Tipps für Touren mit Kindern (Archivversion)

Ohne Umschweife: Babys und Kleinkinder haben auf einer Solomaschine nichts zu suchen. Ab Kindergartenalter können Eltern besser einschätzen, wann die Kurzen reif für die erste Motorradfahrt sind. Die Verantwortung ist hoch und nicht übertragbar. Ein kleiner Leitfaden soll helfen, Fehler und Frust zu vermeiden.

3–7 Jahre
Reife:
Vorschulkinder haben eine eingeschränkte visuelle Wahrnehmung, das periphere Sehen ist nicht mit Erwachsenen vergleichbar. Sie erkennen nur den Ausschnitt vor sich und nehmen nicht wahr, was links und rechts von ihnen passiert. Jüngere Kinder sehen zudem alles nur aus ihrer Perspek­tive. Blicken sie zum Beispiel auf ein heranfahrendes Auto, denken sie, dass Auto schaut sie ebenfalls an und nimmt sie wahr. In diesem Alter kann man noch nicht davon ausgehen, dass das Kind dem Verkehrsgeschehen folgt und trotz vorheriger Absprachen auf dem Motorrad ruhig sitzen bleibt. Außerdem besteht die Gefahr, dass es auf dem Soziussitz unvermittelt einschläft.

Vor der Tour:
Kann das Kind Gefühlszustände mit Worten ausdrücken („Ich bin müde“, „Habe Angst“ etc.)? Versteht es verabredete Zeichen (etwa Klopfen auf den Oberschenkel des Fahrers)? Im Fahrradsitz sollte das Kind beim Radeln länger als 30 Minuten sitzen bleiben und motorisch so fit sein, dass etwa Laufradfahren keine Probleme bereitet. Kleinen „Helmtest“ durchführen: Kind so auf eine Liege legen, dass Schultern aufliegen, Kopf (mit Helm) und Nacken hängen frei. Hat das Kind Probleme, den Kopf mindestens 30 Sekunden zu halten, ist der Helm noch zu schwer. Dann lieber zu Hause bleiben.

Unterwegs:
Anfänglich lediglich „Parkplatzrunden“ drehen, danach Mini-Touren (5 bis 10 Minuten) auf kleinen Nebenstraßen mit wenig Verkehr und geringer Geschwindigkeit (30 bis 60 km/h) wagen. Klappt das gut, trotzdem nicht mehr als 15 Minuten am Stück fahren. Die Aufmerksamkeit des Kindes sollte im Abstand weniger Minuten per verabredeten Zeichen – ideal: durch eine Kommunikationsanlage – überprüft werden. Bei fehlendem Bestätigungszeichen Tour sofort beenden.


8–11 Jahre
Reife:
Grundschüler sollten in der Regel gelernt haben, längere Zeit still zu sitzen (für einen „Zappel­philipp“ bleibt das Motorrad tabu) und reif genug sein, um sich verbal klar auszudrücken. Sie sind aber nur eingeschränkt „tourentauglich“. Über vermeintlich seltsame Befindlichkeiten etwa darf der Fahrer nicht hinwegsehen. Die Hörfähigkeit zum Beispiel ist erst ab rund zwölf Jahren vollständig ausgebildet, davor können Kinder Geräusche noch nicht genau orten. Das Motorgeräusch nimmt das Kind daher anders wahr und kann es im Gegensatz zum Fahrer auch als störend empfinden. Ebenso wird ein Helm für Kinder in diesem Alter oft noch als sehr beengend empfunden.

Vor der Tour:
Fahrrad, Kickboard oder Inline-Skates machen dem Kind Spaß. Grundlegende technische Dinge sind geklärt (Auspuff wird heiß, Vibrationen rühren vom Motor her). Das Kind kann grob erklären, was beim Bremsen und Beschleunigen passiert und Einspur-Fahrdynamik vorführen (auf kleinem Stuhl Schräglagen simulieren). Helm und Kleidung sollten selbständig angelegt werden können – Fahrer muss dennoch stets den richtigen Sitz überprüfen. Zeichen verabreden und durchspielen, interessantes Tourziel (Eisdiele, Spielplatz, Wildpark) gemeinsam besprechen. „Fangfrage“ stellen, um festzustellen, wie groß die Lust am Motorradfahren tatsächlich ist: „Wollen wir da nicht lieber mit dem Auto hinfahren?“ Bleibt das Motorrad erste Wahl, kann’s losgehen.

Unterwegs:
Alle 15 bis 20 Minuten Pause einlegen, Gesamtfahrzeit nicht mehr als eine Stunde pro Hin- und Rückfahrt (bei erprobten Mitfahrern nach Gefühl verlängern). Keine anspruchsvollen Strecken wählen, freie Sicht nach links und rechts ist besser als beengend wirkende Walddurchfahrten. Relaxtes Landstraßen-Cruising (unter 100 km/h) ohne viele Schaltvorgänge nimmt den kleinen Passagieren körperlichen und seelischen Stress. Wichtig: In der Pause das bisherige Fahrt­geschehen kurz rekapitulieren, fragen, was gut und schlecht war und was sonst noch aufgefallen ist. So fühlt sich der kleine Sozius ernst genommen.


12–15 Jahre
Reife:
Zwar sind Teenager erst ab rund 14 Jahren voll konzentrationsfähig, doch als Mitfahrer besitzen viele von ihnen auch darunter schon für längere Touren die nötige Reife – körperlich und geistig. Sie können Abläufe abstrahieren und sind fähig, Gefahrensituationen im Kopf durch­zugehen. Problematisch sind in diesem „Sturm-und-Drang“-Alter eigentlich nur aufrührerische Mitfahrer, die auf Tour die Ansagen des Fahrers bewusst missachten oder eine Weiterfahrt boykottieren. Auch wenn in diesem Entwicklungsstadium die Youngster woanders bewusst Gefahren und Mutproben suchen, gilt dies für die Fahrt als Sozius weniger.

Vor der Tour:
Inwieweit überträgt der erwachsene Fahrer lediglich seinen Enthusiasmus auf den Jugendlichen? Selbst wenn der Mitfahrer ein aus­dauernder Sportcrack ist, verspürt er vielleicht als Beifahrer wenig „Bock“ auf eine stundenlange Passivposition. Das sollte in einem offenen Gespräch geklärt werden, genau wie der Ablauf des geplanten Ausflugs oder gar der Reise. Auch typische Gefahrensituationen vorher in der Theorie durchgehen (beispielsweise richtiges Verhalten erklären, falls die Kurve unerwartet zumacht). Wie schon für kleinere Fahrgäste gilt auch für große Kinder und Jugendliche: Deren Wünsche sind Befehle, und nein heißt nein.

Unterwegs:
Ganztages- und Mehrtagestouren sind nun kein Problem mehr – sofern vom Passagier gewünscht. Öde Autobahnetappen sollten aber nach wie vor vermieden werden. Teenager haben in der Regel genügend Kraft und können auch über längere Zeit ähnlich oder teilweise sogar besser als so mancher Erwachsener durchhalten. Abwechslungsreiche Strecken mit swingenden Kurven sind erste Wahl, sie halten den jungen Sozius besser bei der Stange. Trotzdem regelmäßige Pausen mit ausreichend Trinken und Essen nicht vergessen, sonst verflüchtigt sich die Konzentrationsfähigkeit und die nötige Körperspannung. Keine Marathon-Wettbewerbe, sonst wird die Tour schnell zur Tortur!

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