Top-Test Honda Varadero 1000 (Archivversion) Lustschiff

Wahrhaft ein monumentales Motorrad, 267 Kilogramm schwer, hoch wie eine Kathedrale, bequem und schnell. Dass die Honda Varadero mehr drauf hat als stures Kilometerfressen, stellt sie im Top-Test eindrucksvoll unter Beweis.

Großenduros – potente Alleskönner. Eine urbayerische Veranstaltung, die GS-Baureihen sind seit Jahren Quotenhits. Doch seit einiger Zeit mischen andere Hersteller ebenfalls erfolgreich mit. So auch Honda. 1999 beglückten uns die Japaner mit der ersten Varadero-Ausgabe, sänftengleich, ziemlich unterdämpft – und mit starkem Seegang bei höheren Geschwindigkeiten. Dazu mit antiquierter Gemischaufbereitung per Vergaser ausgerüstet. Ein ermutigender Anfang, aber bei weitem nicht genug, um der Marktführerin BMW R 1100 GS respektive 1150 GS das Wasser reichen zu können. Dennoch gewann die ebenso bequeme wie kraftvolle Varadero viele Freunde, die sie liebevoll »Dicke« nennen.Das Gewicht ist bei der Neuauflage unverändert ein Thema. Denn statt abzuspecken, stemmt Modelljahr 2003 satte elf Kilogramm mehr auf die Waage: 267 sind es, vollgetankt mit 25 Liter Sprit. Beachtlich. Offroad-Einlagen mit der Varadero? Lediglich Theorie. Zu schwer, zu ungelenk. Für den Straßeneinsatz hingegen erweist sich das Mehrgewicht als durchaus lohnenswerte Investition. Ein geregelter Katalysator beschert dem Zweizylinder im Verbund mit einem Sekundärluftsystem jetzt wirklich zeit-gemäße Schadstoffwerte (siehe auch Kasten Seite 46). Die Varadero erfüllt die Euro-2-Norm geradezu spielerisch, kassiert dafür im Test 28 von 30 möglichen Punkten – und lässt so einige Konkurrentinnen ganz schön alt aussehen. Und auch an anderer Stelle erscheint der Einsatz von mehr Material durch-aus sinnvoll – nämlich beim Chassis. Wie bereits erwähnt, galt das Urmodell nicht als besonders spurstabil; gerade mit Gepäcksystem und viel Zuladung kam es bei schnellen Etappen gerne etwas ins Pendeln. Das soll nun der Vergangen-heit angehören. Weshalb der Stahlrahmen Verstärkungen im hinteren Bereich erhielt, das V2-Triebwerk starr statt in Gummilagern aufgehängt wurde, um als tragendes Element ebenfalls für mehr Stabilität zu sorgen.Darauf soll sich noch eine weitere Änderung am Fahrwerk positiv auswirken: Honda kürzte die Federwege vorne um zwanzig, hinten um zehn Millimeter und stimmte die Federelemente gleichzeitig deutlich straffer ab. Die Varadero taucht deshalb unter Belastung nicht mehr so stark in die Federn. Wer sich also ein Herz fasst und dieses gewaltige Motorrad erklimmt, stellt sofort fest, dass sich an der enormen Sitzhöhe im Vergleich zur Vorgängerin nichts geändert hat.Jawohl, ein Herz nehmen, richtig gelesen. Die Honda nötigt einem bereits im Stand gehörig Respekt ab. Was für ein monumentales Stück Maschinen-bau. Vor allem deshalb, weil die Sitz-bank verdammt breit ausfällt, ergo der Kontakt zum Boden selbst größeren Zeitgenossen nicht so leicht gemacht wird. Wie haben das nur die japanischen Testfahrer geregelt bekommen? Hatten die immer kleine Trittleitern im Marschgepäck? Doch die Varadero verlangt nicht nur Respekt, sondern sie verdient ihn auch, wie sich kurz nach dem Aufsteigen zeigt. Sofort breitet sich ein unvergleichlich wohliges »Willkommen-daheim«-Gefühl aus. Ausgesprochen gelungen, diese Ergonomie. Da passt wirklich alles. Wunderbar, wie die Varadero ihren Fahrer ins Geschehen integriert und ihn gleichzeitig über den Dingen schweben lässt. Die neu gestaltete Sitzbank bietet Sofakomfort für beide Passagiere. Passend zur formidablen Sitzposition hält die Varadero einen adäquaten Antrieb bereit: einen druckvollen V2, der in modifizierter Form aus der VTR 1000 F übernommen wurde. Dieser Motor verfügt über einen ganz eigenen Charme. Kein Langweiler, sondern ein echter Dampfhammer, präsent durch Vibrationen in den Lenkerenden und den Fußrasten. Ausgestattet mit mächtig Drehmoment und einer passend gewählten Übersetzung. Er strahlt Gelassenheit und Souveränität aus. Leider galt das Triebwerk bislang als trinkfreudig. Das schmälerte die Reisekasse und vermieste den Tagesschnitt ganz gewaltig. Honda hat auf die Kritik