Top Test Aprilia RSV mille (Archivversion)

Aprilia-Wetter

Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein, wohlige Wärme auf der Haut, in und unter den Reifen – Anfang Februar ein unermesslich kostbares Geschenk. Und genau das richtige Wetter für die Aprilia RSV mille.

Sie hätte die Verführung zum Fahren nicht besser inszenieren können. Als die Strahlen der Morgensonne übermütig um die Hausecke tanzten, erglänzte ihre silberne Lackierung als wäre sie mit Goldstaub überhaucht. Der Tau auf der Sitzbank verflog so schnell wie des Testers morgendliche Muffigkeit; für seine Tasse Kaffee und den Sprung in die Kombi brauchte er nach diesem Anblick kaum länger als die Aprilia von 0 auf 200. Zündschlüssel ins Schloss genestelt, Knöpfchen drücken. Jetzt wird losgebrannt. Mit 820 Millimeter recht hoch, sitzt es sich hinter dem ungewöhnlich schmalen 18-Liter-Tank jedoch angenehm sportlich und versammelt auf der schnellen Aprilia. An die ungewöhnlich platzierten Hup- und Blinkerschalter gewöhnt man sich nach spätestens acht sinnfreien Hupaktionen. Das Herz, der robuste, moderne und etwas ausladende 60-Grad-V2 mit Trockensumpfschmierung, Einspritzung und Doppelzündung, ist seit 1998 nahezu gleich geblieben. Lediglich ein ungeregelter Katalysator mit entsprechender Abstimmung der Einspritzung sorgt sich nun um sauberes Abgas, mit beachtlichem Resultat. Trotz zweier Ausgleichswellen – eine im Kopf des hinteren Zylinders – läuft der 998er stets mit mehr oder minder kräftigem Stampfen. Was nichts mit nervigen, hochfrequenten Vibrationen zu tun hat, sondern eher mit Herzlichkeit. Wer von einem Vierzylinder auf die Mille umsteigt, sollte sich darauf einstellen; wer die 90-Grad-V2 von Ducati oder Honda kennt, wird die rustikale Laufkultur des Aprilia-Motors zwar bemerken, sich aber kaum daran stören. Zumal der mit etwas Gefühl schon ab 3000/min aufgezogen werden kann, ohne wie früher mit der Kette zu peitschen. Nur bei Lastwechseln unter 3000/min produziert der Antrieb kernige Geräusche, als ob der Ruckdämpfer im Antriebsstrang metallisch auf Anschlag ginge.Kernig auch der kultivierte Bass, den die Mille im unteren und mittleren Drehzahlbereich entfaltet. Und erst der Durchzug: Äußerst zügig – in nur 4,8 Sekunden – schiebt die RSV aus 60 auf 100 km/h. Verdächtig, ein Fall für die MOTORRAD-Testwerkstatt. Und siehe da: Am Steuergerät wurde ein Kabel gekappt, das sich auf das Kennfeld auswirkt. Damit Beschleunigung und Durchzug noch besser ausfallen, hat Aprilia zudem die Sekundärübersetzung geändert. Das serienmäßige 17er-Ritzel wurde gegen eines mit 16 Zähnen getauscht. Schade, denn so getunt wertet MOTORRAD die Fahrleistungen und den Verbrauch nicht.Ein 17er-Ritzel war auf die Schnelle nicht zu besorgen. Aber auch mit dem 16er offenbart sich eine Schwäche im Fahrbetrieb, zwischen 4600 und 6300/min sackt das Drehmoment um bis zu zwölf Newtonmeter ab, was beim Fahren auf der Landstraße empfindlich zu spüren ist. Vor allem, wenn man an einem sonnig-warmen Spätwintermorgen nicht akkurat nach Drehzahlmesser angasen, sondern erst einmal niedertourig dahinbrummen möchte. Im Vergleichstest in MOTORRAD 6/2002 werden auf jeden Fall die exakten Werte nachgereicht. Damit lassen wir diese Wolke sich verziehen und befassen uns wieder mit erfreulicheren Dingen. Mit der ordentlichen Verarbeitungsqualität der Mille zum Beispiel, mit ihrer reichhaltigen Ausstattung oder dem im Vergleich zu anderen Sportmotorrädern sehr guten Windschutz, der sogar Autobahnetappen eine vergnügliche Seite verleiht. Vor allem möge man sich klarmachen, dass auch der serienmäßige Motor ab 6500/min heftig anreißt. 