Top-TestYamaha FZS 600 Fazer (Archivversion) Fazerweise heiter

Nun ja, ganz unabhängig vom Wetter ist auch ein Fazer-Fahrer nicht. Aber ganz unabhängig vom Wetter sorgt sein Motorrad für heitere Stimmung.

Raus aus der Tiefgarage, nichts wie raus aus der Stadt. Doch was, bitteschön, sollen die fünf roten Fußgängerampeln auf 200 Meter, was soll das Gedrängel an der Sechs-in-eins-Einfädelspur stadtauswärts, das ständige Vorfahrt gewähren, aber selbst nicht bekommen, weil die Rechts-vor-links-Regel offenbar völlig aus der Mode ist. Und dann auch noch die dritte Polizeikontrolle in fünf Tagen und wieder die jovial-mahnenden Witzchen über meinen altersblassen, grauen Führerschein. Himmel hilf, es gibt Strecken, die liegen in einer Route wie Müllhalden in einer schönen Landschaft!Und es gibt Motorräder, die einem auf solchen Strecken beruhigend zuflüstern. »Bleib locker, lass es rollen, ich bin sowieso noch nicht warm.« »Sag dem Herrn Wachtmeister, dass du dir `nen Plastikkartenschein holst, und lächle dabei. Und hab’ Geduld, unsere Zeit kommt.« Dann kommt sie, die Zeit; es zündet im Kopf, der Motor reißt an, und plötzlich gibt es Schikanen nur noch als Kurvenkombinationen und damit in einer Gestalt, die einen schöneren Namen verdient hätte. Das Motorrad hatte Recht.Die kleine Fazer ist solch ein Motorrad, das beruhigend wirkt, wenn es zu beruhigen gilt, und aufreizend, wenn Zeit und Strecke danach sind. Mit Coolness hat das nichts zu tun, eher schon mit einer sehr kultivierten Form von Temperament und Sportlichkeit. Ein gutes Beispiel dafür liefert ihr Motor. Als Antrieb der Yamaha FZR 600 R und YZF 600 R mit rohen Aluguss-Oberflächen noch sehr technisch wirkend, wurde er für den Einsatz in der FZS 600 mit mattschwarzer Beschichtung und einem neuen, dezent verrippten und von silbernen Nockenwellendeckeln gekrönten Zylinderkopf verschönert. Zugleich erhielt der neue Zylinderkopf wichtige technische Modifikationen in Form von flach angestellten und engeren Einlasskanälen, zu denen Vergaser mit moderaten 33 Millimetern Durchmesser passen. Somit war die Voraussetzung geschaffen für den Einbau in den Doppelschleifenrahmen und zum anderen für ungemein gleichmäßig verlaufende Leistungs- und Drehmomentkurven. Zwischen 7600 und 10300/min bleibt das Drehmoment in Höhe des Maximalwerts von 60 Nm, der Bereich, in dem es über 50 Nm liegt, reicht von 5100 bis zur Maximaldrehzahl 11700. Im Zusammenspiel mit einer optimal gewählten Gesamtübersetzung sorgt diese Motorcharakteristik für satten Durchzug zwischen 60 und 100 km/h. Sogar bis 140 km/h kann die Fazer mit den stärksten 600er-Supersportlern mithalten, die auch noch über 20 Kilogramm leichter sind! Dazu passt die vibrationsdämpfende Lagerung des Triebwerks in Gummipuffern, die fast alles schluckt, was ihm an Kribbeleien von der Kurbelwelle geht. Fast alles, weil in der Gegend um 3500/min das Blech der Tankoberseite in Resonanz zu den Motorschwingungen gerät und ein hohl tönendes Heulen erzeugt.Auch im Ansturm auf den Leistungsgipfel hat die Fazer eine Menge zu bieten. 90 PS an der Kupplung, um genau zu sein, und ein Beschleunigungsvermögen, das sich geschickt einpasst zwischen die Gemütlichkeit einer Suzuki Bandit 600 und die hochtourige, abseits der Rennstrecke kaum abrufbare Dynamik einer Yamaha YZF-R6 oder Suzuki GSX-R 600. Soll heißen: Was man an Leistung einsetzen kann, hält der Vierzylinder allemal willig und auch bei Maximaldrehzahl fast vibrationsfrei parat. Weil der Leistungszenit bei 11200/min, also nahe bei der Höchstdrehzahl liegt, lohnt sich schnelles Schalten beim Spurt von Kurve zu Kurve. Dabei stört das hakelige Getriebe ein wenig, welches zudem kernige Schaltgeräusche produziert. Es ist auch allein verantwortlich dafür, dass die Lastwechsel im unteren Drehzahlbereich etwas abgehackt vonstatten gehen; denn der Motor findet immer einen sanften Übergang von Gas zu nach Gas auf und wieder zurück.Vermutlich liegt das Gemisch im Teillastbereich etwas auf der