Tiere im Straßenverkehr (Archivversion) Im Reich der Tiere

Selbst die schönste Straße führt nicht umhin: Sie kurvt durch eine Welt, die auch den Tieren gehört. Welche sich in aller Unschuld weigern, Gesetze, Tempo und Gefahren motorisierten Verkehrs zu begreifen. Tierisch blöd, das alles, und vor allem für Motorradfahrer saugefährlich.

Stets dieselben Geschichten: Ganz plötzlich springt’s Rehlein aus dem Wald, eine Wildsau wechselt ins Unterholz, die eben noch stoisch ruhende Katze flitzt in ihr Verderben. Kennt
jeder. Und verdrängt die animalischen Treffen möglichst rasch, obwohl Zusammenstöße mit Tieren jenseits der Städte und Autobahnen mit zehn bis 15 Prozent zu den häufigsten Unfallursachen zählen. In Deutschland sterben dabei jährlich 25 bis 30 Menschen, um die 2500 verletzen sich, über 700 davon schwer, allein 150000 Rehe und 17000 Wildschweine lassen ihr Leben. Auch Haustiere kommen massenhaft unter die Räder. Innerorts leben vor allem Hunde und Katzen gefährlich, außerhalb zählen Regionen mit Alm-
wirtschaft zu den Risikozonen. Umgeben ist diese ganze Viecherei von einer heiklen Rechtslage sowie höchst beachtenswerten Versicherungsbestimmungen.


Weil diese Tiere eigentlich gar nicht blöd sind,
haben Rehe, Dam- und Rothirsche sowie Wildschweine ihre Aktivitäten großteils in die Dämmerungsstunden verlegt. So gehen sie dem Menschen noch am besten aus dem Weg. Jener beantwortet dieses Entgegenkommen mit immer mehr Straßen, gerodeten Wäldern, umgepflügtem Brachland. Weil die Viecher aber auch nicht wirklich schlau sind, reagieren sie auf derlei Veränderungen oft erst
Jahre später. Sehen nicht ein, ihre Wildwechsel zu verlegen und rennen weiter über die Straßen, wo es ihnen gefällt.
Dabei eignen sich heimische Wildarten nur begrenzt für die Teilnahme am Straßenverkehr. Sie können nämlich mit Geschwindigkeiten über 70, 80 Stundenkilometern nichts anfangen. Klar, keiner ihrer natürlichen Feinde könnte schneller sprinten, also steigt das angeborene Messsystem dann aus. Deshalb
rennen die Tiere bisweilen »unmotiviert« vors Vorderrad. Wer einen Zusammenstoß vermeiden will, sollte folglich das Tempo deutlich drosseln, sobald er Reh, Hase oder Wildsau neben der Straße bemerkt, nachts abblenden, damit das Wild einen Fluchtweg ausmachen kann, und eventuell hupen, um es zu verscheuchen.
Spätestens beim Reh müssen Motorradfahrer bedenken, dass ein Zusammenstoß erhebliche Gefahren für die eigene Gesundheit birgt. Eine durchschnittliche Ricke wiegt gut 20 Kilogramm, wer die bei Tempo 100 gegen das Schienbein kriegt,
riskiert dessen Bruch. Ganz abgesehen davon, dass sein Zweirad durch die Wucht des Aufpralls aus der Spur gerät. Ein Zusam-
menstoß mit ausgewachsen weit über 100 Kilogramm schweren Wildschweinen endet fast immer mit einem Sturz.
Anders sieht die Sache bei Kleinvieh aus. Hase, Eichhörnchen und Co. werfen kein Motorrad um. Jetzt wird niemand diese
possierlichen Kreaturen absichtlich totfahren, den Extremfall allerdings sollte man drastisch anders bewerten: Während es ab
Reh aufwärts ratsam ist, den Ausflug in die Wiese zu erwägen, schützt eine Liga tiefer stures Geradeausfahren das eigene Leben ungleich besser.
