Test Simson S 53 (Archivversion) Vorwärts, und nicht vergessen

Sie mobilisierten das ganze Volk. Sogar Klausi. Doch jetzt zählt er zu den Letzten, die Mokick-Klassiker noch zu ehren wissen.

Den Klaus - und die Kollegen nennen ihn alle Klausi, weil er immer so fidel aus »er Wäsche guckt - Klausi also, den kenn ich schon ewig. Seit damals, als wir bei Blohm & Voss noch Dickschiffe zusammengeschweißt haben. Er immer mit seiner Kreidler angerauscht, ich mit meiner Zündapp. Florett und Sport Combinette, beide gebläsegekühlt - war ja nu der letzte Schrei. Immer neben den Fahrradständern geparkt, wo noch »n Stück Dach rüberguckte. Sommer wie Winter. Tasche mit Thermosbuddel hinten auf«m Gepäckträger, zur Frühschicht kam er mit Holzkiste, wegen dem Karnickelfutter.Sonntag ging das natürlich zum Millerntor. Da war Klausi Kassierer, und jetzt darf man das ja mal erzählen, wo St. Pauli aus«m Gröbsten raus ist: Meistens hat er mich umsonst reingelassen. Na ja, dafür hab ich ihn denn immer als Vorzeige-Proleten bei Willy Brandt in«ne erste Reihe gesetzt, so als Leiter vom Ordnungsdienst. Willy und seine Wahlkampfreden, das fand er prima, auch wenn er sonst ja reichlich unpolitisch ist. Einmal, als er wieder die Gewerkschaftsitzung schwänzen will, da sag ich: »Mensch, du bis ja überhaupt nich richtig modiviert.« Da wird er ganz wütend und blafft: »Oller Eierkopp, klar bin ich motorsiert: Mit der Straßenbahn würd ich da schon gar nich hinfahn.«Aber ich schweif schon wieder ab. Im Prinzip geht das nämlich darum, daß Klausi und ich nun beinahe die letzten sind. Nicht in«er Gewerkschaft. Noch nicht. Aber mit den Mokicks. Die Genossen brauchen längst dicke Karren, sagen sie. Das ist jetzt wohl zehn Jahre her, da kommt Mike - und der war man nur Rohrschlosser - mit«m fetten BMW an. Junge, ham wir gelacht. Zu der Zeit hab ich mir ja meine Simson gekauft. Ich mein, wo du auch warst mit der Gewerkschaft bei diesen Polit-Reisen, egal ob Danzig, Prag oder Rostock, überall fuhren die Dinger doch rum. Und die fuhren echt.Klar, unser Klausi hat davon nichts mitgekriegt: nix politische Bildung, ständig im Schrebergarten rumfummeln. Oder an seiner ollen Kreidler. Der hat wohl »n Zentner verölte Kerzen zu Hause, weil er ja nichts wegschmeißen kann. Dann fing er auch noch an, Kolben auszubauen und so. Da mußte ihm aber immer sein Schwiegersohn helfen, das konnte Klausi echt nich, der hat doch noch mit`m dicken Niethammer gelernt. Dem sind diese fummeligen Kolbenbolzenringe gleich reihenweise weggeflogen. Und war ihm das immer peinlich, wenn er denn mit«m Rad von seiner Ollen durch«n Elbtunnel schieben mußte. Da hab ich ihm zum ersten Mal gesagt, er soll mal meine Simson probieren.«Kommt nich in«e Tüte«, hat er gefaucht und gemeint, das könne er sich als Kassierer nicht erlauben, so«n Kommunisten-Krad. So ging das die ganzen Jahre. Kreidler war längst pleite, Zündapp an den Chinesen verkauft. Eigentlich hab ich jeden Tag damit gerechnet, Klausi biegt mit »ner nagelneuen Hercules aufs Werftgelände. Haben doch gut verdient damals, und die sind doch auch gar nicht so schlecht, oder? Aber nee, der hat auf«n Reihenhaus gespart.Aber was wollte ich sagen? Ach so, als denn St. Pauli aufstieg, wollten die neben den ganzen spurverbreiterten Daimlern und was diese Loddel da sonst so fahren seinen grauen Heuler nich mehr auf«m Parkplatz sehen. Fragt also Klausi den langen Gert, was unser Macker von«ner Materialausgabe ist, wie die Hercules so taugt. Ich mein, der Gert kennt sich schwer aus, der liest immer in so`ner Motorradzeitung. Sagt der also: »Du, die haben nur noch »ne Sport-Enduro. Damit kannst du nicht umgehen.