Test Yamaha FJR 1300 A (Archivversion) Trip Master

Sie hat sich längst in die Herzen der reisenden Nation gefahren. Nun wird die Yamaha FJR bereits zum zweiten Mal aufgepeppt – für noch mehr Komfort auf dem großen Trip.

Achtundzwanzig Monate. Mehr nicht. 28 Monate hat das Tourerflaggschiff von Yamaha beim MOTORRAD-Langstreckentest gebraucht, um die 100000 Kilometer voll zu machen. Ergibt im Schnitt 120 Kilometer am Tag, sommers wie winters. Allein das reicht eigentlich, um genug über die Qualitäten der FJR gesagt zu
haben. Nicht? Okay, 2005 erhielt sie den Titel »Tourer des Jahres« bei der MOTORRAD-Leserwahl, und sie belegt Platz sechs unter allen 128 jemals von MOTORRAD
im 1000-Punkte-Test bewerteten Motorrädern. Klarer Fall: Yamahas großer Tourer ist wer in der Zweiradbranche.
Weil man sich nach dem Premierenjahr 2001 eben nicht mit dem Status quo
zufrieden gab, legte Yamaha bereits zwei
Jahre später mit einem höheren Frontschild, komfortabler abgestimmten Federelementen und vor allem einem ABS nach. Und lässt die Fans des Big Bikes zur Saison 2006 schon wieder mit Änderungen aufhorchen. Freilich derart, wie man es in der Welt der Reisenden mag: unspektakulär, zurückhaltend, dezent. Eben mit Stil.
Genau so brabbelt die große Dame vor sich hin. Ruhig säuselnd bläst der Reihenvierzylinder die Abgase ins Freie. Die
vielen Änderungen fallen erst auf den
zweiten Blick ins Auge. Nicht einmal die Verkleidung suggeriert auf Anhieb: Ich bin die Neue. Eine Nuance kantiger ist sie ausgefallen. Zeigt sich einen Tick aggressiver und offener. Wiegelt mit den integrierten Blinkern, dem vorderen Kotflügel und
dem Rücklicht – allesamt etwas runder als
bislang – jedoch wieder ab. So, als wollte sie damit zu verstehen geben: Nicht erschrecken, ich bin’s noch, der alte Kumpel.
Und so fühlt sie sich auch an. Geräumig wie eh und je. Sitzhöhe, Abstand zwischen Sitzbank und Lenker, Fußrastenposition – die Dimensionen zeigen sich großzügig. Und die ersten Meter gleiten wie von selbst unter der FJR dahin. Turbinengleich schiebt der 1300er mit seinem typischen Pfeifen voran. Erster, zweiter, dritter, vierter, fünfter Gang. Bei gemessenen 133 PS Spitzenleistung und 126 Nm Drehmoment degeneriert das Durchschalten zur Formsache. Auch nachdem die Yamaha-Techniker mit der um 2,7 Prozent verlängerten Übersetzung indirekt auf den Ruf der
FJR-Klientel nach einem sechsten Gang reagierten. Genutzt hat’s allerdings nur marginal, bei Tempo 200 stehen gerade mal 200 Touren weniger auf der Uhr.
Momente, in denen man glücklich
über den neuen Frontschild ist. Mit einem
lässigen Druck am Wippschalter, der die Scheibe elektrisch um zwölf Zentimeter hochfährt, wird Winddruck zum Fremdwort. Sogar Mistwetter kann den FJR-
Fahrer nicht tangieren. Die opulente Verkleidung, deren Seitenteile sich um drei Zentimeter ausklappen lassen, verwandelt das FJR-Cockpit definitiv in ein Trockengebiet. Und weil sich selbst bei D-Zug-Tempo die Turbulenzen hinter dem Plexiglas
in Grenzen halten, reicht die Konzentration für andere Dinge. Geradeauslauf, zum
Beispiel. Hat sich der 292-Kilo-Dampfer schon bislang nicht von Autobahnrillen oder Querfugen beeindrucken lassen, tut er’s jetzt, nachdem die Schwinge um 35 Millimeter verlängert wurde, erst recht nicht. Ruhig und unbeirrbar bleibt das Reisemobil auf Kurs. Komme, was da wolle.
