Top-Test Shineray XY 125 GY (Archivversion)

Zen – und die Kunst, ans Ziel zu kommen

Eine brandneue 125er-Enduro, für 511 Euro im Internet gekauft, ist auf jeden Fall billig. Ob das mutmaßliche Schnäppchen auch preiswert ist, klärt der härteste Test unter der Sonne Württembergs.

Regelmäßige Leser von MOTORRAD, welche die Berichte über das chinesische Billigbike mit dem salbungsvollen Namen Shineray 125 mit Interesse oder zumindest amüsiert verfolgt haben (siehe Heft 6 und 7/2007), werden wissen wollen, wie es der Enduro ergeht. Um es mit den Worten der Randfichten – den Erfindern des Holzmichels – zu sagen: Jaaa, sie
lebt noch. Wobei die Betonung eindeutig auf »noch« liegt.
Für Neueinsteiger eine kurze Zusammenfassung: MOTORRAD hat für sensationelle 511 Euro über einen Strohmann eine funkelniegelnagelneue 125er-Enduro, made in China, über den Ebay-Händler Sohoo-Sofi GmbH ersteigert und in den Testfuhrpark integriert. Derzeitiger Kilo-meterstand: 801. Zustand des
Patienten: Kritisch, jedoch mit stabiler Herzfunktion. In der Tat ist der nach Honda-Vorbild modellierte Einzylinder-Viertaktmotor nicht nur das Sahnestück der Shineray, sondern der einzige Lichtblick.
Der Ärger ging schon vor dem ersten gefahrenen Meter los: Eine fehlerhaft
gedrehte Buchse im Vorderrad zerstörte
beinahe den Tachoantrieb, das eilends
bei Sohoo bestellte Ersatzteil lässt bis heute – elf Wochen später – auf sich warten. Händlernetz, Service? Absolute Fehlanzeige, ab dem Kauf der Maschinen
ist der Kunde völlig auf sich gestellt. Auf schriftliche Anfragen beim Verkäufer wird schleppend bis gar nicht reagiert. Telefonisches Nachhaken löst Befremden aus.
O-Ton: »Sie glauben doch nicht, dass wir Ersatzteile auf Vorrat haben, das müssen wir alles bestellen.« In China versteht sich.
Bereits auf den ersten, vorsichtig gefahrenen Metern wurde klar, dass mit
der Shineray in puncto Zweiradfahren der Vorstoß in neue Dimensionen, in die bis-
her noch kein Europäer vorgedrungen war, nicht nur möglich, sondern unvermeidbar ist. Durch die winzigen Abmessungen des Chinesenkrads fühlt sich der Pilot immer ein bisschen wie auf einer Honda Monkey, was schlicht lustig ist. Der kleine Viertakter geht, auch verursacht durch die viel zu kurze Endübersetzung, energisch zu Werke.
Er hängt tatendurstig am Gas und zieht
sogar im fünften und letzten Gang quasi ab Standgas willig durch und beschleunigt, so gut er eben kann. Dank homöopathischer Volumina von Ver- und Entsorgungstrakt, den übersetzungsbedingt hohen Drehzahlen sowie dem verkehrsabhängig nahezu 100-prozentigen Volllast-Anteil ist ein sonorer Viertakt-Klangteppich steter Begleiter und Hörgenuss, außerdem adäquater Ersatz für die fiepsende Hupe.
Leider sind damit die positiven Seiten der Shineray schon erschöpfend behandelt, denn bei höheren Drehzahlen – wir sprechen hier von Geschwindigkeiten ab 50 km/h – entwickelt der Viertakter Vibrationen, die eine etwaige Familienplanung durchkreuzen könnten.
Der bescheidenen Fahrdynamik zum Trotz, sind Fahrwerk und Bereifung am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Die Yuanxing-Reifen (was frei übersetzt wohl so viel wie »Der Gummi mit der Haftung
einer nassen Ledersohle auf frisch gebohnertem Parkett« heißt) gehen zusätzlich
mit dem Handikap eines Enduro-Profils
ins Rennen. Trotzdem haben sie genügend Potenzial, dem fragilen Rahmen beängs-
tigende Verwindungen zu entlocken. Das
via Umlenkung angesteuerte Monofederbein geht mit dem Aufsitzen auf Block und verbleibt im Fahrbetrieb dort, die Telegabel ist nicht viel besser. Beim Betätigen der Bremse, die ihre Qualitäten auch erst mit anderen Reifen aufdecken könnte, rauscht die Front in die Tiefe, bis der Vorderreifen lautstark am Kotflügel streift.
Die daraus resultierenden miserablen Fahreigenschaften in Kombination mit der Defektanfälligkeit (siehe Kasten Seite 59) sowie den Schwierigkeiten bei der Teile-beschaffung lassen nur einen Schluss zu: Finger weg. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie es sein kann, dass in einem Land, in dem seitens der
Politik mit immer hysterischerem Geschrei mehr Sicherheit eingefordert wird, eine Krücke wie die Shineray eine ABE erhält. Wie es mit der Chinesin weitergeht, lesen Sie in einem der nächsten Hefte.
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Was bisher geschah (Archivversion)