fetten Seite; dafür spricht neben dem Ansprechverhalten auch der Landstraßenverbrauch auf der MOTORRAD-Testrunde. Mit 5,6 Liter auf 100 Kilometer lag er zwar etwas günstiger als beim Vergleichstest im Frühjahr (siehe Heft 9), aber immer noch recht hoch. Reichweitenprobleme bekommt die Fazer dank ihres 20 Liter fassenden Tanks trotzdem nicht.Vielleicht könnte Yamaha ja sogar einen Teil des reichlichen Volumens zugunsten einer ergonomisch günstigeren Form opfern. Mit einem im hinteren Teil schmaleren Tank, vielleicht noch etwas eingezogenen Rahmenoberzügen, hätte der Fahrer endlich die Fazer-typische und lästige Kante im Knieschluss los. Und käme ähnlich gut zu sitzen wie der Beifahrer seit der Tieferlegung der Soziusfußrasten. Perfekt wäre seine Position jedoch erst, wenn die Yamaha-Ergonomen auch in Sachen Lenkerkröpfung und Lenkerhöhe den Königsweg finden würden. Obwohl fürs Modelljahr 2001 zum zweiten Mal geändert, geriet der Lenker zu hoch und ein wenig zu schmal, so dass sich der Fahrer zwar aufrecht und kommod, aber mit merkwürdig eng gestellten Ellbogen platziert findet. Doch obgleich es noch etwas besser ginge, vermittelt die Sitzposition spontan das Gefühl, jederzeit den Überblick und das Motorrad im Griff zu haben. Das ist die Hauptsache.Ziemlich unbefangen pfeffert der stressbefreite Fazer-Fahrer also sein Bike in die Schräglagen kniffeliger Kurvenfolgen und freut sich am äußerst agilen Einlenkverhalten seiner schmal bereiften Maschine. Der 110er-Vorderreifen und der 160er hinten machen zwar beim Parken vor der Eisdiele nicht so viel her wie fettere Gummis, tragen aber entscheidend zum leichten Handling bei und halten das Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage gering.Je nachdem, ob die Straße schön eben oder von Schrunden und Wellen überzogen ist, kann der FZS-600-Treiber unbefangen weiterkurven oder muss seiner Fahrfreude die Zügel anlegen. Denn mit Bodenwellen kann das Fazer-Fahrwerk und vor allem die Gabel nur bis zu mittlerem Tempo einigermaßen umgehen. Es fehlt ihr nicht so sehr an Federhärte, es fehlt an Dämpfung, und zwar beim Ein- und Ausfedern gleichermaßen. So gerät das Vorderrad auf Bodenwellen in kurzzeitige hochfrequente Bewegungen, das neudeutsch so genannte Chattering, anstatt die Kontur der Fahrbahnoberfläche nachzuzeichnen. Eine Fahrt auf der Kreisbahn des MOTORRAD-Testparcours bringt diesen Effekt klar und ungestört von anderen Einflüssen zutage. Zweimal pro Runde muss dort in Schräglage eine etwa eineinhalb Zentimeter tiefe, oder besser flache Rinne durchfahren werden. Dort chattert das Vorderrad bei einem Tempo von 51 km/h im Messpunkt so stark, dass der Reifen die Haftung verliert und nur eine sofortige energische Reaktion den Tester vor dem Sturz bewahrt. Zum Vergleich: Die YZF-R6 umrundete die gleiche Kreisbahn mit 57,3 km/h im Messpunkt und 0,7 Sekunden schneller als die Fazer.Bei den gerissenen Schräglagenwechseln im schnellen Handling-Parcours federt die Gabel der Fazer gar so vehement aus, dass beim Schwenk durch die Mittellage das Vorderrad deutlich und lange abhebt, ein Zeichen für zu geringe Ausfederdämpfung. Veränderungen an der Federbasis besserten beide Symptome nicht mess- oder spürbar. Zur richtigen Einordnung sei noch angefügt: Wirklich schlimm ist das alles nicht, aber wie schon in anderem Zusammenhang sollte der Fazer-Pilot auf sein Motorrad hören. Schließlich erzählt es hier vom Grenzbereich.Wie sich beim Bremsen zeigt, lohnt es sich, die Gabelfedern ganz vorzuspannen. Das Gefühl für das Vorderrad und die Dosierung der ausgesprochen wirkungsvollen Bremse wird besser, der Bremsweg kürzer als bei den Vergleichsmessungen mit ganz herausgedrehter Federbasis. Und weil die Fazer auch mit voll vorgespannten Gabelfedern weder zum Lenkerschlagen, noch zum Lenkerpendeln bei hohem Tempo neigt, empfiehlt MOTORRAD diese Einstellung wärmstens. Wie überhaupt, trotz der erwähnten Schwächen, das ganze Motorrad.

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