Top-Test Suzuki SV 650 (Archivversion) Das Erfolgsrezept

Sie kam, sah und siegte: Seit Anfang 1999 wirbelt Suzukis SV-Baureihe über deutsche Straßen, verkauft sich wie geschnitten Brot – und lehrt die Konkurrenz das Fürchten. Wie schlägt sich der zierliche Allrounder im MOTORRAD-Top-Test?

Eigentlich sollten die SV 650 und ihre halbverkleidete Schwester S keine Geheimnisse mehr bergen. Schließlich hat der kleine Twin sein Können seit seiner Markteinführung Anfang 1999 in diversen MOTORRAD-Tests hinlänglich unter Beweis gestellt. Bislang der krönende Höhepunkt für die Suzuki: der 50000-Kilometer-Langstreckentest – inklusive Happy-End. Andererseits kommt einem ein außergewöhnliches Motorrad für kleines Geld nicht alle Tage unter. 11150 Twins hat Suzuki Deutschland an den Mann respektive die Frau gebracht. Bald geht die SV-Baureihe in ihr viertes Modelljahr – und die Konkurrenz schaut dieser Erfolgsstory immer noch tatenlos zu. Worauf gründet sich das Erfolgsrezept der SV? Ausschlaggebend ist sicherlich der Motor. Normalerweise setzt der traditionsliebende Japaner in der Mittelklasse gerne auf bewährte, aber etwas angegraute 500er Twins oder 600er Vierzylinder-Reihenmotoren. Diese Triebwerke gelten als standfest, jedoch ist weder ihr Sound noch ihre Charakteristik besonders aufregend. Für die SV hingegen konstruierte Suzuki extra einen wassergekühlten 90-Grad-V-Motor mit 645 cm³, bei dem im Gegensatz zur TL 1000 die Kurbelwelle die beiden obenliegenden Nockenwellen pro Zylinder direkt ohne Zwischenräder über Steuerketten antreibt. Das spart Gewicht und Baubreite. Keine modernen Zeiten bei der Gemischaufbereitung, die SV atmet durch Gleichdruckvergaser. Ebenfalls nicht gerade zukunftsweisend: Eine Abgasreinigung fehlt nach wie vor, bisher tat das dem Erfolg keinen Abbruch.Der beste Antrieb nutzt herzlich wenig, wenn ihm kein passendes Umfeld geboten wird. Auch in diesem Punkt war Suzuki innovativ und brachte erstmals in der Mittelklasse einen schlanken und höchst ansehnlichen Alu-Gitterrohrrahmen mit einem geschraubten Rahmenheck aus Stahl, was den Geldbeutel im Falle eines Falles schonen hilft. Apropos Geld: 12390 Mark kostet die SV 650. Konkurrenzlos wenig für ein Motorrad mit einem modernen Triebwerk und einem hochwertigen Alu-Rahmen, das vollgetankt nur 189 Kilogramm auf die Waage bringt. Und das optisch gar nicht wie ein einfaches, Motorrad wirkt, sondern durchaus hochwertig und in seinen Dimensionen erwachsen. Wirklich erstaunlich, dass sich Fahrer aller Größen- und Gewichtsklassen dank gelungener Ergonomie auf Anhieb mit ihrem Arbeitsplatz anfreunden können. Platz nehmen und wohl fühlen, wozu der nicht zu breit gewählte Lenker mit guter Kröpfung und genügend Abstand von der straff gepolsterten Sitzbank hinunter zu den Fußrasten beitragen. Selbst bei Fahrern über 1,85 Meter zwickt es nicht gleich in den Kniekehlen. Erwachsen wirkt die SV nicht nur bei der Sitzprobe, sondern auch im Fahrbetrieb. In erster Linie wegen des tollen, keineswegs schwachbrüstigen V-Motors. Mit 72 Pferdestärken und einem maximalen Drehmoment von 61 Newtonmetern auf der Prüfstandsrolle steht die SV gut im Futter. Schon bei 2600/min liegen über 46 Newtonmeter Drehmoment an. Nicht nur in seiner Hubraumklasse glänzt der Twin mit einem breiten nutzbaren Drehzahlband, lässt sich herrlich schaltfaul fahren. Wenn einen jedoch der Hafer sticht, dreht das Triebwerk spontan und ohne spürbaren Einbruch in höhere Regionen, ohne dabei über Gebühr mit Vibrationen zu nerven. Die spezifischen Eigenarten des Zweizylinders lassen sich somit leicht verschmerzen: Bei hartem Gasaufreißen über 6000/min setzt die Leistung leicht verzögert ein, während er in tieferen Drehzahlen auf spontane Befehle der Gashand gerne mit einem kernigen Lastwechselschlag reagiert. Erfreulich dagegen, dass sich die SV bei normaler Landstraßenfahrt mit deutlich unter fünf Liter Normal begnügt, was ihr trotz des zierlichen 16-Liter-Tanks zu einer tourentauglichen Reichweite von über 300 Kilometern verhilft.Beim Getriebe haben die Suzuki-Techniker gute Arbeit geliefert. Es lässt sich leicht, präzise und geräuscharm schalten, die Gesamtübersetzung fällt knackig kurz aus. In Verbindung mit ihrem für diese Klasse relativ niedrigen Gewicht