Test: Yamaha WR 250 F (Archivversion) Playmobil

Jung und wild – Yamaha probt mit 250 cm3 den Aufstand. Echte Alternative oder Kinderkram?

»Ey, die Kinderstrecke ist da drüben.« Einfach herrlich, dieser Empfang im Fahrerlager, hier sind die Hubraum-Machos noch unter sich. »Ein Viertakter mit 250 Kubik, das kann ja nix sein.« Irgend wie muss die kleine Yamaha was mitbekommen haben, sie versucht jedenfalls, beim Warmlaufen zwischen den großvolumigen Kollegen ganz, ganz böse aus ihrem Edelstahltopf zu fauchen. Gelingt aber nicht. Okay, wenigstens fällt man mit der Flüstertüte nicht auf, man sollte die Dinge positiv sehen. Mit der brandneuen WR 250 F bietet Yamaha als erster Hersteller eine echte Wettbewerbs-Enduro für die Viertaktklasse bis 250 cm3 an. Und dabei wurde nicht einfach ein bestehender Motor im Hubraum reduziert, sondern ein neues, hochmodernes Powerpack geschaffen. Mit nur 53,6 Millimeter Hub bei einem Zylinderdurchmesser von 77 Millimeter ist der wassergekühlte Single sehr kurzhubig ausgelegt. Unterstützt von einer Ausgleichswelle, welche die Massenkräfte im Zaum hält, sind so Drehzahlen bis 12500/min möglich, dann greift der Begrenzer ein. Um den Gaswechsel kümmern sich fünf ultraleichte Ventile aus Titan, die zwei obenliegende Nockenwellen drehzahlfeste Tassenstößel steuern. Für Enduro-Verhältnisse mögen diese Eckdaten extrem erscheinen, sportliche Vierzylinder mit vergleichbaren Einzelhubräumen kommen damit aber problemlos zurecht. Die Gemischaufbereitung übernimmt ein Keihin-Flachschiebervergaser mit Beschleunigerpumpe, ein Schiebersensor informiert die Kennfeldzündung über den Lastzustand. Das Wissen um die technischen Features stärkt das Selbstbewusstsein, also raus auf die Piste. Schon während der ersten Schnupperrunden beginnt man, seinen Fahrstil auf die WR 250 F einzustellen. Die Devise lautet: früh ans Gas, sehr früh. Und dann das Kabel möglichst rasch auf Anschlag. Praktisch im selben Augenblick, in dem das Vorderrad den anvisierten Kurs einschlägt, reißt man einfach schlagartig auf. Keine Angst, das Hinterrad bricht nicht wie bei vielen Hubraumprotzen plötzlich aus, denn die Kleine schiebt mit ihren maximal 23 Newtonmetern sehr sanft an. So zieht die Blaue geschmeidig durch das enorm breite nutzbare Drehzahlband. Hektische Gangwechsel? Nicht nötig, selbst bei flottem Tempo reichen auf den meisten Strecken die zweite und dritte Schaltstufe des im Gegensatz zur Cross-Schwester wesentlich breiter gefächerten Fünfganggetriebes. Auch die versetzt eingebaute Auslassnockenwelle, der Auspuff, die Bedüsung und die CDI-Einheit trennen die WR von der YZ. Dass weniger Leistung oft mehr ist, hat sich im Enduro-Lager mittlerweile herumgesprochen. Dass aber so wenig – sprich 34 PS bei 11200/min in der ungedrosselten Sportversion – für schnelle Rundenzeiten völlig ausreichen, verblüfft. Denn die WR 250 F ist alles andere als langsam. Von wegen Kindermoped und so. Auf nassen Wiesen oder rutschigem Lehmboden – typisch für viele Sonderprüfungen – zieht man locker in den Rasten stehend an so manchem Dampfhammer vorbei, dessen Matador mit verkrampfter Gashand die Gratwanderung zwischen Schlupf und Traktion versucht. Großen Anteil am enormen Traktionsvermögen hat dabei das WR-typisch soft ausgelegte Fahrwerk. Gabel und Federbein führen die Räder sicher über enge, zerfahrene Strecken mittleren Tempos. Für schnelle, wellige Abschnitte oder für das Training auf der Crosspiste sollte die Druckstufe jedoch etwas straffer ausgelegt sein. Hier wünscht man sich mehr Reserven. Zur endurogerechten Auslegung passen auch die serienmäßigen Michelin Enduro Competition III perfekt. Mit ihrem weichen Aufbau bieten sie sicheren Grip auf nassen Böden. Bei der Auslegung der Fahrwerksgeometrie orientiert sich die WR am Standard der blauen Crosser. Der an früheren WR-Modellen kritisierte unförmige Tank gehört der Vergangenheit an. In Europa werden sämtliche WR-Modelle mit dem Acht-Liter-Spritfässchen ausgeliefert. Alles zusammen macht gerade mal 114 Kilogramm (fahrfertig ohne Kraftstoff). In den elf Extra-Kilos im Vergleich zur YZ 250 F verstecken sich die Lichtanlage, die um zehn Prozent größeren Kühler samt Ausgleichsbehälter sowie der für den Geländeeinsatz völlig ungeeignete Seitenständer - er steht viel zu weit ab. Ach ja, ein mechanischer Tacho samt Hupe, zwei Spiegel und ein Lenkschloss sind ebenfalls mit an Bord. Wie es die technischen Eckdaten und die Minimalausstattung verraten, ist die WR 250 F ein reinrassiger Leistungssportler samt der für den Geländesport nötigen Straßenzulassung. Ihre Berufung ist der kompromisslose Offroad-Einsatz, wo sie eine echte Alternative zu den etablierten 400ern ist. Sie kann und will keine Alltags-Enduro à la DR 350 sein. Sportfahrer stört auch nicht, dass auf der Straße nur 29 PS legal sind – gedrosselt wird per Anschlagschraube im Vergaser. Und die kurzen Wartungsintervalle sind im Sportlager üblich, wobei die Erfahrungen mit der WR 400 F zeigen, dass trotz aufwendiger Technik über einen routinemäßigen Ölwechsel hinaus selten Hand angelegt werden muss.

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