Wenn der aufmerksame Pilot die Drehzahl nicht zu weit absinken lässt, was angesichts des fehlenden Drehzahlmessers im ebenfalls neu gestalteten Cockpit nicht ganz leicht fällt. Dann holpert der Eintopf ganz ungeschmeidig vor sich hin, lässt die Kette peitschen und den zuvor strahlenden Helden betreten einen, wenn nicht zwei Gänge nach unten schalten.Ein Tätigkeitsfeld, um das er auch jenseits der Ortsschilder nicht herumkommt. Das Gefühl, immer und überall mehr Leistung zu haben als notwendig, gibt es bei der Supermoto nie. Im Gegenteil: Sie motiviert jeden halbwegs ehrgeizigen Fahrer durch ihre aktive Sitzposition, dieses Manko durch beherzten Einsatz auszubügeln. Dass dieses trotz der in der Zugstufe etwas zu straff gedämpften Gabel fast immer gelingt, spricht für das Konzept von kinderleichtem Handling, wenig Gewicht und viel Bodenfreiheit. Dass die allgegenwärtigen Vibrationen des Singles nur auf längeren Geradeausetappen notiert werden, für den auch in freier Wildbahn gebotenen Fahrspaß, der nur bei ganz hohem Tempo (gemessene 170 km/h Topspeed statt angegebener 156) durch leichtes Pendeln getrübt wird. Und dass bei allen, die sich dann derart mit der Supermoto angefreundet haben, neben den kleinen Freuden des Alltags doch die Zirkusnummer wieder in den Vordergrund rückt, spricht für das noch nicht ganz verschüttete Kind im Mann. Denn die neue LC4 640 Supermoto lässt sich dank der jüngsten Modifikationen leichter auf Hinter- und Vorderrad stellen als je zuvor. Und so auch abseits von wagemutigen Drifteinlagen das Publikum staunen; Wie macht der das bloß?

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