120 PS an der Kupplung sind schließlich kein Pappenstiel. Und da dreht der V2 bereits 9200/min. Rasch und punktgenau bei Erreichen der Schaltdrehzahl beginnt ein rotes Lämpchen zu flackern. Dieses Signal kann man in dem üppig instrumentierten Cockpit übrigens frei programmieren und auch so nützliche Informationen wie die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit auslesen. Blitzschnell sitzt der nächste Gang im exakt rastenden Getriebe. Dann, vor der Kurve, ein sanfter Zug am Bremshebel; die Brembo-Zangen verzögern mit Vehemenz, allerdings mit stark progressivem Biss. Für den alltäglichen Fahrbetrieb, womöglich noch auf feuchten Straßen, könnten die Beläge ruhig ein wenig sanfter zu Werke gehen. Selbst bei mehrfachem Zurückschalten aus hohen Drehzahlen braucht sich der Fahrer ums Einkuppeln keine Gedanken zu machen. Es vollzieht sich ohne Stempeln des Hinterrads, dank der pneumatisch gesteuerten Anti-Hopping-Kupplung. Diese reduziert bei geschlossenen Drosselklappen die Auswirkung des Motorbremsmoments. Der Blick führt in die Kurve, die Aprilia taucht in Schräglage. In knackige Schräglage, wenn es sein muss. So schnell setzt die RSV nämlich nicht auf. Erstaunlich: Für einen Supersportler liegt die Grundabstimmung der Federelemente auf der komfortablen Seite. Sobald als möglich lässt der Fahrer den Motor wieder anziehen; das geht mit einer kurzen Bewegung am Drehgriff und einem kleinen Ruck im Antriebsstrang. Wenn sich dann das Motorrad in die Verzahnung zwischen Reifen und Straße stemmt, der Motor immer stärker aus der Kurve presst, dann darf man jauchzen unterm Helm.Weil Worte immer hintereinander stehen, ist schwer zu schildern, wie all diese Vorgänge beim Fahren der Mille ineinander gleiten. Wie dadurch ein Rhythmus entsteht, der auch bei vollem Einsatz keine Hektik aufkommen lässt. Das zeichnet die Aprilia aus, und dazu gehört auch, dass ihr Fahrwerk nach Effizienz statt nach spektakulären Einzelaktionen strebt, indem es mit relativ langen Radstand- und Nachlaufwerten sowie einem gemäßigten Lenkkopfwinkel von 65 Grad eher auf Stabilität als auf das letzte Quäntchen Handlichkeit setzt. Das verhindert jedoch nicht die Tendenz der Mille, beim Beschleunigen auf welligen Pisten schon mal mit dem Lenker zu zucken. Der Lenkungsdämpfer, den die alte RSV Mille noch 2000 trug, fehlt beim aktuellen Modell. In ganz engen Serpentinen kehrt sich die Stabilität in Kippeligkeit um, dann will sie mit ruhiger Hand gelenkt werden. Und bei anhaltendem, starkem Bremsen drängt sie mit dem Heck aus der Spur. Beide Eigenheiten lassen sich mit reichlich Negativfederweg hinten und viel Druckstufendämpfung vorn etwas mildern. Dafür sorgt das beim Modell 2002 ab Werk montierte Dunlop-Duo D 207 RR für leichtes Handling, gute Stabilität beim starken Beschleunigen in Schräglage und nicht zuletzt für hervorragenden Grip. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Dunlops gut warmgefahren werden. Bei echtem Aprilia-Wetter kein Problem.
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Aprilia RSV mille (Top-Test) (Archivversion) - Was sonst noch auffiel

