Tourer/Sporttourer (Archivversion) Zufrieden mit sich

Das Klischee des gemeinen Tourenmotorrads: gut ausgestattet und komfortabel auf der Anreise, in den Alpen jedoch eher schwerfällig und behäbig. Das dies nicht unbedingt stimmen muss, sollten vier Bikes beweisen, die die Kategorie Tourer/Sporttourer im Alpen-Masters vertreten.
In puncto Agilität zeigt die Honda
VFR in dieser Gruppe, wo der Hammer hängt. Vollgetankt lediglich 249 Kilogramm schwer, wartet sie mit einem perfekt abgestimmten Fahrwerk auf, das die Widrigkeiten der Teststrecke nahezu optimal wegsteckt und darüber hinaus bei Beladung noch Reserven offeriert. Vergleichsweise geringe Federwege von 109 Millimeter vorn und 120 hinten sorgen für Transparenz und ein direktes Feedback. Die VFR lenkt präzise und neutral ein. Doch vor den Kehren offenbart sich ein in diesem Umfeld nicht unbedeutendes Manko: Das sehr gut funktionierende ABS ist mit einer Verbundbremse kombiniert – wer hinten bremst, aktiviert automatisch zwei Kolben der vorderen Bremse. Dies erschwert es, extrem kleine Radien in den engen Kehren mit
der Unterstützung der hinteren Bremse zu realisieren.
Ein weiterer Nachteil der VFR ist hubraumbedingt. Gegen die mindestens 250 cm3 stärkere Konkurrenz sieht der 800er-V4 blass aus. Es mangelt an Punch aus niedrigen Drehzahlen, was sich vor allem beim Beschleunigen aus engen Bergaufkehren bemerkbar macht. Und das VTEC-System, also der Übergang von Zwei- auf Vierventilbetrieb bei 7000/min, verhindert ein harmonisches Gleiten oder Kehrenzappen und sorgt für Unruhe. Mehr Volumen und ein kontinuierlicher Schub in der Drehzahlmitte würden dem Charakter eines solchen Sporttourers besser entsprechen.
Auch der zweite Sporttourer im Quartett der Reisebikes, die Triumph Sprint ST, ist nicht frei von Schwächen. Sowohl der Gabel als auch dem Federbein fehlt es
an Zugstufendämpfung. Bereits im Solobetrieb ohne Gepäck macht sich das lasch dämpfende Federbein bemerkbar. Es zieht sich beim Beschleunigen aus Kehren stark in die Kompression, lässt beim Überfah-
ren von Senken und Bodenwellen zu viel Bewegung ins Fahrwerk und verwässert
so das Balancieren auf der Ideallinie. Hin-
zu kommt ein kippeliges Einlenkverhalten übers Vorderrad. Speziell in engen Kurven klappt das Rad abrupt in Schräglage. Neutrales Verhalten ist anders.
Doch die hohe Spitzenleistung (gemessene 126 PS) sowie die sehr gelungene Motorabstimmung der Sprint machen vieles wieder wett. Der Dreizylinder hängt ganz direkt am Gas, liefert über den
gesamten Drehzahlbereich konstant und
harmonisch seine Leistung ab. Selbst in großer Höhe ist kein Substanzverlust spürbar. Einfach Klasse! Zwar lässt sich das Getriebe nicht so sahnig-sanft schalten wie das einiger japanischer Mitstreiter, doch damit kann man leben. Zumal kein signifikantes Spiel im Antriebsstrang spürbar ist. Kritik erntet das ABS, es braucht nach einem Regelvorgang eine Weile, bis die maximale Bremsleistung wieder aufgebaut ist. Längere Bremswege sind die Folge. Was auf dem schrundigen Belag so mancher Pässe, wo das ABS häufiger eingreifen muss, besonders unangenehm ist.
Solche Situationen meistert das ABS der Yamaha FJR 1300 A besser. Obwohl die Bremsanlage des Tourenflaggschiffs der Japaner mit guter Funktion überzeugt, kommt es bei extremen Abfahrten, vor
allem mit Beladung, jedoch mitunter zu
Fading an der hinteren Bremse. Der Vierzylinder kann aus dem Vollen schöpfen, besitzt Kraft in der Mitte und oben. Subjektiv hat man das Gefühl, es könne unten ruhig etwas mehr passieren, was aber wohl daran liegt, dass der Motor sehr weich und nicht so aggressiv am Gas hängt wie der Sprint ST-Triple. Denn an Druck fehlt es der gemessen 137 PS starken FJR in Wirklichkeit nirgends.
Ernstere Kritikpunkte sind die geringe Schräglagenfreiheit und ein mitunter diffuses Einlenkverhalten. Bedingt durch die Rahmengeometrie und die Metzeler-Bereifung ME Z4 artet das Treffen der Ideallinie schon bei zweitklassigen Straßen zur Konzentrationsübung aus. Und das Gewicht von 283 Kilogramm fördert das Handling ebenfalls nicht gerade. Weniger Leergewicht würde außerdem die Zuladungskapazität erhöhen, 20 Kilogramm mehr wären wünschenswert. In den heißen Tälern fällt des weiteren auf, dass der Motor enorme Hitze an die Beine des Fahrers abstrahlt. Trotz alledem: Die FJR ist ein ausgewogener, zuverlässiger Tourer mit fast spielfrei arbeitendem Kardanantrieb, guter Ergonomie, hervorragendem Wetterschutz und gut funktionierendem ABS. Diese Tugenden sicherten ihr nicht nur drei Jahre lang den ersten Podestplatz bei zahlreichen Vergleichstests, sondern auch beim Alpen-Masters den zweiten Platz in ihrer Gruppe.
Das Bessere ist des Guten Feind. So verweist die BMW R 1200 RT ihre drei Kontrahenten auf die Plätze. Der jüngst renovierte Bayerntourer wirkt schon im Stand monumental. Riesige Verkleidung, riesiger Lenker, bestens integrierte, große Koffer. Alles halb so schlimm, das Fahren straft den Anblick Lügen. Die RT lässt
sich unglaublich dynamisch bewegen. Sie liefert bereits aus niedrigen Drehzahlen
ordentlich Drehmoment, die Leistungsentfaltung ist schön sanft und berechenbar. Der Boxer hängt fein am Gas und gibt
sich sogar in höchsten Drehzahlen noch richtig eifrig. Eine Motorencharakteristik, die nahezu perfekt in dieses Umfeld passt.
Womit man allerdings klarkommen muss: Selbst in der niedrigen Position
ist die Sitzhöhe in Verbindung mit der
breiten Komfortsitzbank für Kurzbeinige
nur bedingt geeignet. Und die Sicht wird
durch die massige Front eingeschränkt, was direkt vor dem Rad passiert, lässt
sich nur erahnen. Die großen Vorzüge der BMW: erstklassiger Wetterschutz, geringer Verbrauch, hohe Reichweite, gelungene Getriebeabstufung. Zudem ist das Fahrwerk äußerst stabil sowie dank elektrischer Verstellung (aufpreispflichtig, 650 Euro) schnell an wechselnde Bedingungen anzupassen. Selbst volle Beladung – 223 Kilogramm ist der Bestwert im Vergleich – bringt die Fuhre nicht ins Trudeln. Und der Komfort überzeugt. Obwohl der zweite Gang beim Testexemplar einige Male raussprang und die Lastwechselreaktionen geringer sein könnten – die BMW R 1200 RT schnappt sich die Krone des Masters in
ihrer Klasse.

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