Test Yamaha WR 125 X (Archivversion) Dem Himmel so nah

Cool, peppig, fetzig, himmlisch – es gibt viele Attribute, die auf die kleine 125er-Supermoto von Yamaha zutreffen.

Ein Höherlegungssatz der Fima Götz sorgte Mitte der Achtziger Jahre vor den Diskotheken für Furore. Yamaha DT 80 und Konsorten wuchsen durch ihn glatt um 20 Zentimeter und waren damit hubraumstärkeren Enduros optisch fast ebenbürtig. 25 Jahre später kann man sich solch ein Gimmick sparen. Die neue WR 125 X beispielsweise ist ab Werk ein ausgewachsenes Motorrad mit 905 Millimeter Sitzhöhe, langen Federwegen und riesigen Abständen zwischen Rädern und Schutzblechen – für Fans ein echter Augenschmaus. Bereits beim Aufsitzen wird klar: Menschen unter 1,75 Meter sollten sich im Handel schon mal nach Plateauschuhen umsehen. Am besten nach solchen Galoschen, wie die Jungs von Kiss sie trugen.

Die Sitzbank ist schmal und reicht bis über den Tank. Viel Komfort bietet sie nicht, ermöglicht aber, dass man weit nach vorn rutschen kann, um Gewicht aufs Vorderrad zu bringen. Gleich beim ersten Druck aufs Knöpfchen springt der kleine Einzylinder-Viertaktmotor an, läuft sofort rund und nimmt Gas an. Der nominell 15 PS starke Vierventiler feierte 2008 in der YZF-R 125 sein Debüt und treibt außerdem die Enduroversion WR 125 R an. 14 PS bei 9000/min attestiert ihm der Prüfstand. Gang rein, und los. Die Kupplung arbeitet weich und präzise, lässt sich sogar nur mit zwei Fingern bedienen. Ruck, zuck sind die sechs Gänge durchgesteppt. Der Motor hängt super am Gas, läuft durch eine Ausgleichswelle sehr vibrationsarm und dreht euphorisch, als gäbe es kein morgen mehr. Das geschieht so elastisch und locker, dass man schnell mal Bekanntschaft mit dem Drehzahlbegrenzer macht, der dem munteren Treiben bei knapp 10000 Touren abrupt ein Ende bereitet.

Die Endübersetzung ist gegenüber der Straßenversion YZF-R kürzer gewählt. Dadurch fühlt sich die X agiler an. Auch sind die Durchzugswerte besser, was sich vor allem beim Fahren zu zweit positiv auswirkt. Plastisch gesagt: Die Supermoto zieht selbst dann die Wurst vom Teller, wenn die Bordbesatzung Übergewicht hat. Bergab erreicht die ungedrosselte WR knapp 120 km/h. Auf ebener Strecke ist bei 105 km/h Schluss. Und: Kein Pendeln, kein Wackeln. Die Maschine bleibt stabil, zieht stoisch ihre Bahn. Den größten Spaß vermittelt sie jedoch auf engen, verwinkelten Landstraßen. Ratz, fatz lässt sich die nur 139 Kilogramm schwere Supermoto über den Lenker abwinkeln und um kleinste Radien scheuchen. Lenkkorrekturen gehen locker von der Hand. Die Federelemente sprechen sensibel an und sind komfortabel abgestimmt. Was sich bei sehr sportlicher Fahrweise allerdings als kleiner Nachteil entpuppt. Denn: Zwei Finger reichen, damit sich der Doppelkolben-Schwimmsattel in die 298er-Scheibe verbeißt und die Front zum starken Abtauchen zwingt. Diese Nickbewegung bringt Unruhe ins Fahrwerk und mindert die Lenkpräzision. Etwas, dass zwar nur bei sehr engagierter Hatz oder auch im Zweipersonenbetrieb auffällt, sich aber nie dramatisch auswirkt. Man gewöhnt sich schnell dran und kann damit leben.

Alles in allem glänzt die WR nicht nur durch ihr stabiles, agiles Fahrverhalten und den kräftigen, drehfreudigen sowie sparsamen Motor (nur 2,8 Liter Verbrauch auf 100 Kilometer), sondern auch durch wertige Verarbeitung. So hat sie beispielsweise eine komplett aus Edelstahl gefertigten Auspuffanlage, durchgefärbte Kunststoffteile und durchdachte Details: Der Rahmen wird im Bereich der Stiefel durch eine Plastikverkleidung geschützt, auf den Felgen sitzen haftfreudige Pirelli Sport Demon. Den größten Anteil an ihrem wahrscheinlichen Erfolg wird jedoch ihre erwachsene Erscheinung ausmachen. Und das auch ohne Höherlegungssatz.

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