Test Titan Gecko (Archivversion) Echs und hopp

Gerade noch faul in der Sonne gedöst, einen Wimpernschlag später auf und davon - er neigt schon zu Echstremen, der Gecko.

Womit die Parallelen zwischen dem US-Chopper und seinem tierischen Namensgeber auch schon erschöpft wären. Der Gecko aus Fleisch und Blut (k)lebt vorzugsweise in der Vertikalen und ist mit seinem unscheinbaren Äußeren sozusagen die Standardversion der Eidechse.Der metallene Gecko der Titan Motorcycle Company of America in Phoenix, Arizona, geht eindeutig dem horizontalen Gewerbe nach - und zwar am liebsten cool auf den Seitenständer gelehnt. So kann er sich am vorteilhaftesten in Positur bringen und läuft nicht Gefahr, seinen Luxuskörper mit Straßendreck zu bekleckern.Wäre auch schade, denn was diese Maschine an blitzblank poliertem Aluminium zu Markte trägt, könnte ausreichen, eine Tagesproduktion von Japan-Choppern in hitverdächtige Custom-Geräten zu wandeln. Dabei endet der glanzvolle Auftritt keineswegs an funkelnden Oberflächen: Zahllose Teile - das geht bis in die Niederungen von Kabelhaltern und Blinkerhaltern - sind aufwendig aus dem vollen Material gearbeitet und rundum lupenrein feinbearbeitet.Die Liebe zum Detail und die Vielzahl mit Herzblut gemachter Details laden zu einer ausgedehnten, erlebnisreichen Besichtigungsrunde, die irgendwann zum Kern der Sache führt - dem stattlichen VauZwo. Wie er sich so stolz in die Brust wirft, mutet er an wie ein 1340er Harley-Motor, der sich für die Paarungszeit zurechtgemacht hat: Ein bißchen aufgeblasen, ein bißchen selbstverliebt, ansonsten aber unverkennbar der hinlänglich bekannte Naturbursche aus Milwaukee.Oder doch nicht? Bei näherem Hinsehen sieht der Gecko-Antrieb doch irgendwie »special« aus - ein Verdacht, der sich angesichts des in wichtige Motorteile wie Kurbelgehäuse und Zylinderköpfe eingeprägten S&S-Logos bestätigt. Man mag es kaum glauben: Dieser »Harley«-Motor kommt ohne jegliche Harley-Teile aus, ist von A bis Z aus Tuning-Komponenten (für Harley-Motoren) zusammengestellt. Solch eine Vorgehensweise bietet Verlockungen, denen die Väter des Gecko-Motors auf der ganzen Linie erlegen sind. Alles, was irgendwie nach Leistung riecht, wurde in und an den V2 gepackt: knapp 1,6 Liter Hubraum als Resultat aus 117,4 Millimeter Hub und 92 Millimeter Bohrung, große Ventile, eine kräftig buckelnde Nockenwelle, ein Scheunentor von Vergaser.Was dabei hinten rauskommt, ist aller Ehren Wert: 108 PS bei mutigen 6500/min (Kolbengeschwindigkeit 25,4 m/s) winken laut Herstellerangabe - allerdings nur dort, wo man es mit der Lautstärke nicht so genau nimmt. Der für ordentliche deutsche Verhältnisse mit Flüstertüten domestizierte Test-Gecko erstickt schon bei 4500/min an seinen eigenen Abgasen - nachdem er sich gerade mal 59 PS aus den Rippen geschwitzt hat.So ernüchtend sich die Leistungsbereitschaft des Riesenhubers in Zahlen ausdrückt, so deprimierend ist die Art und Weise, wie er seine bescheidenen Druckmittel zutage fördert. Im unteren Drehzahlbereich schüttelt er dermaßen, daß einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht, im oberen Viertel seines Schaffensbereichs nervt er mit bitterbösen Vibrationen, dazwischen gibt´s eine Nische relativer Ruhe, in der keine gesundheitsgefährdenden Risiken und Nebenwirkungen, leider aber auch keine nennenswerten Temperamentsausbrüche zu erwarten sind. Die bescheidenen Darbietungen des Gecko-Triebwerks schlagen sich nicht zuletzt in Fahrleistungen nieder, die gerade ausreichen, einer Yamaha XV 535 Paroli bieten zu können.Dazu bedürfte es allerdings eines anderen Fahrwerks, denn weit hartnäckiger als alle Großserienchopper verhakt sich der Gecko am Dreh- und Angelpunkt zweirädiger Fortbewegung: der Kurvenfahrt. Was dieses Motorrad an Radstand zuviel mitbekommen hat, fehlt ihm an Bodenfreiheit - mit unheilschwangeren Konsequenzen: Schon bei Schräglagen, die wirklich nicht der Rede wert sind, läuft die Maschine auf Grund. Und wenn der Asphalt die Feile ansetzt, wird`s teuer, schließlich kostet ein Kilo Gecko (bei einem Gesamtpreis von 63000 Mark) rund 220 Mark. Noch größere Verluste drohen freilich, wenn die Fuhre bei einem dringend gebotenen Ausweichmanöver mangels Handlungsspielraum im Abseits landet. Gut, daß man sich wenigstens auf die Vorderradbremse verlassen kann, die fast so gut wirkt, wie sie aussieht - während der hintere Stopper »dank« verchromter Scheibe in Schönheit schwächelt.Ungeachtet der in Kurven lauernden Gefahren, legt der Gecko einen unbändigen Hang zur Schräglage an den Tag. Sobald die Maschine eine Kurve gerochen hat, will das Vorderrad mit eiserner Hand am Lenker daran gehindert werden, nach innen wegzukippen. Da ist es - vor allem in engen Kehren -, schon Glücksache die angepeilte Linie einigermaßen zu treffen.Eine klare Linie verfolgt der Gecko hingegen bei den Federungselementen. Die flach angestellte Gabel ist sich mit der Drehstab-gefederten Hinterradschwinge einig: Zuviel Nachgiebigkeit gilt als Zeichen von Schwäche, und wer nicht federt, muß auch nicht dämpfen. Echs und hopp eben. Was weniger ins Gewicht fällt: Der Gecko ist in erster Linie Echshibitionist und dann erst fahrbarer Untersatz - mithin ein aussichtsreicher Kandidat für den Orden wider den tierischen Ernst.

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