Insofern ist die FJR selbst schuld, dass sich die Sinne Periphärem zuwenden können. Zum Beispiel den feinen Vibrationen, die nach wie vor ab 3000 Umdrehungen zum ständigen Begleiter in den Lenker-
enden und Fußrasten werden und an der Souveränität des Schlachtschiffs rütteln. Sei’s drum, auch Helden sind angreifbar. Apropos angreifen. Mit dem neuen, progressiver ausgelegten Gasgriff haben sich die Yamaha-Mannen einen Bärendienst
erwiesen. Gerade im meistgenutzten Bereich, bei den ersten Millimetern Arbeitsweg, braucht der Neue eindeutig zu viel Handkraft, was auf Dauer nicht ohne schmerzende Handballen abgeht.
Da ist es nur ein schwacher Trost, dass der Lenker nun in drei Stellungen um insgesamt elf Millimeter einstellbar ist. Wobei die beiden vorderen Positionen den meisten Tourenfahrern sicher zu sportlich ausfallen. Denn unabhängig von der Körpergröße bietet die am weitesten nach hinten gerückte Lenkerstellung die komfortabelste Haltung. Ob die höhere oder niedrigere Sitzbankstellung gefällt, bleibt Geschmacksache. Umgebaut ist der Sitz durch
bloßes Umsetzen einer Kunststoffplatte ohne Werkzeug in Sekundenschnelle.
Thema Bremsen. ABS erhielt die FJR wie erwähnt bereits beim Update 2003,
ab sofort kann zusätzlich kombigebremst werden. Wie bei einigen Honda-Modellen aktiviert nämlich der Tritt auf die Hinterradbremse gleichzeitig die beiden unteren Kolben der rechten Vierkolben-Brems-
zange im Vorderrad. Im Gegensatz zum
Honda-System, wo der Vorderradstopper nur sehr moderat eingesetzt wird, bezieht die Yamaha-Anlage die Front jedoch intensiv mit ein. Mit immerhin 7,8 m/s2 (zum
Vergleich Honda CBF 1000: 6,8 m/s2)
verzögert die FJR bei heftigem Tritt aufs Fußbremspedal. Den Griff zum Handbremshebel – mit dem sich die FJR dann mit 8,6 m/s2 kaum stärker einbremsen lässt – kann sich der FJR-Treiber im
Normalfall sparen. Und im Extremfall verlässt er sich schließlich immer noch auf das ABS – selbst wenn das Yamaha-
System bekanntermaßen eher grob regelt.
Auch sonst bleibt Luxus für die FJR das Thema Nummer eins. Prima Sicht
in den Rückspiegeln, das pfiffige Handschuhfach, exzellentes Licht, gut ablesbare Instrumente mit zusätzlichem, informativem Display, serienmäßige Koffer, großer 25-Liter-Tank, der weit über 400 Kilometer Reichweite zulässt, und hochkomfortabler, für diese Saison nochmals geräumiger ausgelegter Soziusplatz – für die Nobeltour ist gesorgt.
Sofern sich die Reisegesellschaft im Hinterland etwas Zeit nimmt. Denn auf holprigen, aufgeworfenen Straßen fühlt sich die FJR nur bei moderaten Geschwindigkeiten wohl. Der verlängerte Radstand, die Lastwechselreaktionen, die nicht einfach zu dosierende Kupplung, der schwergängige Gasgriff und das spürbare Ein-knicken der Front in engen Kehren – bei der auch Veränderungen des Luftdrucks des Bridgestone BT 020 keine Verbesserung brachten – verlangen in den engen Kehren von Passsträßchen ein gutes Stück Feinmotorik vom FJR-Kapitän.
Dennoch: Auf Autobahnen und flott
geschwungen Landstraßen zückt die neue FJR das Erste-Klasse-Ticket. Dann zeigt die große Yamaha, wofür sie gebaut wurde, und versteckt ihre sechs Zentner so gekonnt, dass sie mit durchaus flottem Strich durch die Landschaft gleitet. Gern auch 100000 Kilometer lang – wenn’s sein muss, sogar in 28 Monaten.

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