Test KTM 990 Supermoto (Archivversion) Hochrechnung

Einspritzung statt Vergaser, 50 cm³ mehr Hubraum und satte 18 PS mehr Leistung: excellente Prognosen für die 2008er-Zweizylinder-Supermoto von KTM.

Der Vordermann ist weit genug entfernt? Dann tun Sie es. Vielleicht nach der Ausfahrt aus dem Kreisverkehr oder beim Einbiegen auf die Hauptstraße. Den Zweiten drin lassen – und Vollgas. Dann wird die Supermoto wie von der Kraft eines gigantischen Magneten nach vorn gezogen, um Schlag 6000 Umdrehungen ihr Vorderrad zu heben. 20, 40, 60 Zentimeter hoch, drei, vier Sekunden lang, bis – ratatat – bei 9500/min der Begrenzer die Front fürsorglich wieder nach unten wuchtet. Nichts auf der Welt scheint einfacher als ein Power-Wheelie auf der 990er-KTM.

Zugegeben, es gibt andere Qualitäten, die gute Motorräder auszeichnen. Dennoch charakterisiert dieser Sprint die Zweizylinder-Supermoto: spektakulär, spaßorientiert und doch mit diesem Schuss Ver­nunft bedacht, der aus einem Funbike eben mehr macht als nur den Brenner für den Hausrunden-Quickie. Nicht von ungefähr ist die Supermoto vor der Super Duke und der Reise-Enduro Adventure das bis dato bestverkaufte Modell der Zweizylinder-Baureihe von KTM.

Und wird es wohl auch in der Saison 2008 bleiben. Schon allein, weil Euro 3 den Abschied vom bisherigen Antrieb der Supermoto, dem noch mit Vergasern bestückten 950er-Motor, erzwang. Und mit gemessenen 20 zusätzlichen PS des unverändert aus der Super Duke über­nommenen 1000er-Einspritz-Triebwerks argumentiert es sich nicht nur in Funbike-Kreisen überzeugend. Zumal einige Retuschen (siehe Kasten Seite 19) den Austro-Drifter zusätz­lich aktualisierten.

Und mit diesem Hubraum- und Leistungsplus überzeugt die 990er-Supermoto von der ersten Sekunde an. Ob beim brachialen Sprint aus dem Drehzahlkeller nach engen Kehren oder dem Endspurt auf der Geraden, der 75-Grad-V2 dost ­seinen Vorgänger immer und überall ein. Subjektiv sogar noch beeindruckender, als es die objektiven Werte (siehe Messwerte) aussagen. Bleibt er doch gerade in der Beschleunigung von null auf 100 Opfer seines überbordenden Temperaments. Vollgas bedeutet – siehe oben – nicht nur forcierten Vortrieb, sondern ebenso: hoch die Front. Sei’s drum. Schließlich besitzt der Kraftmax auch eine gute Kinderstube, hackt bei niedrigen Drehzahlen nur minimal und erweist sich selbst bei höheren Touren als nahezu vibrationsfrei.

Allerdings: Den ultraweichen Lastwechselübergang, mit dem der 950er-Antrieb brillierte, bleibt der 1000er schuldig. Am Kurvenscheitelpunkt geht der Einspritzer eine Nuance ruppiger ans Gas, obwohl ihm die KTM-Techniker die unter den Gesetzesvorgaben wohl fettest mögliche Abstimmung programmierten. Darauf lässt zumindest der mit 5,9 Litern gestiegene Landstraßenverbrauch schließen. Schwacher Trost: Der neu konturierte, einen deutlich schmaleren Knieschluss bietende Tank fasst nun 1,5 Liter mehr.

Näher an die Grenzen der Fahrwerksauslegung tastete sich die Entwicklungs-Crew auch mit der geänderten Lenkgeometrie. Um Handling und Geradeauslauf zu verbessern, änderten die Techniker das Offset der Gabelbrücken um zwei Millimeter und stimmten die Gabel straffer ab. Trotz der nur marginalen Änderung ge­genüber der vorbildlich neutralen 950er-Super­moto zeitigt die 990er – bei identischer Bereifung – nun eine Tendenz zur Kippeligkeit in engen Kehren, die sich beim Bremsen noch verstärkt. Nichts Gravierendes, aber doch auffällig. Zumal sich das Handling durch diese Maßnahmen lediglich geringfügig verbesserte.

Allerdings gab es da auch nicht viel zu tun. Denn nicht nur in dieser Beziehung bleibt die Supermoto ein Prachtstück. Besticht mit diesem exakt und leicht zu schaltenden Getriebe oder der federleicht zu betätigenden Kupplung. Und spannt letztlich mit einer superb abgestimmten Federung, vortrefflichem Handling, exzellenten Bremsen und gelungener Ergo-nomie sogar den weiten Bogen zwischen Fun-, Supermoto- und Alltagsbiker. Erst recht mit diesem fantastischen Motor.

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