Tipps zur Finanzierung (Archivversion) Stück für Stück

Glücklich können sich diejenigen schätzen, die genügend Bares für ihr Traummotorrad in petto haben. Allen anderen bleibt nur: sparen und warten. Oder das Motorrad im Ratenkauf abstottern. Bringt’s das wirklich: Stück für Stück zum Glück?

Aufgabenstellung: Sie haben nicht einen einzigen Cent in der Tasche. Ihr Traummotorrad kostet genau 10000 Euro. Sie verdienen monatlich rund 1300 Euro netto. Wie lange dauert es, bis Sie mit dem Motorrad durchstarten können? Lösungsansatz eins: Sie sparen Betrag x pro y Monate.
Aus x mal y ergibt sich... tja,... auf jeden Fall eine lange, lange Zeit.
Lösungsansatz zwei: Sie nehmen einen Kredit auf. Kalkulieren Sie für das Ausfüllen eines Internet-Antrags 15 Minuten. Plus 45 Sekunden, bis das Kreditinstitut Ihnen (in der Regel vollautomatisch per Computersystem) mitteilt, dass Sie prinzipiell kreditwürdig sind. Addieren Sie rund 72 Stunden hinzu, bis das Geld bei reibungslosem Ablauf vom Kreditinstitut
auf Ihrem Konto oder das Ihres Händlers gewandert ist. Ergebnis von Lösungsansatz zwei: Ratzfatz können Sie mit Ihrem Traummotorrad losdüsen.
Keine Kohle, trotzdem fahren – klingt alles ganz einfach. Unter Umständen zu einfach. Ein Ratenkauf erfordert zwar keine höheren Mathematikkenntnisse, aber beim Rechnen kann man sich auch leicht verrechnen. Ein MOTORRAD-Leser, der anonym bleiben möchte, hatte bei der Auswahl seiner finanzierten Maschine danebengegriffen, wie er nach einem Urlaub feststellte. Viel zu spät erst wurde ihm bewusst, dass er beim Verkauf des nur teilweise abgestotterten Motorrads einen enormen Verlust hinnehmen muss. Er resümiert: »Die Genehmigung des Kredits ging erschreckend einfach, doch ich zahle heute noch für ein Motorrad, das ich nicht mehr besitze.«
Beim Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin kennt man solche Fälle und rät: »Es ist grundsätzlich wirtschaftlicher, den Kauf mit Erspartem zu finanzieren, statt auf einen Kredit zu setzen. Denn: Einen Kredit abzuzahlen dauert viel länger, als die gleiche Summe anzusparen – und kostet mehr Geld.« Beim Hauskauf etwa mache eine Finanzierung Sinn, weil ein grundlegender Bedarf zum Wohnen bestünde und man in der Regel nicht so lange warten könne, bis das nötige Geld zusammengespart sei. Beim
Freizeitgerät Motorrad sehe die Lage anders aus: Ein Traummotorrad solle bei fehlenden Geldreserven besser ein Traum bleiben.
Das sehen viele Motorradfahrer heutzutage jedoch anders. Je nach Marke nahmen laut Hersteller oder Importeure im letzten Jahr zwischen 20 und 50 Prozent der Käufer Finanzierungsprogramme in
Anspruch, um möglichst schnell an ihre Wunschmaschine zu kommen. Insbesondere die von den Importeuren oder Händlern anteilig subventionierten Kredite, teilweise mit effektiven Jahreszinssätzen von unter einem Prozent, locken Interessenten. Händler berichten, dass im Rahmen einer solchen meist zeitlich auf mehrere Wochen oder auf ein
bestimmtes Modell begrenzten Aktion drei von vier Kunden den Kauf mit einem Finanzierungsvertrag abschließen, darunter viele, die zuvor einen Neukauf nicht in Betracht gezogen hätten.