PlusVerkleidungsflanken mit SchnellverschlüssenKühlflüssigkeit und Öl leicht zu kontrollierenExzenterverstellung an den FußhebelnGedrehte Gepäckhaken und StänderaufnahmenSauber geschweißte Rahmen- und SchwingenprofileSchräglagenfreiheit bis zum Abwinken – auch auf der AuspuffseiteMinusDie Rückspiegel zeigen nur die eigenen EllbogenAntriebsgeräusche bei Lastwechseln unter 3000/minZum Ölnachfüllen muss die linke Verkleidung demontiert werdenKein Lenkungsdämpfer mehrFahrwerkseinstellungenGabel: drei bis vier Ringe der Federbasisverstellung sichtbar, Druckstufe 0,5 von 2,25 Umdrehungen offen, Zugstufe 1,25 von 2,5 Federbein: neun bis zehn Gewindegänge an der Federbasisverstellung sichtbar, Druckstufe 5 von 24 Klicks offen, Zugstufe 18 von 24

Aprilia RSV mille (Top-Test) (Archivversion)

APRILIA RSV milleDatenMotor: Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-60-Grad-V-Motor, Kurbelwelle querliegend, zwei Ausgleichswellen, je zwei obenliegende, über Zahnräder und Kette getriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Trockensumpfschmierung ungeregelter Katalysator, Doppelzündung, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 400 W, Batterie, Saugrohreinspritzung, Ø 51 mm, Motormanagement, 12 V/10 Ah.Bohrung x Hub 97 x 67,5 mmHubraum 998 cm³Verdichtungsverhältnis 11,4 : 1.Nennleistung 92 kW (125 PS) bei 9500/minMax. Drehmoment 96 Nm (9,8 kpm) bei 7000/minSchadstoffwerte (Homologation) CO 1,43 g/km, HC 0,24 g/km, NOx 0,05 g/kmKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 42:17.Fahrwerk: Brückenrahmen aus Aluprofilen, geschraubtes Rahmenheck, Upside-down-Gabel, Gleitrohrdurchmesser 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Vierkolbensättel, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolbensattel.Alugussräder 3.50 x 17; 6.00 x 17Reifen 120/70 ZR 17; 190/50 ZR 17Bereifung im Test Dunlop D 207 RRFahrwerksdaten: Radstand 1415 mm, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 99 mm, Federweg v/h 120/135 mm.Service-DatenService-Intervalle alle 7500 kmÖlwechsel alle 7500 km mit Filter alle 7500 km /3,5 lMotoröl 5 W 60Telegabelöl SAE 10 WZündkerzen NGK DCPR 8 EKette 5/8 x 5/16, 108 RollenLeerlaufdrehzahl 1200±100/minVentilspiel Ein-/Auslass 0,15-0,20/0,20-0,25 mmReifenluftdruck Solo (mit Sozius)vorn/hinten 2,3/2,5 (2,3/2,8) barGarantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Blau/Rot/Silber, Schwarz/SilberPreis inkl. MwSt. und Nebenkosten 12 599 Euro

Aprilia RSV mille (Top-Test) (Archivversion)

MOTORRAD-MessungenFahrleistungen1HöchstgeschwindigkeitSolo 266 km/h*Beschleunigung Solo 0-100 km/h 3,1 sek*0-140 km/h 4,9 sek*0-200 km/h 9,4 sek*Durchzug Solo 60-100 km/h 4,8 sek*60-140 km/h 4,7 sek*60-200 km/h 6,2 sek*Tachometerabweichung Anzeige/effektiv 50/50, 100/100, 267/268 km/hKraftstoffart SuperVerbrauch im Testbei 100 km/h 6,25 l/100 km*bei 130 km/h 5,6 l/100 km*Landstraße 6,8 l/100 km*Theor. Reichweite 288 km*Maße und GewichteL/B/H 2110/800/1140 mmSitzhöhe 880 mmWendekreis 6540mmGewicht vollgetankt 216 kgZulässiges Gesamtgewicht* 401 kgZuladung 185 kgRadlastverteilung v/h 49/51 %Tankinhalt/Reserve* 18/4 Liter1 Messbedingungen: Temperatur 1 Grad, schwacher Seitenwind ; Messort Jagsttal;2 Leistung an der Kupplung. ECE-Messung: Dynojet-Rollenprüfstand 150. Maximal mögliche Abweichung ± 5 %.* Herstellerangaben* Werte mit illegaler, aber von Aprilia montierter Gesamtübersetzung ermitteltMOTORRAD MesswerteBremsen und FahrdynamikBremsmessungBremsweg aus 100 km/h 39,3 MeterMittlere Verzögerung 9,8 m/s²Bemerkungen: Die Bremse beißt spontan und enorm stark – ein Markenzeichen der neuen Brembos. Das Heck hebt trotz relativ hoher Last rasch ab, wobei die Aprilia wegen ihres hohen Schwerpunkts hinten aus der Spur drängt.Handling-Parcours I (schneller Slalom)Beste Rundenzeit 20,8 sekVmax am Messpunkt 102,1 km/hBemerkungen: Beim schnellen Umlegen etwas zu starke Bewegungen der Hinterhand. Viel Druckstufendämpfung am Federbein erforderlich.Handling-Parcours II (langsamer Slalom)Beste Rundenzeit 28,8 sekVmax am Messpunkt 53,2 km/hBemerkungen: Sehr stabiles, doch wegen des hohen Schwerpunkts im langsam zu fahrenden Umkehrpunkt kippeliges Motorrad.Kreisbahn (Durchmesser 46 m)Beste Rundenzeit 10,7 sekVmax im Messpunkt 54,7 km/hBemerkungen: Hervorragende Schräglagenfreiheit auch auf der Auspuffseite. Bei maximaler Schräglage schiebt die Mille leicht übers Vorderrad.

Aprilia RSV mille (Top-Test) (Archivversion) - Fazit

Wegen der manipulierten Endübersetzung bekommt die RSV mille in den Fahrleistungskriterien sowie bei der Getriebeübersetzung keine Punkte, und der Verbrauch ist tendenziell zu hoch. In Sachen Fahrwerk, Bremsen und Windschutz, sogar bei den Abgaswerten zeigt die Mille enormes Potenzial. Können wir also ein 17er-Ritzel für den Nachtest kriegen? Mille grazie.

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