Test Yamaha XVS 950 A Midnight Star (Archivversion) Ich bin ein Star ...

... holt mich hier raus. Kaum in den Schaufenstern der Yamaha-Händler angekommen, hat die neue Midnight Star schon keine Lust mehr, dort herumzustehen. Ob es gute Gründe gibt, den Mittelklasse-Cruiser quasi durch Kauf zu befreien, hat MOTORRAD getestet.

Was für ein Name: XVS 950 A Midnight Star! Stellt sich glatt die Frage: Steht die Maschine nur nachts im Rampenlicht? Was macht sie dann bitte schön tagsüber? Manchmal möchte man schon wissen, was Marketing-Strategen bei der Wahl der Produktbezeichnung bewegt. Um einen passenden Namen zu finden, muss man sich im Fall des neuen Yamaha-Cruisers eigentlich nur in den schmalen Sattel schwingen und losdüsen.

Bereits beim Aufsitzen bemerkt man: Hier fühlen sich auch kleinere Menschen sicher aufgehoben, was nicht nur an der niedrigen Sitzhöhe von 680 Millimetern liegt. Denn der Lenker im Wünschelruten-Format ist angenehm leicht erreichbar, die Taille des Bikes sehr schmal und das Motorrad sehr gut ausbalanciert. Erster Gang rein, und los. Weiteres Schalten gestaltet sich allerdings schwieriger, denn der linke Stie-fel passt kaum zwischen Trittbrett und Schalthebel. Dieser lässt sich über ein Gestänge zwar höher stellen, doch dann funktioniert die Schaltwippe schwerlich, weil Trittbrett und der hintere Hebel auf identischer Höhe sind. Liebe Techniker in Japan, die Durchschnittsschuhgröße erwachsener Mitteleuropäer liegt derzeit bei 43,7 und nicht bei 39.

Bereits nach wenigen Hundert Metern kommen Zweifel an der Gewichtsangabe: 276 Kilogramm! Unglaublich, wie gut die Midnight Star ihre Pfunde kaschiert. Einer der großen Pluspunkte dieses Cruisers, der übrigens eine völlige Neuentwicklung ist. Dem luftgekühlten V2 haben die Japaner viele Features mit auf den Weg gegeben, die moderne Verbrennungsmotoren auszeichnen: Vierventiltechnik, keramisch beschichtete Laufbuchsen, Vierloch-Einspritzdüsen und Schmiedekolben aus Leichtmetall. Der Ventiltrieb erfolgt über Rollenkipphebel.

Der 60-Grad-Vau hängt sehr gut am Gas, wirkt stets kraftvoll und ist darüber hinaus nicht übermäßig durstig: Auf der Landstraße gönnt sich die Maschine bescheidene 4,2 Liter auf 100 Kilometer. Die kernige Kraftentfaltung des Antriebs knapp über Standgasdrehzahl ist quasi erstes Gebot zum niedertourigen Cruisen. Das maximale Drehmoment von 82 Newtonmeter liegt bereits bei 3200/min an. Im fünften und letzten Gang zeigt der analoge Tacho dann 100 km/h. Das vermittelt echtes Big-Bike-Feeling.

53 PS bei 5900/min leistet der Zweizylinder. Hört sich schmalbrüstig an, doch das Getriebe ist relativ eng gespreizt. So sind die Anschlüsse optimal, der fünfte Gang ist mit theoretisch 188 km/h sogar als Overdrive ausgelegt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei gemessenen 154 km/h. Nach 7,3 Sekunden stehen 100 km/h auf der Uhr. Damit kann man gut leben.

Und wie ist’s um die vielgerühmten Good Vibrations bestellt? Yamaha hat sich Mühe geben, den Fahrer am Pulsschlag des V2 teilhaben zu lassen. Auf eine Ausgleichswelle haben die Techniker verzichtet. Und die unrhytmische Zündfolge des 60-Grad-V2 soll zusätzlich einen charakterstarken Bums generieren. Lohn der Mühe ist ein cooler, klopfender Beat, den man wohlig zur Kenntnis nimmt und schnell lieb gewinnt. Eine Gummilagerung für Trittbretter und Lenker trägt zudem Sorge, dass Hände und Füße von hochfrequenten Vibrationen weitestgehend verschont bleiben. Nur das Ohr wird nicht massiert – der Sound verliert sich leider in der langen, rechts montierten Zwei-in-eins-Anlage. Übrig bleibt ein bescheidenes Blubbern, das auch eine 250er von sich geben könnte. Kleiner Gimmick am Rande: Über einen Schalter an der linken Lenkerarmatur ist ein kleines LCD-Display im Tacho dimmbar und kann an verschiedene Lichtverhältnisse angepasst werden.

Easy und leicht schwingt sich die Midnight Star durch die Landschaft. Das Motorrad lenkt trotz ausladenden Breitlenkers zielsicher und leicht ein und bleibt sogar bei Bodenwellen relativ stabil. Wobei das Federbein kurze, harte Stöße an den Fahrer weitergibt. Die Gabel hingegen arbeitet sehr kommod, ohne durchzuschlagen. Vorsicht ist lediglich bei den früh aufsetzenden Trittbrettern geboten, die schnell einen Funkenflug verursachen. Viel Spielraum bleibt dann nicht mehr: Nur noch ein paar Grad Schräglage mehr, und die stabilen Ausleger setzen auf und hebeln das Bike aus. Als Ideallinie für die 950er sollte man deswegen am besten weite Bögen wählen.

Und falls es doch mal pressiert: Auf die Bremsen ist Verlass. Der hintere Einkolben-Schwimmsattel ist gut dosierbar, die Bremsleistung gut. Vorn wirkt die Bremse im kalten Zustand stumpf, der Druckpunkt ist etwas schwammig. Bei Bergabfahrten, wenn sie warm ist, zeigt sie wesentlich mehr Biss und verzögert vehementer.

Zurück zur Eingangsfrage: Yamahas neuer Midnight Star strahlt definitiv auch tagsüber. Vielleicht hätte man ihn Allstar nennen sollen. Eine Befreiung aus den Schaufenstern wird dringend empfohlen.

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