Sind die Kreditzinsen derart niedrig, kann es so-
gar lohnen, trotz ausreichender Barschaft sein Geld
lieber bei der Bank mit höheren Sparzinsen Gewinn bringend anzulegen, als direkt ins Motorrad zu investieren. Beim Kawa-Shop Berentelg, einem großen Händler in Norddeutschland, schätzt man allerdings, dass lediglich jeder Zehnte so kühl kalkuliert. Denn der Gewinn bei diesem eher komplizierten Rechenmodell liegt selten über der Ersparnis durch
einen gut ausgehandelten Barpreis – also nichts für echte Sparfüchse.
Während noch vor zwei Jahren viele Händler die Billigkredite sehr kritisch sahen, weil dadurch ihre Marge schrumpft, fällt die aktuelle Meinung weitgehend positiv aus. Das Kredo: Lieber pro Stück weniger Gewinn machen, im Gegenzug aber mehr Stück verkaufen. Ein Händler bringt es auf den Punkt: »Ob ich dem Kunden einen klasse Barpreis, günstige Finanzierungskonditionen oder etwa ein gute Inzahlungnahme mit etwas höheren Zinsen biete, ist egal. Hauptsache, ich kann etwas bieten. Entscheidend ist, dass der Endpreis für mich und den Kunden stimmt.«
Die Taktik, einen nicht zweckgebundenen Konsumentenkredit bei der Hausbank oder Internet-Anbietern aufzunehmen, rechnet sich indes nur in seltenen Fällen (siehe oben Finanzierungsbeispiel Honda FMX 650). Zwar kann der Interessent dann mit dem geliehenen Bargeld beim Händler versuchen, einen guten Preis für sein Wunschbike herauszuhandeln, die in der Regel deutlich höheren Zinsen für diese Konsumentenkredite gegenüber Händlerangeboten (siehe Seite 89) fressen das Eingesparte jedoch je nach
Höhe des geliehenen Betrags und Länge der Laufzeit meist
wieder auf (siehe Beispiel Kawasaki ZZR 1400).
In der Regel besser: die Motorrad-Finanzierung beim Händler. Dessen Variationsmöglichkeiten sind mittlerweile groß. Ob mit oder ohne Anzahlung, kurze oder lange Laufzeit, die Höhe der Monatsrate – häufig frei wählbar. Besonders attraktiv, zumindest auf den ersten Blick, sind so genannte Ballonfinanzierungen. Dabei sind die monatlichen Raten häufig erstaunlich niedrig, folglich wird während
der offiziellen Laufzeit nur ein geringer Teil der Schuld beglichen. Am Ende bleibt eine große, sprichwörtlich ballonartige Abschlussrate stehen.
Wer das Motorrad nach der Laufzeit weiterfahren möchte, kann es entweder auslösen, also den Restwert bar bezahlen, oder weiterfinanzieren. Die Anbieter werben häufig mit günstigen Anschlusskonditionen, eine Zinsgarantie geben sie üblicherweise jedoch nicht, so dass die Zinsen später deutlich höher liegen können und den Endpreis nach oben treiben. Weitere Möglichkeit: Motorrad an den Händler zurückgeben, der die Ballonrate übernimmt. Zuvor sollte aber
unbedingt eine Rückkaufvereinbarung getroffen worden sein, in der Details wie erlaubte Kilometerleistung und Zustand des Fahrzeugs bei der Abgabe festgeschrieben sind.
Eine Beispielrechnung anhand einer Honda CBF 600 ABS, Neupreis 6840 Euro, Laufleistung 7500 Kilometer pro Jahr: Der Kunde leistet 684 Euro Anzahlung (zehn Prozent vom Verkaufspreis), zahlt 23 Monatsraten inklusive Zinsen à 108,86 Euro, macht insgesamt 3187,78 Euro. Für diese Summe kann der Kunde die Honda zwei Jahre nutzen, wenn er sie dann im vereinbarten Zustand abgibt. Ein Barkäufer, der seine Maschine nach zwei
Jahren Laufzeit selbst clever vermarktet, wird sicherlich deutlich billiger
fahren. Dennoch ist diese Art der Finanzierung aufgrund der überschaubaren monatlichen Belastung für manchen eine Alternative.
