Test: YAMAHA XT 660 X (Archivversion)

Motor: wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, 35 kW (48 PS) bei 6000/min; Fahrwerk: Einschleifenrahmen aus Stahl;
Maße und Gewichte: Gewicht vollgetankt 189 kg, Tankinhalt 15 Liter; Preis: 6750 Euro inklusive Nebenkosten

So schnell kann’s gehen: Keiner hat sie gewollt, ich habe sie gleich gehabt. Die Kollegen haben wohl an die
300 Autobahnkilometer zwischen Koblenz und Stuttgart gedacht. Helm hinter die
Verkleidung, Ellbogen einklappen, Gas
auf Anschlag, Tachonadel ebenfalls –
so nähert man sich Naherholungszielen
standesgemäß. Okay, wem’s gefällt. Doch ehrlich, Menschen, die sich die XT 660 X ausgekuckt haben, für die gelten andere Maßstäbe. Die drücken an der letzten Autobahnabfahrt ihren ganz persönlichen Reset-Button. Motorradfahren: Start.
Die Erinnerung an diese 300 Kilometer, sie verschwindet wie die Rebstöcke im Morgennebel. Das mal schwächer, mal
beängstigend stärker werdende Pendeln ab 150 km/h, die nur schemenhaft erkenn-
baren Bilder in den vibrierenden Rück-
spiegeln, die vom Winddruck schmerzenden Halsmuskeln, all das wird verdrängt. Existiert nach dieser letzten Abzweigung von der Highspeed-Langeweile nicht mehr.
Denn dann kommt Supermoto-Land. Rein ins Moseltal, rauf auf die Höhen von Hunsrück oder Eifel und wieder runter. Ob perfekter Asphalt wie zwischen Fell und Thomm oder die Rumpelpiste von Veldenz nach Gornhausen, die XT schert sich mit ihrer komfortablen Federung keinen Deut drum. Bleibt so unbeeindruckt, wie sie
die vergangenen 46000 Kilometer weg-
gesteckt hat. Bremsbeläge, Kettensätze, Öl, Luftfilter – mehr hat der Single nicht
gebraucht. Halt, zweimal drehte sich die
Mutter des Primärtrieb-Zahnrads auf der Kurbelwelle los. Weshalb, ist nicht definitiv geklärt. Doch weil’s rechtzeitig bemerkt wurde, blieb alles heil.
Wie gesagt, auf diesen winkligen Sträß-
chen an den Moselhängen lebt die XT auf. Auch wenn die Schaltung im Lauf der Kilometer etwas labbrig geworden ist oder das Spiel im Antriebsstrang die Linie in den
engen Ecken gelegentlich zackig werden lässt, überwiegt der Spaß am sorglosen Anbremsen, Abwinkeln und Herausbeschleunigen. Aufrecht sitzend, entspannt, mit Übersicht – zügig und doch lässig. Ein Übriges tun die vor der Moseltour eingebauten härteren Gabelfedern und straffere Druckdämpfung. Bei unverändertem Komfort bringt die weniger tief eintauchende Gabel besonders beim Anbremsen spürbar mehr Ruhe ins Fahrwerk.
Deshalb sei Norbert und Co. ihr Auftritt an den Touri-Sammelplätzen in Koblenz oder Bernkastel gegönnt, der Chef in der Einsamkeit der Steillagen bleibt die XT. Und bis Trier geb’ ich die nicht mehr her. Für die Rückfahrt kann man ja noch mal drüber reden.

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