Test Moto Morini 9 1/2 (Archivversion) Was bin ich?

In der legendären Rateshow wäre die 91/2 eine schwer zu knackende Kandidatin gewesen. Nach dem ersten Sichtkontakt – und nach der ersten Ausfahrt erst recht. Cruiser, Roadster, Streetfighter? Die neue Moto Morini ist eine vielschichtige Persönlichkeit.

Haben Sie einen längs eingebauten Zweizylinder-V-Motor? Ja. Kommt dieser Motor auch in anderen Fahrzeugen zum Einsatz? Ja. Haben Sie einen Gitterrohrrahmen? Ja. Sind Sie rot lackiert? Ja. Sie sind eine Ducati! Nein.
Neuer Versuch. Bei Robert Lemke wäre der nächste Rater an der Reihe gewesen, und die Kandidatin hätte zwanzig Mark
im »Schweinderl« gehabt. Aber »Was bin ich« gibt es schon lange nicht mehr, statt
D-Mark gilt der Euro, und Ducati ist nicht mehr die einzige italienische Motorradmarke, die auf den längs eingebauten V2 setzt. Aprilia, Cagiva und neuerdings wieder Moto Morini tummeln sich ebenfalls in diesem Geschäft.
Doch nicht nur deshalb fällt die Beantwortung der berühmten Frage selbst nach mehreren hundert Testkilometern auf der neuen Morini 91/2 schwer. Auch die Modell-
bezeichnung, die auf die falsche Fährte führen kann, ist nicht ausschlaggebend. Dennoch: 91/2 – wer da auf einen knappen Liter Hubraum tippt, liegt schon mal fundamental daneben. Obwohl die Morini-Verantwortlichen den 87-Grad-1200er aus der Corsaro ursprünglich für diesen Einsatz auf 998 Kubikzentimeter herunterbüchsen wollten: Sie haben es angesichts der beschränkten Kapazitäten gelassen und den »Bialbero CorsaCorta« mit engeren Ansaugkanälen, kleineren Ventilquerschnitten und neuen Steuerzeiten auf den neuen Einsatzzweck getrimmt.
Und welchen Einsatzzweck denn nun? Was ist das für eine seltsame Mischung
aus einem immer noch muskulösen V-Zweizylinder (nominell 117 PS), breitem Streetfighter-Lenker, hochgezogener Zwei-in-eins-Auspuffanlage, mächtiger Upside-down-Gabel, aber durchaus klassischer
Linienführung mit kreisrundem Scheinwerfer und Speichenrädern? Retro-Bike, rassiger Roadster, gemütlicher Cruiser?
Es ist vor allem eins: ein Motor-Rad. Mit ganz starker Betonung auf »Motor«. Dieser V2 dominiert jeden Meter auf der
91/2. Wer jetzt einen Blick auf die Prüfstandskurven (siehe Seite 52) wirft, erfasst nur die halbe Wahrheit. Keine Kurve der Welt, kein Multifunktionsinstrument, kein Analog- oder Digitaltacho vermögen darzustellen, was der Fahrer bei dem kleinsten Zucker am Gasgriff der Moto Morini wahrnimmt. Wie gierig der extreme Kurzhuber (Bohrung mal Hub: 107 mal 66 Millimeter) am Gas hängt. Wie kernig er antritt. Wie er mit jedem Millimeter mehr Dros-
selklappenöffnung lauter aus der Airbox brüllt, wie jede einzelne Verbrennung so spürbar ist wie ein Vulkanausbruch. Und wie unnachgiebig der V2 dann vorwärtsstampft und bei jedem Ampelstart bei-
nahe zwangsläufig das Vorderrad gen Himmel wuchtet. Dieses Temperament erinnert ohne Zweifel an einen Sportler.
Allerdings nur für kurze Zeit. So zwischen 3000 und 4000/min. Hinsichtlich der Geschwindigkeit im sechsten Gang bedeutet dies: zwischen 70 und 110 km/h. Bestes Roadster-Tempo also. Danach ebben die Urgewalten ab. Der 91/2er-Twin dreht keineswegs so frei und ungehemmt weiter wie die sportliche Schwester Cor-
saro, liefert aber trotz der ellenlangen Übersetzung immer ausreichend Schub (ungefähr auf Honda CBF 1000-Niveau) für eine flotte Landpartie.
Und es existieren noch mehr Facetten. Mörderbreiter, konifizierter Lenker, vergleichsweise weit vorne positionierte Fußrasten – die Sitzposition erinnert eher an einen Cruiser, geht mindestens als lässig durch, ohne jedoch fahrdynamische Ambitionen von vornherein zu vereiteln. Sie
ist sogar dauerhaft recht bequem. Zudem wundert man sich angesichts der relaxten Haltung in jeder Kurve aufs Neue über die ordentliche Bodenfreiheit der Morini, die außerdem mit quicklebendigem Einlenkverhalten glänzt und auf straff gespanntem Asphalt zum echten Kurvenräuber wird.
Die Einschränkung indes muss gemacht werden, denn onduliertes Geläuf ist nicht die Sache der 91/2. Weder die mäch-tige 50er-Marzocchi-Upside-down-Gabel noch das Paioli-Monofederbein sprechen feinfühlig an. Darüber hinaus mangelt es beiden an Dämpfung, so dass auf Wellen mächtig Unruhe in die Fuhre kommt. Über kurze, schnell aufeinander folgende Ab-
sätze trampelt die nicht einstellbare Gabel regelrecht, was besonders in Schräglage richtig unangenehm werden kann.
Aber zurück zum Cruisen. 7,2 Liter Super beim gemütlichen Landstraßenbummeln sind viel zu viel. So tröstet es auch wenig, dass der Tank satte 20,8 Liter fasst. Dafür kann man G-Kat und Euro 3 auf der Habenseite verbuchen. Und die Tatsache, dass die 91/2 bei Bedarf neben dem Cruiser gerne auch den Roadster gibt. Und ein kleines bisschen den Sportler. Womit wir der Antwort auf die Eingangsfrage nicht entscheidend näher gekommen sind.

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