Top-Test Aprilia Tuono 1000 R (Archivversion) Alles bleibt anders

Die Tuono ist nicht einfach nur ein Naked Bike. Sie ist ein supersportliches Naked Bike. Das war sie zwar schon immer. Doch dient ihr nun die aktuelle RSV 1000 R als Basis. Somit blieb gegenüber der Vorgängerin kein Stein auf dem anderen.

Sie ist stärker, wilder, schärfer. Aggressiver und dennoch leichter zu fahren. Kurz: Sie ist mehr Tuono als je zuvor.« Markige Sprüche, mit denen der Pressetext den Charakter von Aprilias Streetfighter beschreibt. Sicher, Klappern gehört zum Handwerk, ein bisschen Show muss sein. Zuallererst jedoch ist die Tuono ein Bekenntnis Aprilias zum V2. Denn der soll – diese gute Nachricht vorweg – auch weiterhin Kernstück der Modellpalette bleiben.
Aggressiver, ja, das bescheinigt man der Tuono gerne bereits im Stand. Von der etwas pummeligen Vorgängerin mit dem fetten Auspufftopf trennen sie äußerlich Welten. Ihre Basis, die aktuelle RSV 1000 R, beschert ihr neben dem flachen Tank das knackige Heck mit LED-Rücklicht. Das reckt sie, wie es sich für einen Streetfighter geziemt, keck etwas steiler in die Höhe als die Mille. Passend dazu modellierten ihr die Designer eine knappe Lenkerverkleidung um die Nase. Nicht einfach ein gekapptes Mille-Oberteil. Sondern eigenständig, kantig, mit grimmig-lüsternem Blick aus zwei eng beieinander stehenden Scheinwerfern. Darunter ein gieriger Ram-Air-Schlund, hier ohne die aus dem Superbike bekannte Klappe zur Verengung des Ansaugquerschnitts bei niedrigen Drehzahlen.
Doch auch so verspricht Aprilia 133 PS. Mehr als genug, um die Konkurrenz aufzumischen. In Sachen Druck aus dem Drehzahlkeller hat es allerdings bei der Tuono bislang ein wenig gehapert. Im Mittelpunkt der Kritik stand beim alten Triebwerk ein ausgeprägter Hänger bei 6000/min, der auch beim renovierten V2 der RSV 1000 R nicht völlig verschwunden war. Ein spezielles Mapping, 25 Millimeter längere Ansaugtrichter und die schlanke Zwei-in-zwei-Auspuffanlage sollen dem mit Magnesium-Deckeln für Kupplung und Zylinderköpfe garnierten V2 nun zu standesgemäßem Anreißen verhelfen.
Zündung an, kurze Gedenksekunde, bis die Elektronik die Selbstdiagnose beendet hat, dann beantwortet die Tuono den Druck auf den Anlasser mit sattem, voluminösem Bollern. Nach wie vor verlangt die Kupplung nach festem Zupacken. Und die Gangwechsel gehen etwas knochig, dafür aber mit relativ kurzen Wegen vonstatten und sitzen sicher. Ansonsten gibt es an den Umgangsformen der Tuono wenig zu kritteln.
Dank zweier Ausgleichswellen bleibt der Pilot von derben Vibrationen praktisch unbehelligt. Und rempelten sich die ersten Tuono-Modelle noch hemdsärmelig aus dem Drehzahlkeller empor, kann man jetzt in Spitzkehren die Drehzahl bis 2000/min fallen lassen, um anschließend mit sanftem Zug am Gas herauszubeschleunigen. Vorbei die Zeiten, als solche Manöver nur mit unwirschem Geruckel und Griff zur Kupplung zu meistern waren. Einzig der breite 190er-Reifen auf der hinteren Felge und der Lenkungsdämpfer lassen die Aprilia
in engen Kurven etwas unhandlich wir-
ken. Auch die ruppigen Lastwechsel sind
passé, die Gasannahme vollzieht sich
wesentlich geschmeidiger.
Spontanen, explosiven Antritt aus tiefsten Lagen und wuchtigen Durchzug bietet die Tuono jedoch auch in der jüngsten Form nicht. Die lange Endübersetzung
verschärft diesen Eindruck noch. Bei der Durchzugsprüfung bekäme sie selbst von den vierzylindrigen 600-Supersport-Drehorgeln die rote Laterne umgehängt. Trotz einer fast mustergültig gleichmäßigen Leistungskurve. Denn die Senke bei 6000/min haben die Techniker fast vollständig mit Leistung aufgeschüttet.
