Test Moto Guzzi California Jackal (Archivversion) Full Metal Jackal

Moto Guzzi will im Cruiser-Revier mit der abgespeckten California Jackal Beute machen. Die Chancen der nahezu plastikfreien Italienerin stehen nicht schlecht.

Die neunziger Jahre gelten gemeinhin als Epoche der neuen Bescheidenheit und des Individualismus. Von diesem Credo ließ sich pünktlich zum Ausklang des Jahrzehnts auch Moto Guzzi inspirieren, denn die Italiener nahmen sich ihr Cruiser-Urgestein California zur Brust, reduzierten die Ausstattung und schufen damit das 5000 Mark günstigere Einsteiger-Modell Jackal. Um den Preis von 17 500 Mark realisieren zu können, muß es nicht nur auf die zweite Bremsscheibe vorn verzichten, auch Windschild, Drehzahlmesser, Trittbretter und etwas Chromzierat blieben gegenüber der California auf der Strecke. Diese Reduktion auf das Wesentliche stellt aber keinen Mangel dar, zumal das Herz der Guzzi, ihr fast schon archaisch anmutender Stoßstangen-V2, unangetastet blieb und sich im neuen Umfeld noch prägnanter in Szene setzen kann. Die Guzzi besitzt damit etwas, was es woanders nicht einmal für Geld und gute Worte gibt - nämlich Charakter und Geschichte. Beides Eigenschaften, die nicht auf dem Reißbrett entstehen können - Königswellen-Kawa hin, Stoßstangen-Yamaha her. Unterstützt wird der Eindruck eines echten Motor-Rades durch metallene Kotflügel, Speichenräder und dezenten Chromschmuck. Wem das nicht reicht, der kann seine Jackal mit über 40 Accessoires aus dem Guzzi-Zubehörangebot, das unter anderem Windschild, Packtaschen und einen höheren Lenker umfaßt, ganz nach Gusto aufrüsten.Nur wenig Handlungsbedarf für Verbesserung besteht bei den Umgangsformen des 1064 cm3-Zweiventilers. Er springt spontan an und grollt nach kurzer Choke-Hilfestellung herzhaft aus beiden Auspuffrohren. Verstärkt wird das typische Guzzi-Gefühl durch ein ausgeprägtes Kippmoment beim Gasgeben, Resultat der längsliegenden Kurbelwelle.Wünsche nach Änderung von Geschwindigkeit und Tonlage werden durch die Einspritzung mit kurzer Verzögerung, dann aber umso nachdrücklicher in die Tat umgesetzt. Das Aggregat schüttelt seine Leistung derart locker aus dem Ärmel, daß man auf einen Besuch im imaginären roten Bereich verzichten kann. Außerdem nehmen die Vibrationen obenheraus im gleichen Maße zu, wie die Drehwilligkeit abnimmt. Wesentlich artgerechter ist es, durch frühes Hochschalten den satten Punch zu genießen. Doch Obacht, allzu lässiges Einlegen der Gangstufen bestraft das Getriebe mit tückisch eingestreuten Leerlaufstellungen. Bei voller Beschleunigung ruft sich zudem der Kardan durch spürbares Verhärten der Hinterhand ins Gedächtnis. Überhaupt zählt das Fahrwerk nicht zur Gattung der Softies. Es liefert jederzeit einen präzisen Staßenzustandsbericht, die straff abgestimmten Federbeine teilen aber bei groben Unebenheiten herzhafte Tritte ins Kreuz aus, die vom harten Sitzpolster nur mäßig gefiltert werden. Apropos Sitzen: Bedingt durch die für Cruiser-Verhältnisse weit oben angebrachten Fußrasten muß der Fahrer eine froschartige Sitzposition hinter dem stark nach hinten gekröpften Lenker annehmen. Das ist weder besonders bequem, noch fördert es die Einheit von Fahrer und Maschine. Schade eigentlich, darf die Jackal doch guten Gewissens den Titel eines Bewegungstalents führen. Ein tiefer Schwerpunkt und moderate Reifenbreiten sind Zutaten, die für ein leichtfüßiges Handling sorgen: Kurvige Landstraßen sind das bevorzugte Revier des metallenen Wildhundes. Er läßt sich auch ohne die sonst bei Guzzi übliche integrale Betätigung der beiden Brembo-Stopper jederzeit sicher einbremsen. Beim beherzten Kurvenswingen mahnen aufsetzende Fußrasten spät zur Mäßigung, erst wenn linksherum der Ausleger des Hauptständers unsanft über den Asphalt schmirgelt, ist Schluß mit lustig. Ebenfalls in Streß arten zügige Autobahnfahrten aus. Bis etwa Tempo 140 läuft die Jackal ordentlich geradeaus, darüber wird es immer ungemütlicher. Zum einen setzt leichtes Pendeln ein, was durch Querfugen und Absätze noch verstärkt wird, zum anderen hängt der Fahrer wie ein Segel hinter dem Lenker. Was soll’s, für Topspeed-Exzesse gibt es fürwahr geeignetere Untersätze.

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