Und ähnelt in gewisser Form einem Leasing-Programm, also der Miete
eines Fahrzeugs, da die monatlichen Nutzungskosten und nicht der Erwerb des Motorrads im Vordergrund stehen. Anders als bei Autos hat sich
Leasing in Motorradkreisen nicht durchsetzen können, da es sich vor-
nehmlich bei geschäftlich genutzten Fahrzeugen mit entsprechenden steuerlichen Vorteilen lohnt.
Eine Befragung von Händlern und Lesern ergab, dass mit den im Motorradbereich weitaus beliebteren Finanzierungen überwiegend gute Erfahrungen gemacht wurden. Laut Importeuren und deren Partnerbanken liegen die üblichen Laufzeiten von Ratenkrediten zwischen drei und vier Jahren, und von einer mangelnden Zahlungsmoral des Motorradvolks oder übler Abzocke berichte niemand.
Bekleidung und Zubehör werden ebenfalls zunehmend auf Raten gekauft. Anbieter Louis verzeichnete in der vergangenen Saison einen Zuwachs von 70 Prozent. Am häufigsten werde dieser Service zum Erwerb einer Komplettausstattung von Kopf bis Fuß oder eines hochwertigen Helms genutzt. Was unter Umständen durchaus empfehlenswert ist, denn auf eine adäquate Sicherheitsausstattung beim Motorradfahren sollte man selbst bei schmalem Geldbeutel nicht verzichten.
Gebrauchthändler nutzen ebenfalls mehr und mehr Ratenkauf-Offerten. Bei Moto-Center in Hannover hängen an den Secondhand-Bikes Schilder, die neben dem Barpreis auch eine mögliche monatliche Finanzierungsrate ausweisen. Händler Kai-Uwe Haase berichtet von Kunden, die sagen: »Die da für 53 Euro will ich haben.« Solche scheinbaren Peanutsbeträge erleichtern die Kaufentscheidung und lenken von der tatsächlichen Höhe des Preises ab. Der Trend, sich einen Wunsch dank Ratenzahlung
sofort erfüllen zu können, setzt sich in vielen Konsumbereichen durch, so dass ein gewisser Gewöhnungseffekt bei den Konsu-
menten eingetreten ist. Trotzdem sollte man nie außer Acht
lassen: Die Kosten für den Gegenstand werden durch einen Ratenkauf nicht niedriger, und sie wollen bezahlt werden – früher oder später.
Mehrfachverschuldung durch überstürzte Kaufentscheidungen und Kreditverpflichtungen können auch den
generell eher als solvent geltenden Motorradfahrern zum Verhängnis werden, etwa bei Arbeitslosigkeit oder einem schweren Unfall, wenn Lohnausfall droht. Für diese Fälle bieten die Kreditvergeber gegen Aufpreis gerne zusätzliche Restschuldversicherungen an, die bei Zahlungsunfähigkeit noch ausstehende Raten übernehmen sollen. Rechtsanwalt Ralph Andreß aus Heilbronn warnt jedoch davor, sich damit in Sicherheit zu wiegen. »Ein Blick ins Kleingedruckte lohnt, denn diese Versicherungen greifen erst ab bestimmten Einkommenseinbußen und erhöhen die Kosten für den Kredit oftmals unnötig«, erklärt Andreß.
Fazit: Ein Finanzkauf, zumindest wenn es sich um eine größere Anschaffung wie ein Motorrad handelt, lohnt nur, wenn der Käufer über regelmäßige
Einkünfte verfügt und nicht schon verschuldet ist. Und wenn klar ist, dass es wirklich die Traummaschine ist, der man jahrelang die Treue halten möchte. Dann spielt der in der Regel etwas höhere Preis durch die Finanzierung keine Rolle. Umtriebige, die regelmäßig umsatteln, machen mit dem Ratenkauf durch hohe Wertverluste hingegen ein schlechtes Geschäft.

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