setzt die SV das in eindrucksvolle Durchzugswerte um. Zum Vergleich: Sie liegt im Bereich von 60 bis 140 km/h nur knapp hinter den deutlich teureren und stärkeren 600er-Supersport-Vierzylindern, wie etwa einer Yamaha YZF-R6, und kauft sogar der lang übersetzten Ducati 748 den Schneid ab.Die SV 650 besitzt also ein erstaunliches Potential – und sie kann es auch umsetzen. Das zeigt sich unter anderem im Suzuki-SV-Cup auf der Rennstrecke. Was sie beim MOTORRAD-Top-Test für sportliche Talente an den Tag legt, verlangt höchsten Respekt ab. Im schnellen Slalom brilliert sie mit Rundenzeiten auf dem Niveau einer R6. Andere deutlich leistungsstärkere Motorräder lässt die Suzuki im imaginären Schlagabtausch gar hinter sich. Spielerisch leicht, sicher und zielgenau wedelt sie auf einer sehr engen Linie durch die Pylonen, wieselflink umrundet sie die beiden Wendepunkte. Es wären sogar noch schnellere Zeiten drin, hätte Suzuki bei der Auswahl der Federelemente etwas größeren finanziellen Spielraum gehabt. Denn die Gabel muss ganz ohne Einstellmöglichkeiten auskommen, am hinteren Federbein, lässt sich nur die Federbasis verstellen. Mit der schwachen Zugstufendämpfung des Federbeins und der insgesamt schlaffen Abstimmung der Gabel muss sich der SV-Treiber abfinden. So federt das Heck bei extremer Beanspruchung zu schnell aus und die Front zu stark ein, was eine leichte Unruhe in das Fahrwerk bringt.Im langsamen Slalom mit großen Radien gibt sich die kleine Suzuki keine Blöße und offenbart eine überdurchschnittliche Schräglagenfreiheit. Ein ähnlich positives Bild hinterlässt der Bremstest. Die Doppelkolbenanlage verzögert bei mittlerer Handkraft fadingfrei, gut dosierbar und nicht zu spitz, mit einert schön linear ansteigenden Verzögerungsleistung. Die Gabel taucht dabei relativ weit ein, ohne jedoch metallisch auf Block zu gehen und das Gefühl für die Blockiergrenze damit völlig zu verlieren.Bei der Landstraßen-Testfahrt kann die kleine Suzuki ihre Trümpfe voll ausspielen. Wie es der Zufall so will, sind nämlich unter anderem die Kawasaki ZX-12R (Top-Test Heft 15/2001) und eine Suzuki GSX-R 1000 als Referenzfahrzeug für die mächtige Kawasaki mit von der Partie. Hand aufs Herz, jeder der Testfahrer hegte vor der Testfahrt seine Bedenken, ob er angesichts der scheinbar übermächtigen Vierzylinder mit der leistungsmäßig hoffnungslos unterlegenen SV 650 nicht zum unfreiwilligen Spaßverderber würde. Völlig unbegründet, diese Annahme. Weil die Suzuki ihren vermeintlichen Leistungsnachteil vor allem mit ihrem superben Handling mehr als wettmacht. Mit 27 von 30 möglichen Punkten darf sie in dieser Disziplin sogar als die Referenz im Top-Test gelten.In engen, winkeligen Passagen kann der entspannte SV-Fahrer sich ein ums andere Mal ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn er die weiten Bögen der gestressten Kollegen auf den potenten Vierzylindern beobachtet. Was die beiden Kraftmeier auf den kurzen Geraden an Boden wettmachen, holt das Funbike SV in den Kurven mit Leichtigkeit wieder auf. Wobei sich die Suzuki mit ihrer Metzeler ME Z4-Erstbereifung sehr neutral benimmt, ein Aufstellmoment ist kaum spürbar. Bislang immer ein Kritikpunkt an der Originalbereifung: mangelnde Zielgenauigkeit. Doch die trat bei diesen ME Z4, Produktionsdatum Anfang 2001, nicht auf. Auf herrlich engen und präzisen Linien räubert die SV auf den bayerischen Tourensportpneus durch die Kurve, schon am Scheitelpunkt darf dank des berechenbaren Leistungseinsatzes und ausreichend Grip am Hinterrad wieder ans deftige Beschleunigen gedacht werden. So leicht, so spielerisch kann Motorradfahren sein. Es braucht wirklich kein PS mehr, um jede Menge Fahrspaß zu erleben. Denn auch in schnelleren Streckenabschnitten lässt sich die SV mit ihrem quirligen Twin aufgrund ihres ausreichend stabilen Fahrwerks nicht so schnell abschütteln. Da bedarf es selbst bei einem 160-PS-Bike eines beherzten Drehs am Gasgriff – womit sich der Fahrer auf öffentlichen Straßen dann schon jenseits der Legalität bewegt. Auf der Landstraße muss sich die Suzuki wirklich vor keinem anderen Zweirad dieser Welt verstecken - und das ist vielleicht der eigentliche Schlüssel zum Erfolg der SV 650.

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