Bestandsaufnahme nach 150 Kilometern

Tacho und Drehzahlmesser ungleich beleuchtet
Sitzbank betonhart, malträtiert den Steiß
Vorderrad streift beim Bremsen am Schutzblech, kurz danach blockiert es
Schraube am Seitenständerschalter verloren
Bremslicht funktioniert nicht
Lenkkopflager hat Spiel
Spiegel bieten keine Rücksicht, Ausleger viel zu kurz
Auspuff scheppert
Kette stark gelängt, Nachspannen unmöglich, da Rasterung der
Exzenterscheiben viel zu grob
Kilometerstand 200

Blinker hinten rechts defekt
Blinkerglas lässt sich nicht mehr montieren, da Kreuzschlitz rund
Anlasserrelais defekt
Schraube an Tankverkleidung verloren
Nach Handwäsche Tacho von innen beschlagen beziehungsweise tropfnass
Kilometerstand 250

Unregelmäßige, wenngleich rhythmische Schabgeräusche mit gleich-
zeitigem Geschwindigkeitsverlust veranlassen den Fahrer zum Anhalten. Die Ursache ist schnell gefunden: Alle fünf Schrauben, welche die
Bremsscheibe an der Nabe fixieren, haben sich gelöst, zwei davon so
weit, dass sie an der Gabel streifen. Glücklicherweise ist ein Bosch-
Dienst in Sichtweite
Kilometerstand 800

Lampensockel des Scheinwerfers durch Hitzeeinwirkung ange-
schmolzen und verformt, kein dauerhafter Stromfluss mehr vorhanden
Kompletter Kennzeichen- und Rücklichtträger bei Fahrver-
suchen abgebrochen
Beide Reifen trotz schlechten Grips bereits an der Verschleißgrenze

Technische Daten Shineray XY 125 GY (Archivversion)

Motor: luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, eine oben liegende, kettengetriebene Nockenwelle, zwei Ventile, Kipphebel, Nasssumpfschmierung, Rundschiebervergaser,
ø 15 mm, keine Abgasreinigung, Batterie
12 V/4 Ah, mechanisch betätigte, Mehr-scheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kette.
Bohrung x Hub 56,5 x 49,5 mm
Hubraum 124 cm3
Verdichtungsverhältnis 9:1

Nennleistung 8,2 kW (11 PS) bei 9000/min

Max. Drehmoment 9 Nm bei 5500/min

Fahrwerk: Einschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, ø 30 mm, Zweiarmschwinge aus Stahl, Zentralfederbein mit Hebelsystem, Scheibenbremse vorn, ø 240 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Trommelbremse hinten.
Speichenräder mit Stahlfelgen
1.40 x 19; 1.60 x 16
Reifen 70/100-19; 90/100-16
Bereifung im Test Yuanxing
Maße und Gewichte: Radstand 1270 mm, Federweg v/h 100/100 mm, Sitzhöhe* 795 mm, Gewicht vollgetankt* 101 kg, Zuladung* 149 kg, Tankinhalt 5,5 Liter.
Gewährleistung zwei Jahre
Preis 511 Euro
Nebenkosten 80 Euro

MOTORRAD-Messungen

Fahrleistungen1
Höchstgeschwindigkeit 90 km/h
Beschleunigung
0–50 km/h 4,7 sek
0–80 km/h 13,9 sek
Durchzug
50–80 km/h 9,1 sek

Verbrauch im Test
Landstraße 3,1 l/100 km
Kraftstoffart Normal

Fahrdynamik1
Bremsmessung
Bremsweg aus 100 km/h 53,6 m
Mittlere Verzögerung 7,2 m/s2
Bemerkungen: Kräftiges Ziehen am Bremshebel ist angesagt. Die Front taucht dabei sehr tief ein und nimmt Kontakt mit dem Vorderrad-Kotflügel auf, worauf die Bremsleistung nochmals erhöht wird.

Handling-Parcours I (schneller Slalom)
Rundenzeit 27,7 sek
vmax am Messpunkt 71,9 km/h
Bemerkungen: Der Rahmen verwindet sich so sehr, dass beim Umlegen auf
Verdacht gezielt werden muss. Ab dem Umkehrpunkt ist Vollgas angesagt, wenn man bis dahin nicht gestürzt ist.

Handling-Parcours II (langsamer Slalom)
Rundenzeit 35,2 sek
vmax am Messpunkt 47,8 km/h
Bemerkungen: Der Grip der original montierten Reifen ist minimal.

Kreisbahn ø 46 Meter
Rundenzeit 12,5 sek
vmax am Messpunkt 43,0 km/h
Bemerkungen: Auch hier ist der Grat schmal. Wenn die Rutschgrenze erreicht ist, heißt es tapfer auf dem Gas bleiben.

Fazit (Archivversion)

Die Erkenntnis, dass die Shineray Murks ab Werk ist, überrascht nicht wirklich, vielmehr die Tatsache, dass das Fahren – so der Weg das Ziel ist, welches nicht zwingend erreicht werden muss – durchaus lustig sein kann. Trotzdem: Besser nicht kaufen!

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