Aber erst darüber lässt der V2 die Korken knallen. Und dann richtig. Schmettert voller Inbrunst seine Lust am Drehen
in die Welt hinaus und münzt seine geringen Schwungmassen in prickelnde Drehfreude um. Ein echter Sportmotor eben, der ordentlich gezwiebelt eine Mordsgaudi bereitet. Sich allerdings auch einen kräftigen Schluck zur Brust nimmt. Bereits bei moderater Landstraßenfahrt genehmigt er sich stramme 5,9 Liter Super. Immerhin wird das Hochoktanige innerhalb der Euro-3-Grenzen verfeuert.
So kann man zumindest mit reinem Umweltgewissen über die Hausstrecke
toben. Dort ist die Tuono in ihrem Element. Sind die Dunlop D 208 RR auf Temperatur, sticht sie treffsicher auf der angepeilten
Linie in die Ecken. Das Einlenken geht dank des breiten Alu-Lenkers locker von der Hand. Grip und Bodenfreiheit erlauben Schräglagen jenseits von Gut und Böse. Aufstellmoment beim Bremsen? Vernachlässigbar. Die Kurve macht zu? Kein Problem, Kurskorrekturen schüttelt die Tuono aus dem Handgelenk. Auf der Kreisbahn im Top-Test-Parcours dagegen verlangte sie in extremer Schräglage nach einem kräftigen Lenkimpuls, um auf Kurs zu bleiben, was seine Ursache im fetten 190er-Hinterreifen haben dürfte.
Bis die Balance im Fahrwerk passt, ist indes erst etwas Abstimmungsarbeit nötig, da die aus der Mille entlehnte, voll einstellbare Upside-down-Gabel recht straff ab-
gestimmt ist. Das nur in Vorspannung und Zugstufe einstellbare Federbein dagegen etwas softer und mit einer weichen Feder bestückt. Also vorne etwas Druckstufe rausnehmen, hinten die Feder mehr vorspannen – der passende Hakenschlüssel ist im Bordwerkzeug leider nicht enthalten –, schon witscht die Aprilia in Nullkommanix durch vertrackte Kurvenkombinationen und knallt mit bestechender Stabilität durch schnelle Bögen. Trotzt kurzen, harten Stößen ebenso wie langen, tiefen Bodenwellen und bleibt eisern auf Kurs.
Wer bei solcherlei sportlichen Einlagen maximale Rückmeldung vom Vorderrad verlangt, sollte beim Kurventanz so dicht wie möglich an den Lenker rücken. Obwohl mit 212 Kilogramm drei Kilogramm leichter als ihre Vorgängerin, hat sich die Tuono ihre leicht hecklastige Gewichtsverteilung bewahrt. Und die verschiebt sich mit aufrecht sitzendem Fahrer noch stärker Richtung Hinterrad. Deshalb ran an den Tank, die Lenkerenden packen, abwinkeln und mit Schmackes durch die Kurven. Ein Kinderspiel.
Und der Spaß geht weiter, beim Anbremsen. Der Bremsencocktail, den Aprilia gemixt hat, ist starker Stoff. Klasse dosierbar bei geringer Handkraft und mit wuch-
tigem Biss gesegnet, dürften die radial
verschraubten Brembo-Zangen auch der Rennstrecke gewachsen sein. Für derlei Ausflüge mit der Tuono hat Aprilia auf dem Einspritzrechner ein Mapping, passend für offene Racing-Auspuffanlagen, hinterlegt.
Bislang waren die Radial-Bremszan-gen allein der Edel-Tuono Factory vorbehalten. Ein Beispiel für die Wertigkeit, mit der Aprilia die Neue ins Rennen schickt. Weitere Beispiele gefällig? Die kunstvoll geformte Bananenschwinge, die sauber geschweißte Edelstahl-Auspuffanlage, der schön gefräste Alu-Lenkerhalter oder das übersichtliche Multifunktions-Display. Zwei Trip-Zähler – bequem per Knopfdruck vom Lenker aus bedienbar, Diagnosesystem, Stoppuhr, Schaltblitz, alles an Bord bis
hin zur Einstellung der Helligkeit der Displaybeleuchtung. Nur die filigranen Zehnspeichen-Felgen machen selbstbewusst auf Schmiedefelgen, sind jedoch gegossen. Weil leichter als die bisherigen Räder, ist’s aber wurscht, da sie die Handlich-
keit und damit den Spaß an der Tuono fördern. Und schließlich: Ein bisschen Show muss sein.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote