Test MuZ Baghira (Archivversion) Tendenz steigend

Schön bunt ist sie ja, die brandneue MuZ Baghira. Und was hat die sportliche Enduro sonst noch zu bieten?

Wie man wohl auf den Namen Baghira gekommen ist? Auf den Panther im Dschungelbuch also, von dem jedes Kind weiß, daß er elegant, gerissen und - bedrohlich schwarz ist. Die Enduro jedoch, die in Hohndorf bei Zschopau derzeit vom Band läuft, hat mit dem Äußeren eines geschmeidigen Raubtiers recht wenig gemein, ähnelt eher einem lustigen, immer fröhlich aufgelegten Papagei - bunt, auffällig und frech.Womit wir schon beim ersten wichtigen Kriterium für ein neues Motorrad wären. Dem Aussehen. Und wie beim Funbike MuZ Mastiff (MOTORRAD 12/1997) setzten die Sachsen auch beim Enduro-Modell auf Eigenständigkeit. Ob Kotflügel, Lampenverkleidung, Tank oder die weit nach vorn gezogene Sitzbank, nichts, was man in dieser Kombination schon irgendwo gesehen hätte. Ganz zu schweigen von den Farben. Orange, Violett, Ocker - gewagt, sehr gewagt, aber ohne Zweifel ein echter Lichtblick in der doch sehr einfallslosen Enduro-Landschaft.Die Baghira gehört trotz ihrer Verspieltheit zu den großen Tieren. Mit 920 Millimetern Sitzhöhe bewegt sie sich auf dem Niveau reinrassiger Sportgeräte. Auch was die Fahrwerkskomponenten betrifft, muß die MuZ sich nicht gleich vor Scham im Unterholz verkriechen. Eine superfein ansprechende, in Zug und Druckstufe einstellbare Telegabel von Marzocchi und ein bewährtes Federbein von White Power erlauben jeweils 280 Millimeter Federweg. Ein stabiler Stahlrahmen mit Alu-Schwinge, ein Endschalldämpfer aus Edelstahl und ein 13,5 Liter fassender Tank aus Kunststoff sind auch nicht an jeder preiswerten Japan-Enduro zu finden.Aus Japan stammt allerdings der Motor. Wie die Mastiff wird auch die Baghira vom XTZ 660-Motor angetrieben. Der Yamaha-Zögling drückt zwar respektable 49 PS auf den MOTORRAD-Prüfstand, macht aber im Fahrbetrieb einen eher phlegmatischen Eindruck. Trotz ansprechender Fahrleistungen ist von erfrischendem Einzylinder-Bums wenig zu spühren und Drehfreude ist nicht unbedingt seine Stärke.Natürlich braucht nicht jeder ein feuriges Triebwerk, um sich im Alltag zurecht zu finden, und der träge, gutmütige Charakter des Yamaha-Eintopfs birgt ja unbestritten auch Vorteile. Beispielsweise, wenn es ums Dahinzuckeln im Stadtverkehr mit wenig Drehzahlen im großen Gang geht. Ein ordentliches Getriebe würde allerdings nicht schaden. Und hier hat die Baghira ein echtes Problem. Die Gänge rasten beim Schalten nicht sauber ein, immer wieder springen sie heraus. Nur eine Frage der Zeit, bis die Schaltklauen hinüber sind.In Sekundenschnelle hingegen hat man sich an die prima Sitzposition auf der MuZ gewöhnt. Das Sitzbankpolster ist sportlich straff und gibt selbst nach mehreren Stunden im Sattel nicht klein bei. Die spitzen, extrem scharfen Stahlfußrasten dagegen setzen auch den dicksten Schuhsohlen auf Dauer mächtig zu.Die Baghira selbst läßt sich dagegen nicht mal von übelsten Straßenbelägen zusetzen. Auf den serienmäßigen Pirelli MT 60-Reifen unterwegs, überzeugt sie sowohl in Sachen Fahrkomfor als auch durch beruhigende Fahrstabilität. Selten zeigte sich eine so hochbeinige Enduro von äußeren Störeinflüssen so unbeeindruckt wie diese MuZ, nur selten wird ein so hohes Maß an Federungskomfort geboten, ohne dabei einen schwammigen Eindruck zu hinterlassen. Schnelle Richtungswechsel gehen dank des breiten Lenkers mit relativ geringem Kraftaufwand von der Hand, obwohl die Baghira nicht zu den handlichsten und mit einem Gewicht von 174 Kilogramm auch nicht unbedingt zu den leichtesten Vertretern der Enduro-Gattung zählt.Mit einem lachenden und einem weinenden Auge muß das Thema Bremsen betrachtet werden. Die Grimeca-Zangen vorn und hinten sind zwar nicht ganz auf dem letzten Stand der Technik (Bremsbelagwechsel nicht ohne Abbau der Zangen möglich), beißen aber mit genügend Kraft in die Scheiben, um die MuZ auch aus hohen Geschwindigkeiten sicher und gut dossierbar zu verzögern. Unter 50 km/h quietscht der vordere Stopper allerdings so laut wie ein alter Kieslaster am Großglockner.Peinlich auch, daß schon nach wenigen hundert Kilometern eines der beiden Deckelchen davonflog, die die Löcher in der Tankverkleidung verschließen. Baghira und das MuZ Funbike Mastiff tragen eine Vielzahl identischer Anbauteile. In den genannten Löchern nun verschwinden bei der Mastiff die eigenwilligen Überrollbügel. Mit besserer Fertigungsqualität ließe sich dieses Problem leicht aus der Welt schaffen.Nun will die Baghira aber nicht nur auf der Straße eine gute Figur machen, sie will auch im Gelände zeigen, was Sache ist. Zu diesem Zweck spendierte MOTORRAD ein paar griffige Stollen-Gummis Marke Michelin T 63, und mit denen zeigt die Sachsen-Enduro keinerlei Respekt mehr vor unwegsamem Geläuf. Ob tiefe Bodenwellen, ausgefahrene Anlieger oder meterhohe Sprünge, die Baghira steckt alles weg. Nicht gerade überhandlich, doch sehr souverän. Gabel und Federbein verdauen dabei trotz ihres sensiblen Ansprechverhaltens auch grobe Landungen. In engen Kehren könnte der Tank etwas schmaler gestaltet sein, damit dem Fahrer beim Nach-vorne-Rutschen etwas mehr Beinfreiheit zwischen Tank und Lenker zur Verfügung stünde, ansonsten gibt es außer dem recht hohen Gewicht nicht viel auszusetzen.Höchstens über den vorderen Kotflügel ließe sich meckern, den zwar eine Aluplatte von unten stabilisiert, der aber unter Sonneneinstrahlung dennoch ziemlich weich wird und labbrig vor sich hin wackelt. Oder über den recht hohen Spritverbrauch des Yamaha-Motors. Auch die Gabel wurde gegen Ende des Tests leicht undicht - ein Problem, mit dem Marzocchi schon länger kämpft. Annsonsten kann man MuZ zu dieser erfrischend frechen Enduro nur gratulieren und wünschen, daß die kleinen Kinderkrankheiten schon in der laufenden Serie ausgemerzt werden. Dann steht einem fetten Beutezug der Baghira nichts mehr im Weg.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote