Top-Test Suzuki Bandit 650 S (Archivversion) Der Trick mit dem Druck

Mit einem fetten Hubraumzuschlag und sattem Drehmoment-Vorsprung schlägt die Suzuki Bandit 650 S der Konkurrenz ein Schnippchen. Der renovierte Klassiker mit schnittiger Halbschalenverkleidung im Top-Test.

Wie der Teufel hetzt die feuerrote
Suzuki durch die Pylonen im
MOTORRAD-Handling-Parcours, ratscht in wilder Schräglage funkend mit den Rasten, schleudert mit rauchendem Hinterreifen quer auf die enge Kehre zu – ssssst, rum und weg.
Gelassen notiert der Testfahrer Sekunden und Kurvengeschwindigkeiten und
bemerkt am Rande: »Enorm breiter Grenzbereich, gutmütiges Fahrverhalten in allen Lagen, wer mit der Bandit stürzt, ist selber schuld.« Womit die komplett überarbeitete 650er-Suzuki (siehe Fahrbericht MOTORRAD 1/2005) die Erfahrung aus unzähligen Testkilometern mit Maschinen der unteren Mittelklasse bestätigt: Preisgünstig muss weder billig noch langweilig sein. Und schon gar nicht unsicher. Auch wenn auf der letzten Rille die betonierte Stabili-
tät hochpreisiger Sportmotorräder fehlt, macht die neue Bandit ihrem Reiter kein
X für ein U vor, sondern meldet mit leich-
ten Bewegungen im Gestühl, was Sache ist. So staunt man nicht schlecht, dass
die Suzuki im langsamen wie im schnel-
len MOTORRAD-Slalom beachtliche Werte hinzaubert und trotz der hohen Handkraft, die die Bremsanlage erfordert, nach 38,7 Metern aus 100 km/h zum Stehen kommt. Ein brillanter Wert, da muss sich mancher Supersportler hinten anstellen. Trotzdem, etwas mehr Biss und ein Paar härtere Gabelfedern könnten der Bandit 650 S nicht schaden.
Noch eine Auffälligkeit beim Tanz auf Messers Schneide: In Linkskurven mit sturzverdächtiger Schräglage poltert die am Rahmen angeschweißte, massive Halterung des Seitenständers über den Asphalt und droht die Maschine auszuhebeln.
Was sich im erbarmungslosen Top-
Test in Zahlen und Fakten niederschlägt, findet beim hurtigen Landstraßenkurven seine subjektive Fortsetzung. Einfacher und lässiger geht’s kaum. Schon deshalb, weil die Suzuki mit ihrem dezenten 160er-Hinterreifen der Marke Bridgestone BT 020 geradezu hellseherisch dem Straßenverlauf folgt. Haarnadelgewürm, Wechselkurven, lang gespannte Bögen in dreistelligem Tempo, gerne auch onduliert – die Ban-
dit 650 S findet die richtige Spur. Und wenn nicht, schlägt sie willig eine Harke, um grobe Fehleinschätzungen des Piloten auf kürzestem Weg zu korrigieren.
Derbe Flickenteppiche auf drittklassigen Landstraßen bringen die Suzuki nicht aus der Fassung, zumal die in Richtung Komfort abgestimmten Federelemente Querrillen und Schlaglöcher fein ausbügeln. Das gilt selbst in Schräglage. Wo so manch breitbereiftes Bike im Wellenteppich aus der Bahn wippt, bleibt die Bandit ungerührt auf Kurs. Wer in der
Kurve bremsen muss, kann sich auf den BT 011-Vorderreifen verlassen, denn der stellt sich nur minimal und berechen-
bar auf. Die japanische Pneu-Kombination passt blendend zur Suzuki, da außerdem der Grip kalt wie warm überzeugend ist und die gute Eigendämpfung für besten Komfort sowie Stabilität bei Höchstgeschwindigkeit sorgt.
Nett, dass der Bandit 650-Fahrer mit Sozius auf den Kurvenspaß nicht verzichten muss. Wenn auch etwas unhandlicher und mit der Tendenz, am Kurvenausgang eher den größeren Bogen zu fahren, besticht die Suzuki im Zweipersonenbetrieb mit guter Stabilität und sicherem Kurvenverhalten. Womit wir bei einer der wichtigsten Eigenschaften von Suzukis Dauerbrenner angelangt sind: absolute Verlässlichkeit gepaart mit universellem Gebrauchswert.
Zur schnell geschlossenen Freundschaft zwischen Ross und Reiter hat auch die relaxte Sitzposition beigetragen. Lässiger Kniewinkel, großflächiges, in der Höhe um 20 Millimeter verstellbares Sitzpolster, aufrechter Oberkörper mit bestem Überblick, zumal die Rückspiegel ihrem Namen alle Ehre machen. Lästig dagegen: Die Lenkerenden sind ein paar Grad zu weit nach hinten gekröpft. Mit dem Ergebnis, dass die Handgelenke ungünstig abgewinkelt werden, wenn man die Bandit bei den Hörnern packt. Das spielt keine Rolle, solange man es gemächlich rollen lässt. Stürzt man sich jedoch mit Vehemenz ins Kurvenlabyrinth, fehlt es trotz des brei-
ten Lenkers an Kraft und Gefühl für den strammen Ritt. Dabei kostet ein passend gebogenes Lenkeisen, und das ist um-
so ärgerlicher, keinen Cent mehr als die serienmäßige Krücke. Angesichts dessen nützt auch die Verstellmöglichkeit der Lenkerhöhe um zehn Millimeter nicht viel. Zumal die MOTORRAD-Tester die Kombination aus hoher Sitzbankeinstellung und tiefem Lenker bevorzugten.
Nichts zu meckern hat der Sozius,
der findet einen komfortablen Platz und
sicheren Halt an der Reling. Und das
ist gut so, weil die Extraportion Hubraum aus dem ehemals schwachbrüstigen 600er-Motor einen kräftigen Burschen
gemacht hat, der in den unteren Gängen einen beachtenswerten Sprint auf die Bahn legt. Beim Beschleunigen aus dem Stand nimmt die Neue ihrer Vorgängerin bis 140 km/h 0,6 Sekunden ab (6,9 zu
7,5 Sekunden). Noch dicker kommt’s bei der Durchzugsprüfung im letzten Gang, bei
der das 2005er-Modell in 9,5 Sekunden von 60 auf 140 km/h stampft, während die 600er 13,3 Sekunden braucht.
Beeindruckender als die Messwerte
ist die gefühlte Kraft der Bandit 650
auf der MOTORRAD-Testrunde über allerfeinste Landstraßen mit geradezu alpinen Steigungen und vertracktem Kurvenrevier. Bereits aus Standgas forsch dabei, drückt der exakt 656 Kubikzentimeter große und nominell nach wie vor 78 PS starke Vierzylinder zwischen 6000 und 8000/min so vehement vorwärts, dass es die reinste Freude ist. Mehr Drehzahl braucht es nicht, um hurtig über Land zu fegen. Und wird man zudem nicht wollen, weil der Motor bei höheren Drehzahlen mit zirpenden, hochfrequenten Vibrationen und lautem Dröhnen aus Tank und Airbox nervt. Schade auch, dass die Schaltvorgänge eher einem grobmechanischen Vorgang gleichen. Hakig, mitunter geräuschbetont, passt das kratzige Sechsganggetriebe nicht zum geschmeidigen Charakter der neuen Bandit.
Ein weiterer Grund für die Spritzigkeit der 650er liegt in der kurzen Gesamtübersetzung. Bei 205 km/h Höchstgeschwindigkeit müssen die sechs Gangstufen
einen dementsprechend kleinen Bereich abdecken, wodurch nur geringe Drehzahlsprünge nach dem Schaltvorgang entstehen und die Zugkraft kaum einbricht. So ist es kein Wunder, dass die Bandit
nervenschonend im fünften Gang durch die Ortschaften rollt, auf Kommando ohne zu schalten loslegt und ein paar Wimpernschläge später die zulässige 100-km/h-Marke knackt.
Diese Qualitäten, die auf Landstraßen für reichlich Spaß sorgen, passen auf
langen Autobahnetappen weniger gut ins Bild. Hier dreht der Vierzylinder bei Reisetempo 150 bereits ziemlich hoch. Da kann der leicht genervte Bandit-Treiber lange im
Getriebe fischen, mehr als sechs Gänge gibt’s nicht. Dafür eine Verkleidung, die mit wenig Turbulenzen und Rauschen gut vor dem Fahrtwind schützt. Nur bei Regen pfeifen die Wassertropfen durch den Luftschlitz der Verkleidungsscheibe.
Mit 5,3 Liter bei konstant 130 km/h
und 5,2 Liter auf der Landstraße hält sich der Spritverbrauch angesichts der angegrauten Motorentechnik in akzeptablen Grenzen, zumal die äußeren Bedingungen mit gerade mal fünf Grad Lufttemperatur erfahrungsgemäß den Verbrauch um ein paar Prozent nach oben treiben. In Verbindung mit dem 20-Liter-Tank ist eine
respektable Reichweite garantiert.
Nicht nur neu, sondern auch besser
ist der großflächige Scheinwerfer mit guter Seitenrandausleuchtung und taghellem Fernlicht. Allerdings hat die Frontansicht der neuen Bandit die Eigenständigkeit eingebüßt und gehört fortan zur uniformen Gesellschaft japanischer Mittelklässler.
Neu ist außerdem der Preis der Bandit 650 S. Mit 6290 Euro ohne Nebenkos-
ten liegt sie 150 Euro über der Vorgängerin, gehört aber nach wie vor zu den güns-
tigsten Vertretern der vierzylindrigen Mittelklasse. Was sich im Detail betrachtet auch bemerkbar macht. Stahlschwinge, einfache Schwimmsattelbremsen und viel Plastik sind die Kehrseiten des verlockenden Preises. Dafür trägt die Bandit immer noch den schönsten aller Vierzylinder zwischen den Rädern. Jetzt im schwarzen Feinripp ist der luft-/ölgekühlte Motor ein echtes Schmuckstück, der in der aufgebohrten 650er-Version deutlich mehr Fahrvergnügen beschert als der alte 600er.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote