Test Nostalgia Cycle Super Vee (Archivversion) Ein Viertel Aufschnitt

Wie macht man aus einem Chevy Big Block vier Motorräder? Ganz einfach: Das Achtzylinder-Triebwerk wird fein säuberlich in vier Scheiben zerlegt.

Der »American way of biking« ist schwer angesagt. Weltweit. Deshalb verlassen von Jahr zu Jahr mehr Harley-Davidson das Werk in Milwaukee, mittlerweile jährlich über 100000 Stück. Daß mit Polaris und Excelsior-Henderson jetzt zwei weitere amerikanische Hersteller ihr Glück versuchen, verwundert da kaum.Und dann gibt es - sogar schon seit einigen Jahres - ein US-Bike, das zwar hierzulande noch unbekannt, aber deshalb nicht weniger imposant ist: Die Super Vee von Nostalgia Cycle in Huntington Beach, nahe Los Angeles. Für deren Kraftquelle griff man zu einem Produkt amerikanischer Automobilbaukunst, das längst Kultstatus erlangt hat: den Chevy Big Block. Dieser wurde geviertelt, auf Luft-/Ölkühlung umgebaut und mit einem frei laufenden Schwungrad versehen.Nostalgia Cycles baut dazu zwei Arten von Rahmen, wobei diese so ausgelegt sind, daß Komponenten von oder für Harley-Davidson verwendet werden können: Getriebe, Fahrwerks- und Anbauteile - alles paßt. So läßt sich ganz nach Wunsch des Käufers ein Supertourer, ein Chopper oder ein Cruiser auf die Räder stellen.Es gibt sogar einen Importeur für diese Dickschiffe – allerdings nur in Ungarn. Er stellte als Testmaschine ein Exemplar zu Verfügung, das auf Kundenwunsch als Hardcore-Chopper ausgelegt wurde. Der Kunde wollte vor allem viel Optik fürs Geld, so investierte er lieber in Arlen Ness-Spiegel, -Griffe und -Armaturen als in teure Fahrwerksteile. Vorn und hinten werkeln deshalb Gabel und Federbeine einer 1982er Harley. Die Bremsen stammen von GMA, der Vergaser von S & S, das Getriebe ist eine Viergang-Harley-Einheit von 1980, die mit einem Zahnriemen-Primärtrieb von Belt Drive LTD kombiniert wurde. Bullig, mit zerklüfteten Formen und viel Chrom kommt diese Super Vee daher. Aber ob die offen laufende Schwungscheibe nicht darauf bedacht ist, dem Fahrer die Fußnägel zu polieren? Beim ersten Probesitzen wird klar: nein. Der S & S-Luftfilter zwingt das rechte Knie nach außen, was zwar für eine ungemütlich unsymetrische Sitzposition sorgt, aber dafür dem Fuß keine Chance läßt, mit dem Schwungrad aneinander zu geraten.Spätestens bei der Startprozedur kann sich der Fahrer vergewissern, daß »Hardcore« bei diesem Motorrad kein oberflächliches Attribut ist: Kein Anlasser weit und breit, der riesige Twin muß per Kickstarter zum Leben erweckt werden. Bauarbeiterhände sind für das Anfahren gefragt: Die Kupplung verlangt Bärenkräfte, läßt sich aber immerhin recht ordentlich dosieren. Ist die Fuhre erst einmal in Fahrt, wird sie schon wieder zum Härtefall: Die Federelemente geben ungerührt Auskunft über den Fahrbahnzustand, und die Sitzbank ist beileibe keine Sänfte. Noch härter trifft es den Sozius auf dem kleinen, abgerundeten und so gut wie ungefütterten hinteren Sitz-Brötchen.Mit weit gespreizten und nach vorn gestreckten Beinen, den Oberkörper nach vorn gelehnt, faßt der Pilot den Dragbar-Lenker. Wenden geht mit der Wuchtbrumme trotzdem unerwartet leicht, spätestens beim zweiten Versuch gelingt es auch auf schmalen Straßen, in Schrittempo einen U-Turn ohne Fußeln hinzubringen. Die Super Vee lenkt recht zielgenau und mit wesentlich weniger Kraftaufwand als erwartet ein. Kurven jeglicher Radien können mit für Chopper-Verhältnisse ungewohnt sauberem Strich durchfahren werden.Wird das Tempo aber forscher, machen Windkräfte und Bodenwellen die Fahrt schnell zum unvergeßlichen Erlebnis. Dann hüpft und eiert die Fuhre wild daher, und das Tempo wird gern wieder auf Cruiser-Niveau zurückgenommen. Vorzugsweise durch Gaszudrehen übrigens, denn die vordere Einscheiben-Bremse verlangt nach noch mehr Handkraft als die Kupplung, ist aber wesentlich schlechter zu dosieren als diese. Und die Verzögerung: na ja. Auch der hintere Stopper ist nur bei kräftigem Zutreten einigermaßen in der Lage, den Adrenalinspiegel in Gefahrenmomenten nicht allzusehr in die Höhe schnellen zu lassen.Der Motor läuft wesentlich vibrationsärmer als ein Harley-Twin und zieht schon aus Kellerdrehzahlen los. Dafür verschluckt er sich bei jedem Gasaufreißen. Der Besitzer hat nämlich wegen des ursprünglich unglaublichen Durstes der Maschine die Beschleunigerpumpe entfernt. Ein Kostverächter ist der 1550er V-Zwei dadurch aber trotzdem nicht. Noch immer laufen imposante 9,2 Liter im Schnitt durch den S & S-Vergaser. Das wäre zu azeptieren, hätte der Motor die im Prospekt versprochene Leistung von 98 PS. Doch schon die Beschleuningungs- und Durchzugswerte belehren eines Schlechteren - besser als ein durchschnittliches Milwaukee-Eisen kommt auch der Super Vee nicht daher.Die Prüfstandsmessung bringt schließlich die Wahrheit ans Licht: enttäuschende 51 PS melden sich bei 4200/min zur Stelle. Auch das maximale Drehmoment, mit 87 Nm ebenfalls weit weg von der Werksangabe, reißt niemanden vom Hocker.Für die echten Individualisten unter den US-Fans ist die Super Vee trotz allem eine überlegenswerte Alternative, denn weit mehr als die Motorleistung zählt bei diesem Bike die Show - ganz abgesehen davon, daß das Fahrwerk mit 98 PS krass überfordert wäre. Ihre übrigen Unzulänglichkeiten und Schwächen teilt die Super Vee mit praktisch jedem Hardcore-Chopper.Dafür sprüht diese Maschine nur so von unverfälschtem US-Feeling. Auch ökonomisch gesehen hat die Super Vee so ihre Reize. Erstens, weil sich der Kunde das Motorrad auf seine individuellen Wünsche hin bestellen und so gleich die Teile montieren lassen kann, die ihm gefallen. So müssen unnötige Accessoires beim Kauf nicht mitbezahlt werden. Zweitens können angeblich 70 Prozent aller Motorenteile bei jedem beliebigen Chevy-Händler bestellt werden, weil sie mit denen der Corvette-Maschine identisch sind. Und deren V-8 ist zumindest in seiner ursprünglichen Form dafür bekannt, daß er praktisch unzerstörbar ist.Das wichtigste Argument für potentielle Super Vee-Besitzer ist aber fraglos dieses: Mit kaum einem anderen Motorrad wird aufschneiden so einfach gemacht wie mit diesem Chevy-Verschnitt.

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