Top-Test Honda CB 1300 (Archivversion) Geballte Ladung

116 PS, 117 Newtonmeter. Praktisch eins zu eins ergänzen sich bei der Honda CB 1300 Leistung und Drehmoment. Beeindruckend für die Landstraße. Aber wie schlagen sich gut fünf Zentner Gewicht im Top-Test?

Unglaublich. Mitte September, und die Sonne treibt die Temperaturen nach einem Bilderbuchsommer noch einmal auf fast 30 Grad. Perfektes Wetter, um mit einem mächtigen Naked Bike Alltagsflucht der schönsten Art zu betreiben und das Leben zu genießen. Verantwortlich für die geballte Ladung an Glückshormonen zeichnen die fünf Zentner CB 1300 unter meinem Hintern.Locker lässig gleiten wir durch die Wälder, genießen den dumpfen, sonoren Klang des mächtigen Triebwerks und die knallige Sonne über dem Schwarzwald. Speziell für großgewachsene Fahrer ist die Sitzposition eine Freude. Breiter und hoher Lenker, tief montierte Fußrasten und eine bequeme Sitzbank sorgen für eine aufrechte und entspannte Haltung.Passend dazu ist die Art und Weise, wie die 1284 Kubikzentimeter für Vortrieb sorgen. Seidenweich und – wenn es sein muss – mit dem Drehmoment von 117 Newtonmeter im Rücken, sorgt das Kraftwerk für ein überlegenes Fahrgefühl und wenig Bewegung in der leicht und exakt bedienbaren Schaltbox. Möglichst früh wird die fünfte und höchste Fahrstufe eingelegt. Runterschalten vor der Kurve? Unnötig. Runterschalten vor dem Überholen? Lächerlich. Zum Entspannen ist lockeres Cruisen angesagt. Egal, in welchem Bereich sich der große wassergekühlte Vierzylinder aufhält, es ist immer Leistung im Überfluss vorhanden. Während bei unteren und mittleren Drehzahlen nur ein sonores Röhren zu vernehmen ist, legt der Vierventiler über 6000 Umdrehungen nicht nur akustisch einen Zahn zu. Von einem immer heller werdenden Schreien aus der mit einem ungeregelten Kat versehenen Vier-in-zwei-in-eins-Anlage untermalt, reißt die Honda dermaßen an, dass es mit dem entspannten Dahingleiten vorerst vorbei ist. Der 1300er-Motor begeistert für ein Triebwerk seiner Klasse mit unbändiger Drehfreude. Weshalb jetzt plötzlich ein flinker Schaltfuß gefragt ist, um den roten Bereich zu vermeiden, der bei 8500 Umdrehungen beginnt. Sollte man doch einmal in diesen hineingeraten, setzt der sanft einsetzende Drehzahlbegrenzer dem gewaltigen Vorwärtsdrang bei 9000/ min endgültig ein Ende. Störend bei forscher Gangart sind lediglich die heftigen Lastwechselreaktionen. Sie sind es auch, die in Verbindung mit einer verzögerten Gasannahme bessere Zeiten im schnellen Slalom-Parcours verhindern. Ansonsten verwöhnt das recht straff abgestimmte Fahrwerk dank einer moderaten 5,50-Zoll-Hinterradfelge mit einem 180er-Reifen mit tollem Handling und präzisem Einlenkverhalten. Die Federelemente lassen sich übrigens nur in Federbasis und Zugstufe variieren, die fehlende Druckstufeneinstellung vermisst man aber nicht. Die Schräglagenfreiheit reicht auf der Landstraße auch für flottes Kurvenräubern. So wird jede Kurvenkombination zum Hochgenuss, dessen Limit einzig von den aufsetzenden Nippeln an den Fußrasten definiert wird. Von einer ziemlich unangenehmen Seite zeigt sich die CB dagegen im langsamen Slalom-Parcours. Dort bekommt in Linkskurven nach den Fußrasten der Motordeckel derart harten Bodenkontakt, dass es die Honda fast aushebelt. Je höher das angeschlagene Tempo, desto mehr sind gute Stopper gefragt. Die Vierkolbenzangen, bekannt von der Fireblade, beißen kräftig in schwimmend gelagerte 310er-Scheiben und sind fein dosierbar. Erst bei der Bremsprüfung auf dem Top-Test-Gelände offenbaren sich Schwierigkeiten, die Bremsleistung auf den Asphalt zu übertragen. Bei einer Vollbremsung harmonieren die Gabelabstimmung und der Michelin Macadam 100 X auf dem Vorderrad nicht sehr gut. Wenn die Gabel auf Block geht, fängt das Vorderrad an zu stempeln und damit auch zu blockieren, man ist gezwungen, die Bremse kurz zu lösen. Die ausgeprägten Wellen auf dem Bremsdiagramm zeigen dies sehr gut. Ebenfalls mit Vorsicht ist die Hinterradbremse zu genießen. Grobmotoriker sind hier fehl am Platz. Gefühlloses Drauftapsen wird von dem wirkungsvollen Stopper sofort mit einem qualmenden Reifen bestraft. Nur wer seinen Fuß sanft auf das Bremspedal legt, wird mit einer maßvoll einsetzenden Verzögerung belohnt.Würde es nach den Bremsen gehen, dürfte die CB 1300 bestimmt mehr als nur 194 Kilogramm Zuladung mitschleppen, und das Gepäck im Zwei-Personen-Betrieb wäre nicht auf ein Minimum re-duziert. Wobei die hohen hinteren Fußrasten den Soziusplatz ohnehin nicht sehr langstreckentauglich gestalten. Dafür hält das komplett ausgestattete Instrumentarium alle Informationen für die große Urlaubsreise bereit. Stoppuhr, Weg-strecken-Countdownzähler und Außentemperaturanzeige vervollständigen die Anzeigen. Auch wenn die ausgeschütteten Glückshormone ob des schönen Wetters, den nicht enden wollenden Kurvenpassagen des Schwarzwalds und der lässigen Sitzposition eigentlich keine Unterbrechung zulassen, ist spätestens nach 320 Kilometern ein Zwangsstopp notwendig. Im 21-Liter-Tank herrscht Ebbe. Mit 6,5 Litern auf 100 Kilometer Landstraße zählt die CB 1300 nicht unbedingt zu den Kostverächtern, begnügt sich aber mit dem preisgünstigeren Normalbenzin.Auf der Autobahn kann der Verbrauch bei hohem Vollgasanteil theoretisch weit über acht Liter steigen. In der Praxis werden sich allerdings die wenigsten längere Zeit dem starken Winddruck entgegenstemmen. Die kleine Cockpitverkleidung aus dem Honda-Zubehörprogramm (245 Euro), die an der Testmaschine montiert war, verschafft dem geduckten Fahrer ein bisschen Schutz. Dass Topspeed zudem nicht die Paradedisziplin eines Naked Bikes ist, zeigt die CB durch leichtes Pendeln um die Hochachse. Das ist zwar unangenehm, doch nicht kritisch, da es sich von selbst wieder beruhigt, wenn der Pilot den Lenker locker hält. Der Grundpreis von 9990 Euro für Hondas druckvolles Naked Bike CB 1300 ist zwar nicht gerade niedrig, dafür glänzt sie mit geringen Inspektionskosten und üppiger Ausstattung. Wegfahrsperre, einstellbarer Kupplungs- und Bremshebel, Staufach inklusive Aufbewahrungsfach für ein Bügelschloss und eine komplette Instrumenteneinheit, alles ist an Bord. Schöner als in Begleitung einer CB 1300 lassen sich die letzten sonnigen Tage wohl kaum auskosten.

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