Tourer/Sporttourer (Archivversion) Alpen Erster Klasse

Man ist mit ihnen komfortabel unterwegs, sicher und schnell am Ziel. Doch was taugen gut ausgestattete Reisemotorräder, wenn sich das breite, glatte Asphaltband in den Bergen zu einem Knäuel aus schmalen Fäden verknotet?

BMW F 800 ST
BMW K 1200 R Sport
Moto Guzzi Norge 1200 GT
Yamaha FJR 1300 AS

Die Straße windet sich in sanften Bögen durch die ockerfarbene, monoton wirkende Landschaft. Kein Baum, kein Strauch, noch nicht einmal Bergblumen sind zu sehen. Zumindest am Horizont strahlt blau der Himmel. Eckig, ohne saubere Linie biegt der Motorradfahrer um die Kurven. Er wirkt unbeholfen, fast schon unsicher. Ob er sich hier nicht auskennt? Kann eigentlich nicht sein. Denn sein Motorrad bewegt sich GPS-gesteuert auf dem Navi-Bidschirm. Die Wirklichkeit am Col du Galibier sieht viel, viel schöner aus.
Kompletter geht’s nimmer
Das Navigationssystem an Yamahas Super-Tourer FJR 1300 gibt es nur gegen Aufpreis, doch auch ohne dieses geographische Helferlein ist der seidig-sanfte, Vierzylinder mit gemessenen 135 PS und fülliger Drehmomentkurve nicht nur motorisch bestens gerüstet. Von der elektrisch einstellbaren, gut schützenden Verkleidungsscheibe, Heizgriffen, ABS und der präzisen Verbundbremse bis hin zu zum Koffersystem ist serienmäßig alles vor-handen, was das Reisen angenehm und sicher macht. Gegen Aufpreis ist sogar eine Halbautomatik zu haben, wie sie die Testmaschine besitzt.
Lässig lassen sich die Gänge ohne zu kuppeln exakt durchzappen. Mit mächtig Druck geht’s locker flockig voran. Nur der schwergängige Gasdrehgriff entwickelt sich im Lauf des Tages zum wahren Horror. Bereits nach ein paar Stunden Fahrzeit beginnen Handfläche und Handgelenk vom Festhalten und Ziehen zu schmerzen.
Die komplette Ausstattung wiegt schwer: 297 Kilogramm, das ist Rekord in diesem Vergleichsfeld. Gewicht, das allgegenwärtig ist, besonders in den Bergen. Beim Bremsen vor Kehren, beim Umlegen vor Kurven spürt man jedes Kilogramm. Mit ihren komfortorientierten Federelementen liegt die FJR satt auf der Straße, aber von Handlichkeit kann keine Rede sein. Bei sportiver Fahrweise gautschen die Federelemente, geht die Telegabel bei harten Bremsmanövern schon mal auf Block.

Leicht und beschwingt
Die BMW F 800 ST bringt fast 80 Kilogramm weniger auf die Waage. Dafür hat sie aber auch zwei Zylinder sowie 500 Kubikzentimeter Hubraum weniger und mit 90 PS eine deutlich geringere Leistung. Ein großes Handikap? Der Motor hängt geschmeidig am Gas, zeigt wenig Lastwechselreaktionen und lässt sich nahezu geräuschlos schalten. Aber die F 800 müht sich angestrengter den Berg hinauf, verlangt häufiger nach Gangwechseln und muss mehr gedreht werden als die FJR. Erstaunlicherweise schlägt sich das nicht auf den Kraftstoffkonsum aus. Im Gegenteil: Mit 4,6 Litern ist der Zweizylinder sogar extrem sparsam.
Dank ausgewogenem und neutralem Fahrverhalten ist die F 800 ST problemlos zu beherrschen. Ob Spitzkehren oder schnelle Wechselkurven, jegliche Radien durchfährt sie auf einer schönen, sauberen Linie. Handlich allerdings ist auch sie nicht. Feinfühlig sprechen ihre komfortabel abgestimmten Federelemente an, und selbst welliger, erodierter Fahrbahnbelag kann ihrer Fahrstabilität wenig anhaben. Lediglich ihre mäßig dosierbare Vorderradbremse mag nicht so recht ins gute Bild vom Fahrwerk passen. Letztlich aber fällt sie wegen ihrer nicht so üppigen Ausstattung, des schlechteren Sitzkomforts für Fahrer und Beifahrer und auch wegen des mäßigen Wind- und Wetterschutzes hinter die FJR auf Platz drei zurück.