reagiert und die Varadero mit einer Saugrohreinspritzung ausgerüstet, was gleichzeitig den Einsatz des G-Kats erleichterte. Der Motor spricht weich an, Lastwechselreaktionen halten sich in tolerierbaren Grenzen, der Zweizylinder drückt das Schiff mit Macht nach vorne, beeindruckt dabei insbesondere mit seiner schieren Drehfreude. Schön auch, dass die Japaner ein neues, sehr gut schaltbares und präzises Getriebe mit sechstem Gang spendierten. Der senkt das Drehzahl-niveau gekonnt, fungiert gleichzeitig aber nicht als Overdrive, sondern als Fahrstufe, die auf Landstraßen häufig zum Einsatz kommen darf. Was letztlich ebenfalls dem Spritkonsum zugute kommt. Auf knapp 2000 Testkilometern verbrauchte die Varadero im Schnitt sechs Liter. Der für die Bewer-tung maßgebliche Landstraßenverbrauch lag bei erstaunlichen fünf (beim Ver-gaser-Modell 7,2 Liter), der Spitzenwert bei schnellen Autobahnetappen – so zwischen 160 und 180 km/h fühlt man sich pudelwohl – betrug 8,6 Liter. Respekt. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der cw-Wert der Honda irgendwo zwischen Kölner Dom und Münchner Olympiastadion liegen dürfte. Wegen des 25-Liter-Tanks bringt es die Reiseenduro auf sehr hohe Reichweiten, die Reserveleuchte (eine Tankuhr fehlt) mahnt zumeist erst knapp vor der 400-Kilometer-Marke zum Tankstopp.Daraus resultiert ein formidabler Reiseschnitt. Tagesetappen von 800 und mehr Kilometern sind wegen des tollen Komforts kein Problem, nur in Sachen Windschutz scheiden sich die Geister. Drei verschiedene Fahrer, vier Meinungen zum neuerdings – lobenswerterweise – verstellbaren Windschild. Der Schutz, da sind sich alle einig, ist gut, aber manche Tester klagten über Verwirbelungen und einen hohen Geräuschpegel, andere wiederum zeigten sich rundum zufrieden. Einhelliges Lob erhält die Varadero dagegen für ihre Vorstellung auf Landstraßen. Klar, ein Ausbund an Handlichkeit ist sie nicht. Eine extrem sportliche, aggressive Fahrweise quittiert sie mit Unwillen, fast scheint es, dass harsche Lenkbefehle in schnellen Wechselkurven dann etwas zeitverzögert am Vorderrad ankommen. Dennoch ist sie ein höchst fahraktives Motorrad; die Varadero bevorzugt einen zügigen, runden Stil. Wer das verstanden hat, den verwöhnt sie mit lässigem Fahrspaß, der einen mitreißt. Die straffere Fahrwerksabstimmung verhilft dem Dickschiff zu mehr Schräglagenfreiheit und einem Plus an Fahrstabilität sowie Lenkpräzision, jedoch spricht speziell die Gabel unsensibel auf größere Unebenheiten und Fahrbahnkanten an. Trotzdem surft die Dicke so satt und sicher über kurviges Terrain, dass sogar bekennende Supersport-Fans ihre wahre Freude daran haben. Dazu trägt zu einem guten Teil die von Honda gewählte Erstbereifung bei: Bridgestone Trailwing 101/152 Radial E. Vom Namen her ein etwas in die Jahre gekommener Enduroreifen, der beim letzten Reifentest (MOTORRAD 11/2003) von seinen moderneren Mitbewerbern überholt wurde. Doch die Sonderkennung E hat es in sich; sie bezeichnet eine völlig überarbeitete Version. Warum Bridgestone an dem alten Namen festhielt, bleibt ein Geheimnis. Die Japaner änderten unter anderem die Karkasse und wählten eine neue Gummimischung. Mit Erfolg. Die E-Spezifikation überzeugt auf der ganzen Linie: toller Grip im Trockenen wie im Nassen, hohe Stabilität, selbst bei voller Zuladung, dazu ein Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage, das kaum der Rede Wert ist. Überhaupt, die Bremsen. Noch eine Varadero-Spezialität. Das Honda-Verbundbremssystem CBS fängt die massige Maschine auch bei forciertem Tempo sicher wieder ein, die Bremsstabilität ist überdurchschnittlich. Nur im Grenzbereich, also bei einer Vollbremsung, fällt die Dosierung schwer. Hier würde ein ABS helfen, das es momentan weder für Geld noch gute Worte zu kaufen gibt.Noch nicht. Denn Honda hat ja schon hinlänglich bewiesen, dass man sich auf ABS sehr gut versteht. Und Verbesserungswünsche der Kundschaft nicht ignoriert. Die gelungene Neuauflage der Varadero stellt das eindrucksvoll unter Beweis, sie packt die im Top-Test hochliegende 700-Punkte-Messlatte.

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