Test Yamaha XJ6 Diversion (Archivversion) Undercover-Talent

Es ist an der Zeit, ein Motorrad zu feiern, das nichts anderes als ein Motorrad sein will – statt um jeden Preis aufzufallen.

Herzflimmern ist anders. Sie müssen dir nicht gleich einen Schrittmacher einsetzen, wenn die neue Diversion aufkreuzt. Aus den Latschen haut dich ihr Anblick nicht. Gediegene Formen, gedeckte Farben. Keine waffenscheinpflichtige Scheinwerferanhäufung, kein Designgebirge am Heck. Da ist nichts wirklich Aufregendes. Du siehst diese 600er zum ersten Mal, denkst: Die kenn ich. Du spannst dich relaxed zwischen Lenker und Rasten, fühlst: Hier war ich schon. Du drehst den Schlüssel um, sperrst das Gas auf und weißt, dass du zu Hause bist. Angekommen, endlich – bei einem Motorrad, das genau so funktioniert, wie sich das der liebe Gott einmal ausgedacht hat: ohne Risiken, ohne Nebenwirkungen. Gute Laune bei Einnahme der ersten Kurven garantiert.

Nach der Nacktversion, die wir bereits im Top-Test (MOTORRAD 6/2009) besungen haben, nun also das Hohelied auf die gecoverte XJ6 Diversion. Mit tupfengleichen technischen Vorzeichen: vier Zylinder, 78 PS Nennleistung, Stahlbrückenrahmen, Stahlschwinge, Alu-Räder, optionales ABS. Beim Gewicht freilich ein kleiner Unterschied: fünf Kilogramm. Die nicht alle als piekfeiner Windschutz um die Front herum posieren, nein, da gibt es noch einen Hauptständer, auf den die ordinäre XJ6 verzichten muss.

Sollte jetzt einer darauf brennen, wie sich die aerodynamischen Vorteile der Verschalung auf die Fahrleistungen auswirken, möge er sich zum Teufel scheren. Völlig falsche Adresse, Sportsfreund! Die Stelle hinterm Komma interessiert hier nicht. Wir reden vom großen Ganzen, von der Lust am Leben auf zwei Rädern an sich. Und die hat verdammt wenig mit Hundertsteln zu tun – wenn ein Motor grundsätzlich geht.

Und er geht gut, der aufwendig rückwärtsgetunte R6-Rennerlesmotor. Legt energiegeladen los, läuft super geschmeidig, zieht – völlig wurscht in welchem Gang – vom tiefschwarzen bis in den roten Bereich, wo er kurz vor 13000 Umdrehungen vom Begrenzer gestoppt wird. Besitzern einer radikal abgewürgten 78-PS-FZ6 sei an dieser Stelle unser volles Mitgefühl ausgedrückt. Und tschüss, ihr Lieben!
Kann passieren, dass dich die Diversion ein- bis zwei-, dreihundert Kilometer entführt, obwohl eigentlich nur eine Runde zum Tabakholen angezeigt war. Aber der Himmel leuchtet so verlockend blau, die Wiesen schimmern so schön grün, und die Verführerin tänzelt so leicht, so trittsicher, so vergnügt drauf los. Nimmt dich einfach mit...

Wobei sie dich prinzipiell gar nicht braucht. Biegt auch von alleine im richtigen Winkel ab, findet automatisch ihre Linie und bleibt selbst auf übelstem Parkett im Takt. Handling und Abstimmung des akribisch ausbalancierten Fahrwerks passen zu jedem Anlass, die Bremsen werfen keinerlei Fragen auf. Drum kannst du so viel Himmel, Wiesen und sonst was gucken. Stundenlang: Sitzposition und Mobiliar sprechen so wenig dagegen wie die Reichweite. Bei christlicher Überlandfahrt leuchtet nach etwa 290 Kilometern die "Vergiss-nicht-zu-tanken-Lampe" auf, wirklich ernst wird’s 60, 70 Kilometer später. Und muss es dann mitten in der Nacht eiligst heimwärts gehen, bohrt dir die Verkleidung einen schön ausgeleuchteten Kanal durch den Wind. Bis Topspeed – das sind 205 km/h – zuckt an Mensch und Maschine so gut wie nichts.

Wendig im Klein-Klein-Betrieb, komfortabel auf langen Zügen, fast virtuos beim schnellen Solo und auch mit Begleitung nicht aus der Fassung zu bringen: Man muss schon sehr tief graben, um der Diversion was anhängen zu wollen. Einhaken kann man am Getriebe, das sperrig aufs Herunterschalten reagiert, kein Haken findet sich dummerweise fürs Gepäck. Verzichtbar wären dagegen die feinen Vibrationen in Rasten, Lenkerenden und Sitzbank – übrigens das Einzige, was an die alte Diversion erinnert. 50 PS hatte die und kostete zum Schluss, sprich 2003, 5640 Euro. Heute sind mit ABS 6895 Flocken fällig und ohne – was Yamaha für Deutschland gar nicht vorgesehen hatte – 6350. Das ist keine unverbindliche Preisempfehlung, sondern eine knallharte Kampfansage an die Undercover-Konkurrenz.

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