Im Idealfall kann eine spurstabile Vollbremsung natürlich Mensch wie Tier hel-
fen, aber just da zieht die Rechtssprechung einige Grenzen. Gilt es doch, diverse Rechtsgüter und Interessen gegeneinander abzuwägen. Wer beispielsweise für einen Hasen bremst und dadurch einen Auffahrunfall provoziert, muss mit erheblicher Beteiligung an den Schadenskosten rechnen. Die Gerichte werten ein solches Manöver nämlich als starkes Bremsen ohne Grund, ganz egal, ob der Fahrer im Affekt – weil Meister Lampe plötzlich vor ihm auftauchte – oder aus Berechnung – Ich bremse
auch für Tiere – in die Eisen griff. Wer
dem Hasen gar ausweicht und dabei im Graben oder im Wald landet, bleibt – sofern nicht vollkaskoversichert – auf seinem Schaden sitzen.
Mentales Training kann auch Begegnungen mit Tieren risikoärmer machen. Also einbläuen: Wenn kein anderer Verkehrsteilnehmer folgt, der Bremsweg noch reicht und es geradeaus geht – voll bremsen. Wenn einer folgt – so bremsen, dass ein Auffahrunfall verhindert wird. Wenn das überraschende Aufkreuzen des Tieres kein Bremsen mehr zulässt – Kleinvieh über-fahren, bei größerem Wild möglichst ab in die Lücke. Und sich immer vergegenwärtigen, dass nicht nur Wildsäue äußerst gesellige Tiere sind.
Leider erschwert die Lebensweise des Großwilds letztge-
nanntes Vorhaben, das Ausweichen eben. Die Tiere treiben sich
meistens in der Dämmerung rum, wer kann da schon erkennen, ob’s rechts der Straße gleich in die Wiese oder zuerst noch durch
einen Lattenzaun geht? Im finsteren Tann empfiehlt sich sowieso, hübsch auf der Straße zu bleiben, denn ein ausgewachsener Baum ist gefährlicher als die größte Wildsau. Zum Glück
hilft aber ein wenig Gesetzestreue: Die Schilder mit dem springenden Hirsch – sie weisen auf starken Wildwechsel hin – unbedingt ernst nehmen. Wer sie missachtet, mindert
zudem seinen Ersatzanspruch, falls ihm nach einem Wildunfall unangepasste Geschwindigkeit nachgewiesen wird. Welche die Rechtssprechung – auch ohne ausgeschildertes Tempolimit – auf ungefähr 70 bis 80 km/h festlegt. Übrigens: Inklusive Reaktionszeit stoppt ein guter Fahrer ein modernes Motorrad aus 70 km/h nach knapp 40 Metern, aus 100 km/h braucht er fast 70.
Besondere Aufmerksamkeit verlangen nicht nur die Dämmerstunden, sondern grundsätzlich alle Monate, in denen die Tierlein vor lauter Geschlechts- mit dem Straßenverkehr noch achtloser umgehen. Wildschweine paaren sich zum Glück für die Motorradfahrer bereits im Januar, Februar. Rehen dagegen gehen mitten im Hochsommer die Hormone durch, Rot- und Damhirsche treiben’s im Frühherbst. Und im Frühjahr zieht es sie allesamt zu frisch treibenden Kräutern und Gräsern auf Wiesen und an Waldränder.
Straßenbauämter, Jäger oder Naturschützer versuchen mit
diversen Mitteln, Mensch und Tier voreinander zu bewahren. Wildwechselbrücken überspannen so manche Autobahn, Landstraßen werden auf besonders stark frequentierten Abschnitten von
Reflektoren an straßennahen Bäumen gesäumt. Die funkelnden Lichtreflexe warnen die Tiere. Als Eigenhilfe sei Motorradfahrern noch empfohlen, in wildreichen Gegenden möglichst knapp neben der Mittellinie zu fahren. Das erhöht den Ausweichspielraum.