Die Basis stimmt
Bassiger Motorrad-Sound hallt von den Felsmassiven zurück. Was für ein Klang! Und typisch für eine Guzzi. Weniger typisch ihr Outfit. Mit eleganter Verkleidung, höhenverstellbarer Scheibe und bequemer Sitzbank sowie Koffern macht die Norge voll auf Tourer. Außerdem ist ein ABS serienmäßig an Bord.
93 PS soll der Zweizylinder leisten. Der Prüfstand findet nur 82, die entfalten sich dafür ganz homogen auf der Drehzahlleiter bis 7600/min, sodass der erwartete, aber fehlende kraftvolle Antritt aus niedrigen Drehzahlen zu verschmerzen ist. Ein wenig Schaltarbeit im leichtgängigen Getriebe ist angesagt, wenn’s flotter vorwärtsgehen soll. Mit 5,5 Liter Super fällt der Kraftstoffverbrauch erfreulich niedrig aus, die Reichweite von über 400 Kilometern ist enorm.
Überraschend ist, wie spielerisch leicht die Reise-Guzzi gen Gipfel wedelt. Ihre 278 Kilogramm Gewicht kaschiert sie durch geschickte Verteilung der Pfunde und überzeugt so durch enorme Handlichkeit und präzise Lenkung. Über verwinkelte Alpenstraßen zu kurven macht richtig Laune. Leider haben die Italiener den komfortablen Tourer nicht konsequent zu Ende konstruiert. Das Zentralfederbein stößt unter Beladung an seine Grenzen. Und die gut dosierbaren, kräftigen Bremsen zeigten Grenzen in ihrer Belastbarkeit. Nach einer hitzigen Talfahrt heizte sich der hintere Stopper so sehr auf, dass sich die verpresste Bremsleitung aus dem Fitting löste. Hoffentlich ein Einzelfall.
Ein Kraftpaket
Probleme mit den Bremsen sind der K 1200 R Sport fremd. Gewaltig greifen ihre Bremszangen in die Scheiben, verzögern den 246 Kilogramm schweren und gemessenen 162 PS starken Reihenvierzylinder vehement. Nur eine etwas bessere Dosierbarkeit und ein klarer definierter Druckpunkt wären wünschenswert, um die Fahrdynamik des Sporttourers noch besser genießen zu können. Satt liegt sie auf der Straße, feinfühlig reagieren die Federelemente auf Fahrbahnunebenheiten. Buck-liger Asphalt, Schlaglöcher – das (aufpreispflichtige) ESA-Fahrwerk bewahrt stets die Ruhe. Im straffen »Sport«-Modus ist es um die ohnehin hohe Lenkpräzision am besten bestellt. Prima bleibt die K auf Kurs, setzt nirgends auf, kippelt selbst in engen Kehren nicht, aber von einem Handling-Wunder ist sie weit entfernt.
Ihr Vierzylinder ist eine Wucht, seidenweicher Lauf und sanfte Gasannahme sowie geschmeidige Gangwechsel garantieren relaxtes Feeling. Bereits aus niedrigen Drehzahlen schiebt das Triebwerk mächtig an, weshalb man kaum schalten muss. Obenraus besitzt er brachialen Schub.
Das Rundum-sorglos-Paket aus bärenstarkem Motor und souveränem Fahrwerk verschafft der K 1200 R Sport schließlich den Klassensieg, obwohl sie bei beim Sitzkomfort sowie beim Wind- und Wetterschutz nur durchschnittlich abschneidet.

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