« Gefahren hatte der die ja nicht, aber das stand da nun mal drin. Klausi war ganz zerknirscht, und ich konnte ihm auch nicht helfen. Hab ihm aber wieder meine Simson angeboten. War ja schon die zweite und nagelneu und außerdem auch überhaupt nicht mehr kommunistisch. Das sind doch jetzt richtige Unternehmer da in Suhl.Na ja, so ist das gekommen. Und als wir neulich im Hafen »ne Schicht gekloppt haben, da ist Klausi endlich umgefallen. Das machen wir schon mal, wenn Zeit ist und die Urlaubskasse noch leer: hin zum Hafenbüro und acht Stunden extra, nach«er Frühschicht. War irgendwas auszuladen, aber wir mußten elend lange anfahren. Und wie Klausi sieht, daß ich mit meiner S 53 locker durch alle Schlaglöcher brate, da staunt er schon. Dann warn wir erst am falschen Bahngleis, und - na klar springt meine Simson auf«n Schlag wieder an. Einmal, zweimal kicken, schon tuckert sie. Klausi immer getreten. Und getreten. Dann hat er geschoben, und als ihm dabei seine Mütze in«ne Pfütze gesegelt ist, ich glaub, da war der echt sauer auf seine Kreidler.Jedenfalls wollt er tauschen. Erst hat er sich bischen dösig angestellt mit der Fußschaltung, aber als wir endlich bei unserm Waggon waren, hat er gemeint: »Du, die hat ja richtig vier Gänge.« Mann, war der stolz. War doch noch nie im Vierten gefahren, vorher. »Und wie leicht die sich schalten läßt.« Hat er recht, finde ich, aber die Hebelwege sind beinahe so ewig lang wie bei der Combinette. Na ja. Jedenfalls war Klausi so begeistert, daß ich gesagt hab: »Komm, wir machen noch »ne kleine Tour. Ist doch heller Tag, was willst du denn da zu Hause.« Erst hat er was von Radieschen säen gemurmelt, aber dann sind wir los. Richtung Jonny.Klausi vorneweg mit meiner Simson, immer geglotz, wie weit er mich schon abgehängt hat. Meilenweit, kannst glauben, weil die Simson doch locker ihre 55 Sachen macht und die Kreidler auch mit abgesägtem Krümmer bei 50 schier verreckt. Und dann erst die Köhlbrandbrücke hoch. Klausi fast bis oben im Vierten, weil er das so toll fand. Zieht auch ganz gut hoch, die Simson. Aber als se nur noch so runde 40 draufhat, da schaltet er runter, und die macht ja dann echt »nen Satz: Im Dritten geht die locker wieder hoch bis 45. Nur daß die Simson Blinker hat, war in seinen Schädel nicht reinzukriegen. Richtig große Blinker, aber nee, Klausi immer den Arm raus. Rechts rum konnt er dann natürlich nicht mehr vorne bremsen, und einmal - wir wollten eben bei der »Deutschen Scholle« einbiegen - tritt er doch mit«m rechten Fuß auf«n Auspuffkrümmer statt auf«e Bremse. Kann passieren, ist wirklich bischen eng da unten. Hat aber noch gereicht. Und die bremst ja hinten bald besser als vorne. Klausi also mit Schmackes rechts rum. Kein Problem: Die Simson kannst ja reinlegen wie«n echtes Motorrad. Nicht so wie die Combinette, die immer mit den Beinschützern schrabbeln mußte, wenn’s mal schnell gehen sollte.Vor Klausis Bude also Pause. Er wollt mir ja Bilder von seinem Kürbis zeigen, wo er letztes Jahr mit gewonnen hat. Hat er aber dann ganz vergessen, weil er immer um die Simson rumschleichen mußte. »Was die für«n schönen Ständer hat. Nicht so wie meiner.« »Und hier, längst nicht so fummelig wie meine Alte.« Stimmt ja auch: Die Schalter sind wirklich ordentlich. Die Sitzbank fand er bischen zu weich gepolstert, und da kannst mal sehn, was der in seinem dicken Mors für Gefühl hat.Dann sind wir bei Jonny vorbei. Und so nach«m dritten Underberg verrat ich Klausi, daß Simson jetzt auch im Westen überall Händler hat und daß die Neue, also der Nachfolger von meiner, nur 3180 Mark kostet. Erst war er beleidigt, weil die jetzt Habicht heißt und ihm so«n Vieh mal seine drei Perlhühner weggeputzt hat, aber dann hat er gesagt: »Ein Mann, ein Wort: gekauft.« Dann gab«s »ne Lokalrunde - und danach ist die Kreidler nicht mehr angesprungen. Zu dritt haben wir geschoben, Jonny, Klausi und ich. Nix zu holen. Ich wollt ja noch den Kerzenschlüssel aus meinem Werkzeugfach rauswühlen, aber dann hab ich ihn nach Hause gebracht.Schaukelt ziemlich, die Federbeine hinten mein ich, aber nu ist Klausi auch echt gewichtig. Der hat das gar nicht gemerkt. War schon leicht angetüdert. Aber die Fußrasten hinten fand er prima, die sind doch bei seiner Kreidler noch an«ner Schwinge dran. »Da glaubst du immer, du bist besoffen«, hat er von hinten geschrieen und sich dabei den Hut festgehalten. Wir waren ja mächtig in Fahrt, wir zwei.Zu Hause macht sein Jüngster die Tür auf. »Morgen holst die Kreidler bei Jonny ab. Kannst behalten.« Dann ist er mit der Morgenpost aufs Klo, und der Bengel glotzt wie blöd. »Kannst doch prima mit in«ne Schule fahren«, sag ich noch, weil der ja aufs Gymnasium in«ner Stadt geht. Und Tennis spielt der Rotzlöffel auch, aber da soll Klausi sich alleine mit rumärgern.

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