Begegnungen mit
Haustieren
Allein die seriös geschätzte Zahl von jährlich rund 70000 im
deutschen Straßenverkehr getöteten Katzen lässt ahnen, dass Zusammenstöße mit Haustieren fast so häufig sind wie Wildunfälle. Grundsätzlich muss der Eigentümer von Hund, Pferd oder Meerschwein dafür sorgen, dass von seinem Liebling keine Gefährdung ausgeht. Kommt er dieser Verpflichtung nicht nach und
passiert deshalb ein Unfall, haftet er für den Schaden.
Nur: Wem gehört denn die gerade überfahrene Katze? Oder der flüchtende Hund, der zum Ausweichen ins kratzige Gebüsch zwang? Manchmal kann die Polizei helfen, deshalb sollte sie
auch bei unliebsamen Begegnungen mit Haustieren auf jeden
Fall informiert werden. Die eigene Versicherung nämlich wird die Schadensabwicklung dankend ablehnen, der Tierhalter muss also her. Außerdem begeht Fahrerflucht, wer einen Zusammenstoß
mit einem Haustier nicht meldet. Die meisten Tiere gehören eben doch jemandem, sie werden juristisch in diesem Fall behandelt wie beschädigtes Eigentum, ihre »Beschädigung« muss dem Eigentümer mitgeteilt werden.
Unfälle mit Haustieren lassen sich besser vermeiden als solche mit Wild. Wer Ortschaften schon mit Rücksicht auf Kinder verhalten passiert, hilft auch dem Viehzeug. Denn Haustiere kennen meistens den Verkehr, oft schreckt sie erst Krawall oder rasantes Tempo aus ihrem Trott auf. Dann erinnert sich das Kätzchen plötzlich
an seine Fluchtdistanz – und flitzt los. Es gibt nämlich einen unsichtbaren Zirkelkreis um jedes Tier, dessen Über-
schreiten durch einen übermächtigen Feind unabwendbar zum Abhauen führt. Die Gewöhnung an den Menschen und seine Werkzeuge reduziert die diesbezügliche Fluchtdistanz, aber ungewohnte Ereignisse rufen sie blitz-
schnell wieder in Erinnerung.
Besonders heikel agieren Pferde, Fluchttiere par excellence. Ihre Fluchtdistanz beträgt einige hundert Meter. Alles Neue kann sie verunsichern, besonders auf ungewohnte und laute Geräusche reagieren sie häufig schreckhaft. Pferden sollte
immer in größtmöglicher Distanz und mit – auch akustisch –
ruhiger Fahrweise begegnet werden. Beim Überholen mindestens zwei Meter Abstand einhalten und mit konstantem Gas passieren. Wer Ross und Reiter auf engen Wegen begegnet, macht sich sehr beliebt, wenn er einfach anhält und den Motor abstellt.
Ähnlich wie die Fluchtdistanz funktioniert die Aggressions-
distanz. Bello interessiert überhaupt nicht, was außerhalb dieser »Grenze« passiert, erst innerhalb mutiert er zum Hüter von Haus und Hof. Wie rasend stürzt er auf den Eindringling zu. Aber
keine Angst: Hunde rennen nicht blindlings in den Feind rein, im richtigen Moment drehen sie leicht ab, um sich dessen Flanke vorzunehmen. Die Gefahr, einen aggressiven Wachhund zu überfahren, ist ziemlich gering. Also ungerührt seinen Weg verfolgen und bei gleicher Höhe einfach Gas geben. Mehr als 60 km/h schaffen die wenigsten Hunde, Kläffer schon gar nicht. Dumm nur, wenn Bellos Aggression bis zur nächsten Ampel anhält und die auf Rot steht.
Ähnlich prekär wird’s, wenn man sich in ent-
legener Gegend verfranst hat und plötzlich auf einem Bauernhof steht. Lumpi, der getreue Hofhund, kennt dann nämlich kein Pardon, stellt die Nackenhaare auf und fletscht die Zähne. Diese Drohgebärden sollte man keinesfalls mit eigenen Drohungen (Hupen, Herumfuchteln, Schreien) beantworten, statt dessen empfiehlt es sich, so ruhig wie möglich zu agieren. Den Rückzug ebenfalls sehr behutsam einleiten, denn alles, was nach Flucht aussieht, könnte den Jäger im Hund wecken.
Zu jedem anständigen Bauernhof gehört eine kleine Hühnerschar. Frei laufend, natürlich, munter scharrend. Vom Motorrad aus betrachtet ein friedvolles Bild. Bis auf einmal eine Henne aufgescheuchtes Huhn spielt. Im wahrs-
ten Sinne des geflügelten Wortes, denn das Federvieh verhält sich in Sachen Fluchtdistanz und -verhalten ziemlich konfus. Letztlich muss aber immer damit gerechnet werden, dass auch aufgescheuchte Hühner zum sicheren Stall streben, selbst wenn der jenseits der Straße liegt.
Was der Bauer nicht rund um seinen Hof hält, treibt er auf die Weide. Milchvieh bisweilen sogar täglich zweimal. Vom Melken. Dann sperrt er die Straße ab, das Vieh kreuzt, alle können in Ruhe abwarten. Folgt die Milchprozession einer Straße, müssen Motorradfahrer vorsichtig sein: Kühe entwickeln eine
kolossale Neugier, am liebsten befriedigen sie die mit Maul und Zunge. Wenn eine schleckt, wollen andere auch, im entstehenden Gedränge – so eine Milchkuh wiegt locker über 600 Kilogramm – gibt’s kein Halten mehr, das Motorrad wird einfach umgedrückt. Ergo am besten ab in den nächsten Feldweg und abwarten, bis die Karawane vorbei ist. Erst recht, wenn außer Kühen noch übermütige Kälber und Ochsen am Zug teilnehmen.
Derlei Umtriebe drohen am ehesten in Gebieten, wo das Vieh sommers Almen abgrast. Kennt jeder aus den Alpen oder Skan-
dinavien: Monatelang machen die Tiere, was sie wollen. Leider auch, wohin sie wollen. Also Vorsicht wegen Kuhfladen. Diesbezüglich – weil trockener – droht von Schafen weni-
ger Gefahr. Aber dafür sind Lämmer Mama-fixierter als jeder Italiener. Bei anrollender Gefahr kennen sie nur ein Ziel. Dumm, dass Unkundige nicht mal halbjährige Lämmer von ausgewach-
senen Tieren unterscheiden können.
Der Weg ist also voller tierischer Gefahren. Und wer glaubt, im Tunnel herrsche Ruh, der irrt: An heißen Tagen nutzt das Alm-
vieh den kühlen Schatten seines Ein- und Ausgangs. Von wegen: blöde Kühe, dumme Ziegen, brave Lämmer.

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